Zu: Missbrauchsopfer beklagt Einseitigkeit der Debatte: Die Beziehung zu Gott ist mitbetroffen

In Ihrer Ausgabe vom 22. Mai setzen Sie einen Selbstbericht eines Opfers, das in der Familie traumatisiert wurde und in der Kirche einen Hort des Heils fand, zentral in den Blickpunkt, während eine Seite weiter kurz und kommentarlos von der pädophilen Straftat eines Ettaler Mönchs berichtet wird. Meinen Sie, damit der Kirche wirklich einen Dienst zu tun? Bestätigt dies nicht die Erfahrung und bittere Enttäuschung der durch Amtsträger sexuell traumatisierten Menschen, dass die Kirche mit dem Finger lieber auf Andere zeigt und Hilfe nur von außen, nur durch die säkulare Welt kommen kann, während kirchliche Amtsträger und ihnen nahestehende Medien um die Wiederherstellung der kirchlichen Reputation weit mehr besorgt sind, als darum, dass Menschenleben in wesentlichen Bereichen dauerhaft zerstört worden sind, ja, dass es sogar eine von Generation zu Generation weitergegebene Missbrauchskette innerhalb von kirchlichen Internaten gegeben hat.

Als Psychiaterin und Traumatherapeutin bin ich mit Opfern aus der ganzen Bandbreite der sexuellen Traumatisierungen von Kindern konfrontiert bis hin zu Opfern von Kinderpornographie. Leider sind erschreckend häufig kirchliche Mitarbeiter involviert, da sie ja so leichten Zugang zu Kindern haben und so rasch ihr Vertrauen und das ihrer Eltern gewinnen können. Eine sexuelle Traumatisierung durch einen Priester ist darum so besonders folgenreich für die Opfer, weil die Religion ein Kind in seinem Innersten, in seiner seelischen Mitte erreicht. Wenn dann dieser „Mann Gottes“ das Kind sexuell traumatisiert, bleiben Folgeschäden nicht nur im sexuellen Bereich, sondern auch vor allem in der Gottesbeziehung bestehen, die nie mehr vollständig korrigiert werden können. So ganz wird dieses Kind nie mehr sein Gottesbild von dem missbrauchenden Priester trennen können. Es wird ein fundamentales Misstrauen bleiben. Wie sagt Jesus: „Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, ein Ärgernis gibt, dem ist es besser, dass ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in die Tiefen des Meeres versenkt wird (Mt 18,6).

Wie Ihr Bericht zeigt, ist sexueller Missbrauch zum Beispiel durch den eigenen Vater furchtbar, doch wenn das Kind über eine gute kirchliche Anbindung Hilfe erfährt, kann manches ausgeglichen werden. Doch wo soll ein Kind sich noch innerlich hinretten, wenn es durch den Priester, der das Evangelium verkündet, missbraucht wird? Könnte es nicht sein, dass das, was jetzt über die Kirche hereinbricht, eine Art Gottesgericht ist für das, was vielen kirchlichen Insidern bekannt war, über das aber lieber der Mantel des Schweigens gebreitet wurde, statt energisch Abhilfe zu schaffen? Ich denke, dass echte Umkehr, eine wirkliche Buße und ein ehrlicher Wille zur Wiedergutmachung in jedem Fall der beste Weg ist, das Ansehen der Kirche und das Vertrauen in sie in der Gesellschaft wieder herzustellen.