Verstummen der Dichter: Gibt es einen Widerspruch zwischen christlicher und künstlerischer Existenz?: Fragwürdige These erfordert Widerspruch

Zum Artikel „Das Verstummen der Dichter“ von Georg Alois Oblinger in der „Tagespost“ vom 1. Juli: Die Grundthese des Artikels, eine verstärkte Hinwendung zum Glauben bringe christliche Dichter der Neuzeit zum Verstummen, ist sehr einseitig und fordert zum Widerspruch heraus. Einseitig ist auch die zur Stützung der These herangezogene Auswahl von Dichtern und Zitaten. Gibt es nicht auch überzeugende Dichterpersönlichkeiten in der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart, auf die die vertretene Auffassung in keiner Weise zutrifft? Ich denke beispielsweise an Gertrud von le Fort, Werner Bergruen und Reinhold Schneider, aber auch an zeitgenössische Liederdichter. Ist es nicht so, dass sich zentrale Inhalte christlicher Heilsbotschaft, aber auch menschliche und christliche Grunderfahrungen eher als in theologischer Prosa in der Sprache der Dichtung zum Ausdruck bringen lassen?

Lehrt das nicht auch die große christliche Tradition der Hymnen und Lieder, etwa das Te Deum, in denen in der Nachfolge der Psalmen die christliche Heilsbotschaft, Bitte, Lob und Dank, in höchst überzeugender Weise zum Ausdruck kommen? Darf nicht auch der Gläubige immer wieder „aus der Tiefe rufend“, zum lebendigen Gott kommen, um in Ihm Geborgenheit, Hilfe und Trost zu finden? Überzeugende Beispiele dafür ließen sich ohne Zweifel finden. Jedenfalls verlangt aus meiner Sicht, der ich christlicher Dichtung viel verdanke, die einseitige Grundthese des Artikels eine Richtigstellung. Das Thema müsste weiter bedacht werden.