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    Stammzellforschung: In „Cicero“ kritisierte der Philosoph Nida-Rümelin die Kirche – Die Tagespost setzte sich damit auseinander: Veröffentlichen oder in den Papierkorb?

    Als ich meine ersten Vorlesungen zur Politischen Philosophie in München hielt, das ist nun rund zwanzig Jahre her, verfassten die Marxistischen Gruppen Woche für Woche ein Pamphlet und verteilten es unter Studierenden, das sich äußerst kritisch mit meinen Thesen auseinandersetzte. Dies war einerseits eine große Ehre für einen noch so jungen Dozenten, andererseits irritierten der aggressive Eifer, die die Sachauseinandersetzung überlagerte. Bei der Lektüre Ihres Artikels in der Tagespost (DT vom 26. Juni), auf den ich jetzt aufmerksam gemacht wurde, hatte ich ein Déja vu-Erlebnis. Nun gehörten Sie sicher nie den Marxistischen Gruppen an, aber der Stil ist irritierend ähnlich.

    Als ich meine ersten Vorlesungen zur Politischen Philosophie in München hielt, das ist nun rund zwanzig Jahre her, verfassten die Marxistischen Gruppen Woche für Woche ein Pamphlet und verteilten es unter Studierenden, das sich äußerst kritisch mit meinen Thesen auseinandersetzte. Dies war einerseits eine große Ehre für einen noch so jungen Dozenten, andererseits irritierten der aggressive Eifer, die die Sachauseinandersetzung überlagerte. Bei der Lektüre Ihres Artikels in der Tagespost (DT vom 26. Juni), auf den ich jetzt aufmerksam gemacht wurde, hatte ich ein Déja vu-Erlebnis. Nun gehörten Sie sicher nie den Marxistischen Gruppen an, aber der Stil ist irritierend ähnlich.

    Wie kommt es zu dieser merkwürdigen Gemeinsamkeit des Stils zwischen Gruppen am äußerten linken Rand des Spektrums und Ihnen und manchen Anderen, die offenbar Ihre Gesinnung teilen, darunter auch durchaus respektable Zeitgenossen? Ist dies Ausdruck eigener Unsicherheit, dass man glaubt, inhaltlich einen schweren Stand zu haben und daher zum Mittel der Detraktation, wie Max Scheeler dies wunderbar in seinem Aufsatz über Ressentiment beschrieben hat, zu greifen (am Rande: Christliche Gesinnung zeigt es nicht)?

    Ich weiß nicht, ob Sie mich persönlich kennen, ich vermute nicht. Wenn Sie ein wenig in meine Biographie sehen, wird Ihnen eine große Konstanz des ethischen und politischen Urteils auffallen. Ich habe mich Modeströmungen nie angepasst und bin damit immer wieder angeeckt, links und rechts, auch in der Mitte des politischen Spektrums. Ein wenig Auskunft darüber gibt das Interview, das in dem Buch „Humanismus als Leitkultur“ (C.H. Beck 2006) abgedruckt ist. Ich bin nicht den typischen Weg meiner Generation und der Generation zuvor gegangen, von links unten nach rechts oben, von politisch engagiert zum apolitischen Zynismus. Das, was ich in der Öffentlichkeit sage, ist eingebettet in größere Zusammenhänge, die ich versucht habe, in Büchern auszuführen. Dazu gehört meine Kritik des Konsequenzialismus, also die Kritik an utilitaristischen und instrumentalistischen Ethiken. Das kann ich nicht jedes Mal im Detail neu ausführen. Ebenso wenig wie ich jedes Mal wieder erneut betonen muss, wie groß mein Respekt ist vor religiösen Bindungen, vor unterschiedlichen Weltanschauungen, vor existenziellen Differenzen. So habe ich Buttiglione gegen die öffentliche Kritik bei seiner Bewerbung um ein Amt in der Europäischen Kommission verteidigt. Auch das hat viele irritiert, weil ich nun in der Öffentlichkeit nicht gerade als Anhänger konservativ-katholischer Positionen gelte.

    Viele, die mich kennen, irritiert diese Konstanz des Urteils. Diese Weigerung, sich dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen. Dieses vielleicht allzu hohe Maß an Innengeleitetheit. Ich muss damit leben, dass Bilder in den Medien für das Bild, das sich Menschen von einem machen, weit größere Bedeutung haben, als alle anderen Zeugnisse. Daher rühren vielleicht Ihre merkwürdigen Fehlurteile, was meine Person betrifft.

    Zum Inhaltlichen will ich wenig sagen; wer sich dafür interessiert müsste sich die Mühe machen, etwa meine Schrift „Über menschliche Freiheit“ (Reclam 2006) oder meine „Ethischen Essays“ (Suhrkamp 2002) oder mein „Handbuch Angewandte Ethik“ (Kröner 2006) zu lesen. Wenn Sie sich darauf einlassen, werden Sie sehen, dass die Schublade, in die Sie mich gerne stecken würden, nicht passt. Ich verteidige ein absolutistisches Verständnis von Menschenwürde, ich argumentiere gegen eine utilitaristische Verzwecklichung, ich verteidige insbesondere Personalität gegen die Angriffe von Seiten mancher Neurowissenschaftler. Wenn ich mich zu einer humanistischen Ethik bekenne, so ohne die atheistische Polemik, die damit gelegentlich verbunden ist. Es gab und gibt viele religiös gesinnte Humanisten, einer der bedeutendsten ist sicher Erasmus von Rotterdam.

    Es war mir ein Bedürfnis Ihnen das – unbekannterweise – zu schreiben, auch wenn die Medienprofis einem immer empfehlen, auf Artikel, und seien sie noch so ungerecht, nicht zu reagieren. Sie können diesen Brief veröffentlichen oder im Papierkorb versenken. Dieses ist wahrscheinlich, jedes wäre erfreulich.

    Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, 80538 München