Zum Leserbrief „Warum kritisieren Sie Hans Küng?“: Der Papst ist ein radikaler Realist: Welche Dogmen töten Liebe?

Der Leserbrief von Frau Dr. Elfriede Haglmüller „Warum kritisieren Sie Hans Küng“ (DT vom 28. Februar) ist ein typisches Beispiel für ein völlig falsch verstandenes säkularisiertes Klischee von einer Wunschkirche. Leider ist es in der Bevölkerung sehr weit verbreitet. Dahinter steckt der Gedanke, dass Kirche doch eigentlich nur den Zweck hat, einem „Gutmenschentum“ zu dienen und der Kitt für eine demokratische Gesellschaft zu sein. Der Hauptprotagonist dieser Form von Kirche ist seit den siebziger Jahren Hans Küng (in den Achtzigern musste er sich dieses Amt mit Eugen Drewermann teilen). Hans Küng soll nun für diese menschenfreundliche und offene Kirche stehen. Warum eigentlich? Nur weil er die Unfehlbarkeit anzweifelt und gegenüber bestimmten Dogmen eine kritische bis ablehnende Position bezieht? Den Namen Hans Küng habe ich als zwölfjähriger Ministrant erstmals gehört. Damals predigte der Subsidiar meiner Heimatgemeinde an mehreren Sonntagen über den Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis von Küng. Dieser Priester war ein promovierter Theologe und er begründete die Notwendigkeit des Entzugs der Lehrerlaubnis auf eine so niveauvolle und verständliche Weise, dass ich mich auch nach dreißig Jahren noch daran erinnere. Sein ganzes Priesterleben war er als Gefängnisseelsorger tätig und verkörperte vermutlich das Wunschbild von Frau Dr. Haglmüller, denn er war den Menschen überaus zugewandt. Und gerade deshalb war für ihn klar: Priester und Christ kann ich nur mit der Kirche sein und dazu gehört auch die gesamte kirchliche Lehre (die es übrigens nur im „Kombipack“ gibt). Das hat er den Menschen so glaubwürdig verkündet und selbst auch gelebt.

Von Hans Küng ist immer nur dasselbe zu hören: Frauenpriestertum, Freistellung des Zölibates, andere Sexualmoral. Das nun soll den Menschen helfen und eine menschenfreundliche Kirche verkünden? Auch sein viel gepriesenes „Weltethos“ ist doch nur durch die Ausklammerung der Gottessohnschaft Jesu Christi zustande gekommen. Und wie weit die Entfremdung Küngs von der Kirche führt, zeigt sein Einsatz für aktive Sterbehilfe – konkret für seinen demenzkranken Freund und Nachbarn Walter Jens. Die Menschenliebe Küngs kennt also auch Grenzen. Dass nun ausgerechnet Papst Benedikt XVI. Küng zu sich eingeladen hatte, obwohl dieser Joseph Ratzinger über Jahrzehnte bekämpft hat, spricht doch wohl für die menschliche Größe dieses Papstes. Aber darüber wird geschwiegen. Der Papst geht als guter Hirte auf diejenigen in der Kirche zu, die sich verrannt haben – sei es in die rechte oder in die linke Ecke. Wo der Papst ist, da ist nun einmal die Mitte und die Mitte ist Christus.

Ein anderes Klischee, das auch Leserin Dr. Haglmüller übernimmt, ist das vom weltabgewandten Theologenpapst. Wer so schreibt, hat keines der Bücher Ratzingers ernsthaft gelesen. Joseph Ratzinger ist ein radikaler Realist. Und deshalb ist er zum Papst gewählt worden! Jeder Bischof und jeder Kardinal dieser Erde kennt ihn persönlich. Bei den Ad-Limina-Besuchen hat jeder Bischof auch den Präfekten der Glaubenskongregation besucht. Ratzinger kennt die kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den meisten Ländern der Erde aus erster Hand. Die Kardinäle haben ihn gewählt, weil er weiß, was in der Kirche los ist und was die Kirche jetzt braucht: Innere Versöhnung und die Rückführung auf den Grund ihres Daseins: Jesus Christus. Kirche ist kein Verein und keine Partei und kein Weltverbesserungsinstitut, sondern die Familie der Kinder Gottes. Eine Gemeinschaft, die – wie es der Papst immer sagt – hinter Jesus herläuft. Ich habe fast alles von Ratzinger gelesen. „Schöne Bücher“ (Haglmüller) hat er geschrieben. Aber immer realistische. Er ist der erste Papst, der in seinen Enzykliken nicht-christliche Autoren zitiert und konkret auf die wirklichen Verhältnisse eingeht (wie zum Beispiel auf die Caritasarbeit). In jeder Auslegung in seinem Jesus-Buch gibt er Beispiele. In seiner Exegese des „Barmherzigen Samariters“ vergleicht er sogar den von Räubern zusammengeschlagen Mann mit dem am Boden liegenden Kontinent Afrika. Realist ist er aber auch – und das wollen viele nicht hören – in Bezug auf die innerkirchlichen Verhältnisse und trifft Entscheidungen, die schmerzlich, aber notwendig sind.

Und schließlich die „Dogmen“, die für eine verknöcherte Kirche stehen und angeblich mit Liebe nichts zu tun haben. Es gibt ja eigentlich nur ein Dogma: das Credo. Alle Dogmen der Kirche haben das Ziel, den einen Glauben unverfälscht zu bewahren, um ihn von Generation zu Generation weiterzugeben. Ich kann doch den Glauben nicht immer neu erfinden. Dann wäre vom Ursprung Jesus Christus irgendwann nichts mehr zu erkennen. Auch der Staat hält in der Verfassung fest, was für ihn unantastbar ist. Die Kirche hält den Glauben an den dreifaltigen Gott fest und das ist ihre ureigenste Aufgabe. Dieser Gott ist die Liebe.

Frau Dr. Haglmüller legt in ihrem Brief ein eindeutiges, sehr subjektives Bekenntnis zur einseitigen Interessenvertretung für einen durch völlig überzogene Anpassung an den aktuellen Zeitgeist orientierten Glauben ab. Sie unterstellt dem Vatikan irrtümlicherweise die Absicht zum Rückwärtsgang. Sie verklärt die theologischen Leistungen des Herrn Küng und sieht nicht, welchen großen Schaden er dem Katholizismus seit Jahren zufügt. Seine riesengroße Unterstützung durch die Massenmedien haben ihn selbstgerecht, überheblich, rechthaberisch und unbelehrbar gemacht. Doch auch sehr gebildete Menschen mit allen ihren unbezweifelbaren Charismen sind letztlich nicht vor Irrtümern geschützt. „Die Tagespost“ polemisiert nicht gegen Herrn Küng, sondern ihre Schreiber sehen die Dinge sachlich zu recht oftmals anders. Der Papst schreibe schöne Bücher, die aber letztlich weltfremd seien. Die Menschen seien eben nicht so, wie die Päpste sie gerne hätten. Wer so schreibt, ist wirklich polemisch und weltfremd. Selber habe ich sehr viele Papstbücher gelesen, von Weltfremdheit darin keine Spur. Frau Haglmüller begründet nicht ihren Vorwurf der Weltfremdheit. Man müsse doch nicht seinen Verstand an der Kirchentüre abgeben. Viel klaren Sachverstand kann ich in ihrem einseitigen Leserbrief nicht ausmachen. Sie scheint auch noch nichts von dem großen Einsatz Benedikts XVI. gehört zu haben, dass Glauben und Vernunft sich ergänzen auf der Suche nach der Wahrheit. Beides sind göttliche Gaben des Menschen, die Erkenntnis möglich machen und die helfen, Irrtümer gegenseitig auszuräumen. Ja, viele Menschen haben ein schweres Leben, sie brauchen Verständnis, Hilfe, Zuwendung und viel Ermutigung. Diese Aufgabe und Verantwortung nimmt die katholische Kirche in ihrer Gesamtheit sehr gewissenhaft wahr. Die Rede von kirchlicher Verknöcherung ist zu pauschal und schlagwortartig. Mir ist überhaupt nicht klar, was Frau Haglmüller da meint. Welche Dogmen können Liebe töten? Frau Haglmüller ist auch hier pauschal und nicht konkret. Das ist eine beliebte Methode bei den kirchenkritischen Randgruppen. Die historisch-kritische Methode kann mitunter hilfreich sein in der Theologie, aber eine der Dogmatik übergeordnete Rolle grundsätzlicher Art kann sie keinesfalls beanspruchen. Hier ist das Lehramt der katholischen Kirche mit dem Papst die absolut richtige Institution als Garant der Bewahrung und gegen willkürliche Fälschung unseres überlieferten Glaubens. Auch wenn Zölibat und Verbot der Frauenweihe nicht in der Bibel begründet sind, gibt es doch sehr viele gute und wichtige Gründe, sie beizubehalten. Die katholische Kirche würde sonst großen Schaden nehmen. Ich vertraue absolut unserem Papst und seiner Verkündigung. Ich misstraue allen Angehörigen der Theologie, die unsere Kirche maßlos überzogen kritisieren. Zu den wesentlichen Voraussetzungen eines guten katholischen Christen gehören: Demut, Bescheidenheit, Friedfertigkeit, Gerechtigkeit, Liebe und Wahrheitsliebe. Das alles kann ich aber bei den notorischen Kirchenkritikern von „Wir sind Kirche“ oder „Kirche von unten“ nicht erkennen. Sie wollen eine ganz andere Kirche und sind bereit, absolute Grundlagen unseres Glaubens aufzugeben. Sie reden von „Demokratisierung“ und tun so, als wäre unsere Kirche eine Partei. In Wahrheit geht es nur um mehr Einfluss einer bestimmten Ideologie.