Zum Interview mit Bernhard Vogel über das „C“ im Parteinamen der CDU: Den Finger in die Wunde legen: Ärgerlich und irreführend

Das Interview mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (DT vom 4. Dezember) sowie der Leserbrief von Manfred Thelen (DT vom 2.12.2008), die in einem inneren Zusammenhang mit der Diskussion über das „C“ der Unionsparteien stehen, bedürfen in aller Kürze einiger Anmerkungen:

Erstens: Es ist traurig, dass der zweifellos verdiente Ministerpräsident a.D. zweier Bundesländer dem Zeitgeist-Geschwafel von einer sogenannten „Amtskirche“ anhängt – ein Begriff, der in keinem Dokument des Zweiten Vatikanums auftaucht, sondern sich allein aus der langjährigen Mitgliedschaft im Zentralkomitee auf deutschem Boden erklären lässt.

Zweitens: Wohl richtig sind die Ausführungen Vogels, „dass (...) die Bindung zu den christlichen Kirchen leider geringer geworden ist“. Nicht erwähnt wird – auch in keiner Untersuchung von sogenannten Parteienforschern –, dass die Bindung der verbliebenen Christen gegenüber den Unionsparteien aus verschiedenen Gründen langsam gegen Null geht.

Drittens: Akrobatischer Gehirnverrenkungen bedarf es, um die Aussage Vogels nachzuvollziehen, dass sich die katholische Theologin Schavan in der Stammzellendebatte des Bundestages „für die zweitbeste Lösung ausgesprochen (...), aber damit die schlechtest denkbare Lösung verhindert (hat).“ Richtig und wahrhaftig ist: Wenn alle Unionsabgeordneten gemäß ihres angeblichen „christlichen Menschenbildes“ abgestimmt hätten, wäre eine Mehrheit für die wirklich zweitbeste Lösung, nämlich die Verhinderung einer „ethischen Wanderdüne“, sprich: der Verschiebung der Stichtagsregelung zustande gekommen. Die beste Lösung wäre das ebenfalls zur Abstimmung gestandene generelle Verbot der Forschung an menschlichen Embryonen gewesen.

Viertens: Die Ausführungen des Lesers Thelen, dessen persönliche Betroffenheit zu respektieren ist, zeigen, dass er den Kern der eigentlichen Debatte nicht verstanden hat: Der (gute) Zweck – nämlich Kranken zu helfen – heiligt nicht die (schlechten) Mittel – nämlich menschliche Embryonen zu töten. Die diesbezüglichen Ausführungen des ehemaligen Bundespräsidenten Rau (SPD) in seiner „Berliner Rede“ von 2001 „Für einen Fortschritt nach menschlichem Maß“ sind nach meiner Ansicht zeitlos gültig; ähnliche Äußerungen führender Unionspolitiker habe ich bis heute nicht vernommen.

Fünftens: Die honorigen Bemühungen von Unionsabgeordneten wie Singhammer, Hüppe u.a., aber auch der SPD-Abgeordneten Renate Schmidt zur Vermeidung von Spätabtreibungen sind ohne Vorbehalt anzuerkennen. Fakt ist, dass die gegenwärtige perverse Abtreibungsgesetzgebung incl. der Möglichkeit zu Spätabtreibungen erst mit Hilfe von sogenannten „Christ“-Demokraten wie Rita Süßmuth & Co. möglich geworden ist. An die Auflage des Bundesverfassungsgerichts, die Gesetzeslage im Lichte der Entwicklung zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern, denkt offenkundig niemand. Hier herrscht Schweigen im Walde, auch in der CDU/CSU.

Sechstens: Dass Leser Thelen den genannten Leserbriefen von Günter Giesen und Gustav Busch zustimmt, verwundert nicht. Insbesondere die regelmäßig in der DT erscheinenden Erkenntnisse des ersteren erwecken stets den Eindruck, als seien sie direkt von der Pressestelle der CDU redigiert.

Siebtens:. Wenn Leser Thelen ausruft, „die politische Heimat des Christen bleiben die C-Parteien; wo denn sonst?“, so hat er zumindest mit seiner Frage ein fatales, weil derzeit nicht zu beantwortendes Thema angesprochen. Wie man hört, möchte die Kanzlerin den evangelischen Pfarrer Hintze, den eifrigen Verfechter einer schrankenlosen embryonalen Stammzellforschung, als Nachfolger des famosen EU-Kommissars Verheugen nach Brüssel schicken. Die politische Heimat des Christen bleiben die C-Parteien?

Achtens: Der unvergessene Kölner Kardinal Höffner hatte in den achtziger Jahren mit seiner Äußerung, dass die Grünen für Katholiken nicht wählbar seien, einigen Unmut erregt. Man soll die Verstorbenen ruhen lassen und nicht für politische Debatten missbrauchen. Für mich jedenfalls ist es keine Frage, was Kardinal Höffner heute zur Wählbarkeit weiter Teile von CDU und CSU sagen würde, – und übrigens auch kein Zufall, dass sein Nachfolger im Bischofsamt immer wieder den Finger in die Wunde der C-Parteien legt. Und das ist auch gut so.

Das Gespräch mit Bernhard Vogel (DT vom 4. Dezember) ist zweifach ärgerlich; einmal, weil die Behauptungen falsch sind und zum anderen die Schlussfolgerungen dümmlich.

Natürlich gibt es eine verbindliche „Deutungshoheit“ der Kirche. Sie wird vom Kollegium der Bischöfe mit ihrem es konstituierenden Haupt, dem Papst, ausgeübt. Hält es der Papst für notwendig, kann er die letztverbindliche Autorität in Glaubensfragen auch alleine wahrnehmen. Das steht klar und deutlich im Dokument des II. Vatikanischen Konzils Lumen Gentium.

Es ist geradezu irreführend (und auch den Leser veralbernd), wenn Herr Vogel im Zusammenhang mit der Stichtagsverschiebung von einer zweitbesten Lösung spricht. Über hundert sogenannte Christdemokraten, unter ihnen die Kanzlerin, der Katholik Röttgen, Herr Seehofer, Herr Ramsauer und die Theologin Schavan, stimmten für die Stichtagsverschiebung. Hätten sie christlich abgestimmt – also Nein zur Verschiebung –, wäre der Antrag nicht durchgekommen, was wohl die beste Lösung gewesen wäre.