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    Wie gehen Muslime mit dem Koran um?: Was heißt „Koranexegese“?

    Zum Beitrag „Muslimisches Bekenntnis zur Koranexeges“ (DT vom 26. Januar): In der Geschichte des Islam gab es mehrfach Perioden, welche den Koran der kritischen Vernunft unterzogen. Zumeist lebten die kritischen Geister nicht lang und die Theologen der reinen Lehre übernahmen wieder den rechten Kurs. Wenn Herr Ömer Özsoy in Darmstadt von der „traditionellen Auslegung des Koran nichts hält“, sondern den Blick auf „geschichtliche Zusammenhänge“ fordert, dann klingt das zunächst sehr mutig und aufgeklärt.

    Zum Beitrag „Muslimisches Bekenntnis zur Koranexeges“ (DT vom 26. Januar): In der Geschichte des Islam gab es mehrfach Perioden, welche den Koran der kritischen Vernunft unterzogen. Zumeist lebten die kritischen Geister nicht lang und die Theologen der reinen Lehre übernahmen wieder den rechten Kurs. Wenn Herr Ömer Özsoy in Darmstadt von der „traditionellen Auslegung des Koran nichts hält“, sondern den Blick auf „geschichtliche Zusammenhänge“ fordert, dann klingt das zunächst sehr mutig und aufgeklärt.

    Logischerweise muss nun die Frage gestellt werden, ob der Koran nur die damaligen Adressaten vor Augen hatte oder als übergeschichtliches Wort Allahs auch den heutigen Leser. Anders gefragt: wenn der Koran einen konkreten Bezug zur damaligen Geschichte des 7. Jahrhunderts in Mekka und Medina hatte, wie kann er Wort für Wort ewige und weltweite Geltung beanspruchen?

    Sicher gibt es Beispiele dafür, dass Koranverse nur damals Bedeutung hatten, weil sie allein die Biographie Mohammeds betreffen. Wenn zum Beispiel Allah in Sure 66,4 die schwatzhaften und unbotmäßigen Frauen im Harem Mohammeds drohend zur Reue bewegt, dann wird wohl nur ein strenggläubiger Moslem dieser Offenbarung eine übergeschichtliche Bedeutung beimessen. Das gleiche gilt für Sure 33,50, in welcher Allah seinem Propheten alle Frauen aus der Kriegsbeute in Besitz gibt, auch wenn sie verheiratet waren. Der Engel Gibril, der diese und viele andere situationsbezogenen Offenbarungen überbracht haben soll, wird kaum ihre ewige Bedeutung eingeschärft haben, wenn auch die muslimische Soldateska sich wohl ebenfalls vom Wort Allahs angesprochen fühlte.

    Entscheidend wird jedoch die Frage nach der zeitbedingten oder aber ewig gültigen Bedeutung des Koran in folgenden Beispielen. In Sure 9,28 werden Juden und Christen verflucht. Allah sät in 5,64 „Hass und Feindschaft unter die Juden bis zum Tag der Auferstehung“. Darüberhinaus bezichtigt er sie, Krieg und Verderben über die Welt zu bringen. Herr Özsoy sagte, Allah habe sich „in die damalige Aktualität geäußert“. Jeder nachdenkliche Geist fragt sich doch, ob Allah nur damals die Juden verfluchte und als die erbittersten Feinde der Muslime (5,82) bezeichnete oder ob seine Worte noch heute gelten und genutzt werden dürfen wie zum Beispiel im Konflikt Israel/Palästina. Sät Allah auch heute noch „Hass und Feindschaft“ nicht nur zwischen die Juden, sondern auch zwischen die Christen?

    Ein weiteres Beispiel möge die Frage beleuchten, ob ein historischer Kampfauftrag an Mohammed ewige und weltweite Gültigkeit hat. Sure 61,9 überliefert: „Allah ist es, der seinen Gesandten mit der Führung und der Religion der Wahrheit geschickt hat, damit er über alle Religionen siege“. In einer gesicherten Überlieferung (Al-Buhari) spricht Mohammed: „Ich habe Befehl, alle Völker zu bekämpfen, bis sie zustimmen und anerkennen, dass kein anderer das Recht hat, sich verehren zu lassen als nur Allah allein“. Allahs Wort in Sure 2,193 verdeutlicht unmissverständlich: „Kämpft (mit der Waffe) gegen sie, bis es keine Verwirrung mehr gibt und die Religion allein Allah gehört!“ Die Fragen nach der zeitbezogenen oder ewigen Gültigkeit des Koran liegen auch hier auf der Hand.

    In den Augen der Unterzeichner ist es nicht redlich, einerseits ganz allgemein von historischen Zusammenhängen zu sprechen, andererseits aber keine konkreten konfliktträchtigen Worte Allahs auf ihre ewige und weltweite Gültigkeit zu befragen. Aus dem Bericht der „Tagespost“ ging leider nicht hervor, ob der Veranstalter dem Referenten Herrn Özsoy Fragen gestellt hatte, welche nicht nur den Unterzeichnern dieses Leserbriefes wichtig gewesen wären.

    Dr. Wolfgang Link, Gengenbach

    Wilfried Puhl-Schmidt, Kehl

    Rainer Schnepf, Karlsuhe