Versuchskaninchen? Zum Plan des Gesundheitsministeriums, fremdnützige Forschung an Demenzkranken durchzuführen (DT vom 2. Juni): Langsam wird mir Angst und Bange: Zeit der materialistischen Arroganz

Ich, als Mutter und Betreuerin eines geistig behinderten Sohnes, der nie seine Einwilligung zu etwas geben kann, finde es unerhört, dass tatsächlich in Erwägung gezogen wird, dass an Menschen, die nicht selber einwilligen können, Arzneimittel getestet werden. Tut mir leid, dafür fehlt mir jegliches Verständnis und mein Kopf stellt mir die Frage – hatten wir das nicht schon einmal? Sind wir wieder soweit? Haben wir nichts aus unserer Geschichte gelernt?

Langsam wird mir Angst und Bange vor dem Zeitpunkt, wo ich meine Augen zumachen muss und mein Sohn dann alleine dasteht und von wohlwollenden Betreuern, die ihm vorgesetzt werden, betreut wird. Wo ist hier der Aufschrei der betroffenen Eltern, Angehörigen und BetreuerInnen? „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ – gerade und auch bei Menschen, die nicht selber hinterfragen können, weshalb etwas getestet werden kann und die keine eigenständige Einstimmung dazu geben können. Ich hoffe, die Politik kehrt irgendwann einmal um. Allerdings – mir fehlt der Glaube, dass dies passiert nach dem Referentenentwurf des Bundesteilhabegesetzes und des bevorstehenden Pflegestärkungsgesetzes III. Was soll das alles?

„Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, muss es aber vorwärts leben!“ Generelle, grundsätzliche Feststellung von Soeren Kierkegaard: Wir erkennen in diesem Sinne unsere Irrtümer nur aus der rückwärtigen Perspektive, daher die linguistische Ergänzung: „Hätte ich nur!“ Der Rest ist Schweigen, wenn überhaupt! Unter Umständen bleibt ein Irrtum nicht alleine, welche Feststellung nicht nur Goethe erkannt hat: ... „dies ist nicht zu verwundern“, sagte Goethe, „solche Leute gehen im Irrtum fort, weil sie ihm ihre Existenz verdanken. Sie müssten umlernen, und das wäre eine sehr unbequeme Sache!“ Wäre es möglich, dass die Untugenden uns den Blick auf die klare Wahrheit (die nur aus Gott sein kann) verstellen? In einer Zeit materialistischer Arroganz, die sich dazu verstiegen hat, den Stein der Weisen gefunden zu haben? Wie dem auch sei, zur Lüge gesellt sich die Heuchelei, bläht sich auf, bis das Maß des Unerträglichen überschritten ist und die letzte Existenz begriffen hat, dass alle ehrlichen Korrekturen vergeblich sind – wenn das Gegenteil von Wahrheit nicht schon Allgemeingut geworden ist.

„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären!“ Ist die geistige Schieflage in einem Menschen verinnerlicht, setzt sie auf einen einmal gesetzten Irrtum weitere Irrtümer, so gebiert die Beliebigkeit tausend sogenannte Wahrheiten, weil die Verirrten, Verwirrten in sich selbst sklavisch in ihren Lastern und Süchten befangen sind. Der Eindruck ist präsent, dass diese Entwicklung ins Unüberschaubare ausufert und die Gesetzgebung zum Drahtseilakt wird – bei ideologisch multiplizierten Ansprüchen, aber kleinerem Aktionsradius, was eine Verwirrung bewirkt, die jedes Leben ersticken kann.

Und weil die stabilen göttlichen Lebensgesetze in Arroganz und diabolischem Übermut zum Fremdwort degradiert wurden, wäre es möglich, dass wir in Zukunft mit leeren Händen dastehen. Es ist eben die Frage, ob die Gesellschaft noch die Kraft und Möglichkeit besitzt, die sich heute ergebenen Situationen auf Dauer zu tolerieren. In Thomas Manns „Zauberberg“ findet sich dazu eine detaillierte Sicht: „Dem Problem der Toleranz dürften sie kaum gewachsen sein! Prägen sie sich immerhin ein, dass Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie dem Bösen gilt!“ Oder Tomas de Aquino: „Alles was gegen das Gewissen geschieht, ist Sünde!“ Sollte aber das Geistlich-Geistige in uns abgewirtschaftet haben, steht offen: Da in Konsequenz kaum klar ist, wie sich das Gewissen orten lässt, so könnte die Definition dieses ethischen Grundsatzes an der Macht des Stärkeren zerbrechen. Die geistige Finsternis trübt den Blick für ein verstehbares und sinnvolles Handeln, denn: Wenn ein Blinder einen Blinden führt, werden beide in die Grube fallen! Sollten sich die geistig Blinden, Spirale abwärts schließlich und endlich ahnungslos in den Morast gesetzt haben und die Räder still stehen, werden die Konturen des geistig Wertvollen in Schmerz und Leid wieder schärfer. Doch um welchen Preis?