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    Zur Debatte über Papst Pius XII. und sein Engagement für die von NS-Regime verfolgten Juden: Hochhuth wirkt noch immer nach: Dafür kamen Priester ins KZ: Wie hätte ich zu jener Zeit gehandelt?: Öffentlicher Protest hat geschadet

    Die Diskussion um Papst Pius XII. kommt nicht zur Ruhe; und leider bewegt sie sich noch immer oft auf der Basis des verleumderischen Dramas „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth. Als Schweizerbürger mit einem beachtenswerten Archiv über Papst Pius XII., dem man weder Verdrehung der Tatsachen noch Verstrickung in die Shoah nachsagen kann, möchte ich feststellen: Papst Pius XII. hat zur Judenverfolgung nicht geschwiegen. Er hat mit vielen Mitarbeitern im und außerhalb des Vatikans (Kardinäle, Bischöfe, Nuntien, Priester, Ordensleute und vielen hohen Persönlichkeiten im Laienstand) in Italien und darüber hinaus mehr jüdische Menschen vor der Vernichtung durch den nationalsozialistischen Staat gerettet als alle anderen Hilfsorganisationen zusammen.

    Die Diskussion um Papst Pius XII. kommt nicht zur Ruhe; und leider bewegt sie sich noch immer oft auf der Basis des verleumderischen Dramas „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth. Als Schweizerbürger mit einem beachtenswerten Archiv über Papst Pius XII., dem man weder Verdrehung der Tatsachen noch Verstrickung in die Shoah nachsagen kann, möchte ich feststellen: Papst Pius XII. hat zur Judenverfolgung nicht geschwiegen. Er hat mit vielen Mitarbeitern im und außerhalb des Vatikans (Kardinäle, Bischöfe, Nuntien, Priester, Ordensleute und vielen hohen Persönlichkeiten im Laienstand) in Italien und darüber hinaus mehr jüdische Menschen vor der Vernichtung durch den nationalsozialistischen Staat gerettet als alle anderen Hilfsorganisationen zusammen.

    Der britische Historiker Sir Martin Gilbert, selbst Jude, der international als einer der bester Kenner des Holocaust gilt, fasst das so zusammen: „Pius XII. hat äußerst verantwortungsvoll gehandelt und die richtige Entscheidung (in einer der schwierigsten Zeiten der Weltgeschichte) gefällt.“ Diese Erkenntnis sollen alle Kritiker dieses großen Papstes, der nicht den Weg des Protestes nach außen, sondern den des effizienten Wirkens im Stillen ging, zur Kenntnis nehmen.

    Kritiker seiner Person und seines Wirkens, ob aus dem Judentum oder aus anderen Kreisen, wären gut beraten, die Größe und persönliche Integrität dieses Papstes anzuerkennen. Im übrigen möchte ich vor allem den deutschen Kritikern die Frage stellen, wie und in welchem Ausmaß die Familien derer, die Pius XII. Feigheit und Hitlernähe unterstellen, Widerstand gegen das NS-Regime geleistet und verfolgten Juden geholfen haben? Aus der Sicherheit rechtsstaatlicher Verhältnisse nach dem Krieg urteilt es sich leicht darüber, was Papst Pius XII. und die Christen in Europa und aller Welt gegen die Shoah hätten tun müssen.

    Ulrich Melzer setzt in seinem Leserbrief an die „Tagespost“ (21. Januar 2010) den Mut des Bischofs von Münster in Gegensatz zum vorsichtigen Verhalten von Papst Pius XII. Hitler wagte nicht, gegen den Kirchenfürsten einzuschreiten. Stimmt! Allerdings verschwanden als Folge davon daraufhin 24 Weltpriester und 13 Ordensgeistliche aus seinem Bistum in Konzentrationslager, aus denen zehn nicht mehr lebend herauskamen. Andere wurden wegen Verbreitung der Predigten des Bischofs von Münster offiziell hingerichtet. Für den Bischof war dies überaus bedrückend, und er hat in der Folge keine solchen konfrontativen Predigten mehr gehalten. Diese grausame Taktik hat Hitler öfters praktiziert. Wenn ein Bischof ein allzu offenes Wort sprach, hat dafür einer seiner Priester oder haben auch mehrere dies mit dem Tode gebüßt. Die Bischöfe wollte sich Hitler für den Endsieg, der Gott sei Dank, so muss man sagen, nicht mehr eintraf, aufheben.

    Schwester Pascalina Lehnert, die den Haushalt bei Papst Pius XII. besorgte und ihm auch menschlich sehr nahestand, berichtet in ihrem Buch „Ich durfte ihm dienen“, wie der Papst einmal einen Protest, der im „Osservatore Romano“ erscheinen sollte, in der Küche verbrennen ließ, da er erfahren hatte, dass ein Protest der holländischen Bischöfe 40 000 Menschenleben kostete. Des Papstes Protest wäre noch schärfer gewesen, die Rache Hitlers aber vermutlich noch viel grausamer. Das glaubte der Papst vor seinem Gewissen nicht verantworten zu können. Gott allein weiß sicher, wie sehr der Papst im Gebet gerungen haben mag, die richtigen Worte zu finden und Maßnahmen zu setzen, um noch schlimmeres Unheilt zu verhindern.

    Es ist leicht, heutzutage von sicherer Position aus zu urteilen beziehungsweise zu verurteilen. Für das, was vor mehr als einem halben Jahrhundert geschah, wird sich unsere Zeit vor Gott und der Nachwelt nicht verantworten müssen, verantworten muss sie sich sicher aber für den millionenfachen Mord an ungeborenen Kindern, der in unserer Zeit geschieht. Auch dieses Verbrechen schreit zum Himmel. Aber daran gewöhnt man sich in unserer Zeit und beruhigt sich mit dem Wort: „Das Recht geht vom Volk aus!“ In Wirklichkeit geht es aber von Gott aus.

    Zum Leserbrief „Galens mutiges Verhalten“(DT vom 21. Januar): Hier geht es um die beiden Seiten der gleichen Medaille. Zum einen, Pius XII. konnte sich ja gar nicht anders verhalten als „vorsichtig“. Jedes Wort gegen das Handeln der NS-Machthaber hat im Endeffekt das Gegenteil von dem bewirkt, was es bewirken sollte. Statt eines erhofften Einlenkens und Erleichterungen gab es vermehrt Repressalien. Erinnert sei an die Reaktionen auf die Enzyklika von Pius XI. „Mit brennender Sorge“ 1937, des weiteren an den Protest der niederländischen Bischöfe 1942 gegen die Verfolgung jüdischer Bürger. Die Folge waren rabiate Deportationen nicht nur jüdischer Bürger in die KZs, unter anderen Edith Stein. Was Pius XII. durch sein Verhalten bewirkt und erreicht hat, berichtet vor allem der jüdische Historiker Pinchas E. Lapide.

    Zur anderen, Graf von Galen: Hitler wagte nicht gegen den Kirchenfürsten vorzugehen, weil dieser sich mutig in seinen Predigten gegen das NS-Regime gewandt hatte. Keinem Bischof wurde in der NS-Zeit – volkstümlich gesprochen – ein Haar gekrümmt, nicht um sie zu schonen, sondern aus rein taktischen Erwägungen. Die Abrechnung sollte nach dem „Endsieg“ erfolgen. Zunächst waren verstärkte Repressalien gegen den Klerus die Antwort. Mehr als 2 500 Priester waren in Dachau, mehr als 1 000 von ihnen starben.

    Auch Graf von Galen wurde vorgeworfen, er habe in erster Linie für die Rechte der Kirche gekämpft und für die bedrohten Juden nichts getan. Dabei wird außer Acht gelassen, dass von Galen auf geplante öffentliche Proteste verzichtete, weil er von Juden darum gebeten wurde.

    Im übrigen, vor aller Kritik soll man sich fragen, wie hätte ich, wie hätten wir an deren Stelle zu jener Zeit in der konkreten Situation gehandelt?

    Der Meinung des Herrn Ulrich Melzer („eine öffentliche Intervention gegen die staatlich organisierten Morde“ hätte kaum geschadet) (Leserbrief, DT vom 21. Januar) muss ich entschieden widersprechen. Tatsache ist: Am Tag nach der „Reichskristallnacht“ (9. November 1938) besuchte Clemens August von Galen sofort die jüdische Gemeinde und bot dem Rabbiner Dr. Steinthal an: „Ich gehe morgen für Sie auf die Kanzel, um diese Gräueltaten öffentlich anzuprangern. Aber bitte, geben Sie mir vorher schriftlich, dass Sie es mir nicht anlasten, wenn dann die SS und die SA aus Rache noch schlimmer zuschlagen.“

    Dr. Steinthal erbat sich Bedenkzeit und sagte einen Tag später zum Bischof: „Bitte, tun Sie's nicht, sonst wird es ja noch schlimmer!“ Daraufhin verzichtete von Galen auf einen öffentlichen Auftritt. Er half jedoch heimlich und ordnete an, dass in den Pfarreien für die verfolgten Juden gebetet werde. Für Bischof von Galen persönlich hatte sein Protest gegen die Ermordung Geisteskranker keine Folgen. Ihn bedrückte aber sehr, dass an seiner Statt 24 Weltpriester und 13 Ordensgeistliche aus der Diözese Münster ins Konzentrationslager gebracht wurden und zehn von ihnen dort gestorben sind. Die von Galen damals verurteilten Maßnahmen wurden aber – nach kurzer Unterbrechung – erneut verstärkt aufgenommen.

    Dass öffentliche Proteste gegen Judenpogrome stets geschadet haben und auch von Fachkundigen abgelehnt wurden (zum Beispiel von Robert W.M. Kemper, stellvertretender amerikanischen Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen und Sir Martin Gilbert, britischer Historiker, zeigt mein Buch „Glaubenszeugen oder Versager? Katholische Kirche und Nationalsozialismus, EOS-Verlag, St. Ottilien 2009.

    Markus Carloni, Vorsitzender der Kath. Volksbewegung Pro Ecclesia des Kantons Zürich, CH – 8488 Turbenthal

    P. Leopold Strobl OSB,

    A-5112 Lamprechtshausen

    Franz Hoppelsh