Tagung in Paris über den Dominikaner Heinrich Denifle : Zur Entmythifizierung Luthers beitragen

In Paris wurde eine große internationale Tagung über den Tiroler Gelehrten Heinrich Denifle abgehalten. Die „Tagespost“ berichtete am 18. Dezember dankenswerter Weise darüber. Dass das akademische Interesse einer solchen Veranstaltung sich in erster Linie mit Denifles Forschungen zur Universitätsgeschichte befasst, ist verständlich. Doch sein Werk über Luther dürfte letztlich geschichtsmächtiger sein. Es erregte bei seinem Erscheinen einen allgemeinen Aufruhr im Protestantismus, dessen hervorragendste Vertreter sich bemüßigt fühlten, gegen Denifle zu schreiben. Mit Recht konnte man dem Autor vorwerfen, dass er, wie man heute sagen würde, kein Mann der political correctness sei. Es wäre aber für uns Heutige zu wünschen, dass seine Ergebnisse für das uns bald bevorstehende Lutherjahr ins Bewusstsein gerückt würden. So zum Beispiel wenn Luther mit den vielen unkritischen Gefolgsleuten der nachfolgenden Jahrhunderte behauptet, dass seine reformatorische Erkenntnis in einer neuen Exegese von Röm 1,17 liege. Alle Kommentatoren vor ihm hätten die Stelle so verstanden, als ob bei der Rechtfertigung des Sünders hier von der strafenden Gerechtigkeit Gottes die Rede sei. Luther will erst bei dem angeblichen reformatorischen Erlebnis erkannt haben, dass bei dieser Bibelstelle von der Rechtfertigung die Rede sei, mit der Gott den Menschen in die Gemeinschaft mit sich aufnimmt, mit der Gott eben den Menschen rechtfertigt. Luthers Behauptung umfasst so den bis heute grassierenden Vorwurf, dass die katholische Kirche durch schlechte Exegese der Heiligen Schrift die Menschen neurotisiert und in sinnlose Angst versetzt.

Denifle konnte aber zeigen, dass nicht nur die Autoren, die Luther gelesen hat, eine solche behauptete Auslegung nie vertreten haben, sondern dass sogar Luther selbst einige Jahre vor dem vermeintlichen reformatorischen Erlebnis die „korrekte“ Auslegung gepredigt hat. Es wäre zu wünschen, dass die Rezipierung solch wichtiger Autoren wie Denifle zur Entmythifizierung Luthers beitragen und das ökumenische Gespräch im Hinblick auf das Lutherjahr versachlichen würde.