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    Was die Kirche über Ehe und Familie lehrt: Idealistische Höhenflüge

    Ich habe den doppelseitigen Artikel von Erzbischof Reinhard Marx (DT vom 19. Mai) aufmerksam gelesen. Ich bin 75 Jahre alt, habe sieben erwachsene Kinder und 15 Enkel. Ich habe das Gymnasium in einem „Kleinen Seminar“ durchlaufen, später ein Noviziat und zwei Jahre Philosophie im Priesterseminar der Missionsgesellschaft bestanden; dann mit meiner Frau und ihrem Bruder zusammen 30 Jahre als Besitzer eine Privatschule für Oberstufenschüler der Volksschulstufe (7. – 10. Schuljahr) geleitet und jahrelang Wochenendgottesdienste vorbereitet. Zwei meiner Kinder haben ein Theologiestudium mit dem Magistergrad abgeschlossen. Ich habe die ganze „Bibel in gerechter Sprache“ gelesen (nach verschiedenen früheren Ausgaben), habe jahrzehntelang die Faszikel „Gottesdienst“, „Christ in der Gegenwart“ als regelmäßige Lektüre auf dem Tisch, 20 Jahre lang einen Kirchenchor geleitet und so weiter. Dies soll keine Lobeshymne sein, sondern eine Information, dass ein engagierter und informierter Christ schreibt.

    Ich habe den doppelseitigen Artikel von Erzbischof Reinhard Marx (DT vom 19. Mai) aufmerksam gelesen. Ich bin 75 Jahre alt, habe sieben erwachsene Kinder und 15 Enkel. Ich habe das Gymnasium in einem „Kleinen Seminar“ durchlaufen, später ein Noviziat und zwei Jahre Philosophie im Priesterseminar der Missionsgesellschaft bestanden; dann mit meiner Frau und ihrem Bruder zusammen 30 Jahre als Besitzer eine Privatschule für Oberstufenschüler der Volksschulstufe (7. – 10. Schuljahr) geleitet und jahrelang Wochenendgottesdienste vorbereitet. Zwei meiner Kinder haben ein Theologiestudium mit dem Magistergrad abgeschlossen. Ich habe die ganze „Bibel in gerechter Sprache“ gelesen (nach verschiedenen früheren Ausgaben), habe jahrzehntelang die Faszikel „Gottesdienst“, „Christ in der Gegenwart“ als regelmäßige Lektüre auf dem Tisch, 20 Jahre lang einen Kirchenchor geleitet und so weiter. Dies soll keine Lobeshymne sein, sondern eine Information, dass ein engagierter und informierter Christ schreibt.

    Erzbischof Marx hat gewiss einige bedenkenswerte Gedanken aus den päpstlichen Schreiben vermittelt. Ich muss mich allerdings fragen, für wen er sich diese Mühe gemacht hat. Es geht ihm um die Verteidigung von Positionen, welche das breite katholische Publikum zu schätzungsweise mindestens 90 Prozent entweder nicht kennt oder nicht beachtet. Der kirchlichen Lehre wird keine Relevanz zugebilligt. Besonders heutige junge Generationen entscheiden selbstverantwortlich über ihre Sexualität und das Eheleben – ob es gut oder schlecht herauskommt. Nur ein Beispiel: Einer meiner Söhne (ein oben genannter Absolvent des Theologiestudiums) hat feierlich kirchlich eine Mittheologin geheiratet, aber leider jahrelang keine Nachkommenschaft erhalten. Jetzt haben sie zwei Söhne durch künstliche Befruchtung eine gelungene, glückliche Familie, die auch uns Großeltern viele Freude bereitet. (...)

    Nun zum Artikel: Im ersten Satz heißt es: „Wenn sich die Kirche?“ – Ich und meine Familie, unsere Pfarrei oder das Dekanat oder das Bistum sind doch gar nicht gefragt worden. Wer ist denn in Wirklichkeit die Kirche? Der Erzbischof meinte ganz einfach: Das römische Lehramt: Papst und vatikanische Gremien, einigen Alibi-Professoren und – als wissenschaftliches Mäntelchen – dem Vatikan genehme Ärzte und so weiter. Die Mehrzahl dieses Lehramtes sind Menschen, die kraft ihres Berufes ein zölibatäres Leben versprochen haben und leben. Diese Leute sind inkompetent, über das Eheleben zu schreiben. Für diese „die Kirche“ gibt es nur „die eheliche Sexualität als Ausdruck personaler Liebe“. Also Augen zu vor der unglaublich vielfältigen Wirklichkeit des menschlichen Lebens und Liebens, an den Schreibtisch gesessen und hinein in idealistische Verallgemeinerungen, aus denen dann ethische Regeln und moralische Verhaltensweisen abgeleitet werden können. Dann kommen Kopfgeburten heraus wie: sie streben „nach jener personalen Gemeinschaft, in der sie sich gegenseitig vollenden und mit Gott“; „die beiden Sinngehalte des ehelichen Aktes“; „die sittliche Würde des ehelichen Geschlechtsaktes“; Verurteilung der IVF und so weiter. Solche Gemeinplätze sind im Artikel Dutzende zu finden. Die Päpste werden dann auch noch als „Seelsorger“ bezeichnet, weil sie Verständnis für Verfehlungen aufbringen. Als ihr Heilmittel bieten sie die Beichte als Vergebung der Sünden an. Eine reine Alibibezeichnung! Eigentlich wären wir froh, es gäbe mehr wirkliche Seelsorger (und weniger Reisende in Eucharistiefeiern). Das sind Leute, welche die Menschen kennen und von ihnen gekannt werden, die Hilfe anbieten, wenn sie gesucht wird, die aber keine Macht ausüben, Ängste verbreiten und über Dinge predigen, die sie nicht verstehen.

    Mich dünkt, kirchliche Obrigkeiten (nicht die Kirche) sollten sich viel intensiver mit der Sexualität ihrer eigenen zölibatären Angestellten auseinandersetzen (...). Wie sind diese Verantwortlichen mit Verfehlungen viel schwerwiegenderer Art (Pädophilie usw.) in den USA und neuerdings in Irland umgegangen! Es schreit geradezu nach Aufhebung der Zölibatsverpflichtung für Weltpriester und nach Beendigung der zum Himmel schreienden Diskriminierung von Frauen in Bezug auf geistliche Ämter!

    Wenn jemand jetzt sagt: das ist halt die Lehre der katholischen Kirche, dann wird das so stehengelassen. Aber das Kirchenvolk stimmt lautlos und mit den Füßen ab: Sie hören nicht mehr, was das Lehramt zu sagen hat, und sie besuchen immer weniger die Gottesdienste. Als selbstständige Menschen machen sie sich ihre eigenen Gedanken. Sie bleiben christlich, aber sie lassen sich nicht mehr gängeln. Idealistische Höhenflüge und was nicht wirklich einsichtig, bewährt, wohlwollend, mitmenschlich ist, wird einfach nicht mehr gehört oder befolgt.

    Werner Aepli, Ch-7315 Vättis