• aktualisiert:

    „Singen vor Gott – Der ganze Mensch feiert Liturgie: Über gregorianische Gesänge“: Produktive Rezeption

    Zum Beitrag „Singen vor Gott – Der ganze Mensch feiert Liturgie: Über gregorianische Gesänge“ (DT vom 1. April): Sowohl die Restauration des Gregorianischen Chorals im 19. Jahrhundert als auch die sogenannte Semiologie sind hypothetisch, weil die ursprüngliche Aufführungspraxis der Gregorianik mangels frühmittelalterlicher Klangkonserven nicht eindeutig und sicher rekonstruierbar ist.

    Zum Beitrag „Singen vor Gott – Der ganze Mensch feiert Liturgie: Über gregorianische Gesänge“ (DT vom 1. April): Sowohl die Restauration des Gregorianischen Chorals im 19. Jahrhundert als auch die sogenannte Semiologie sind hypothetisch, weil die ursprüngliche Aufführungspraxis der Gregorianik mangels frühmittelalterlicher Klangkonserven nicht eindeutig und sicher rekonstruierbar ist.

    Die erstere, vor allem die in dem Beitrag namentlich nicht genannte aber bedeutendste ihrer Art ist die von Dom Mocquereau weitergeführte Entwicklung der Aufführungspraxis des Gregorianischen Chorals, auch Solesmenser Methode genannt. Sie erwuchs nach ersten Anfängen im Jahre 1833 aus dem monastischen Leben und dem ihm eigenen tagtäglichen Gesang, wurde also in der Praxis für die Praxis entwickelt, mehrfach revidiert und optimiert, und sie ist daher die einzige, welche heute noch täglich in sieben Horen und je einer Messfeier vieler Klöster praktiziert wird, wie zum Beispiel in Fontgombauld, Triors, Le Barroux und andere.

    Die genannten Monasterien genießen übrigens keinerlei Subvention aus der Kirchensteuer, leben also vom Arbeitsfleiß der Nonnen beziehungsweise Mönche sowie von freiwillig gegebenen Spenden und ihre Bewohner haben ein niedriges Durchschnittsalter. Kürzlich erst musste von Le Barroux aus ein neues Kloster gegründet werden, weil dort kein Platz mehr für die vielen neuen, streng geprüften Berufungen war. In den Kirchen dieser Klöster drängen sich die vielen Besucher, die dort Jahr für Jahr Ostern mitfeiern wollen. Auch die oft verkaufte CD mit Gesängen der Mönche von Silos wurde nach der Solesmenser Methode gesungen. Sogar jene 2009 produzierte berühmte CD der Mönche von Heiligenkreuz ist von diesem Stil des Gesangs zumindest inspiriert.

    In ausgewählten liturgischen Feiern, zahlreichen Hochschulkursen, Konzerten und CD-Produktionen wird die Semiologie praktiziert. Ihre Anhänger bemühen sich mit viel Kenntnis, Fleiß, Begeisterung und Idealismus um die Rekonstruktion mittelalterlicher Melodien und ihrer Aufführungspraxis. Weltweit gibt es jedoch keinen einzigen Ort, an dem Tag für Tag semiologisch der lateinische Liturgiegesang der römischen Kirche vollständig gesungen wird. Dies ist ja auch schon allein deswegen nicht möglich, weil viele Gesänge, zum Beispiel die meisten Messordinarien, Hymnen und Sequenzen, ja sogar das gesamte Graduale und Antiphonale der Zisterzienser ausschließlich in diastematischer Notation überliefert sind.

    Wissenschaftlich umstritten sind die im genannten Artikel vorgetragene Lehre von den Affekten der mittelalterlichen Modi, aber auch die Übertragung der erst im 15. Jahrhundert sicher nachweisbaren musikalischen Figuren- und Affektenlehre auf die Gregorianik. Was die in diesem Zusammenhang erwähnte Karajan-Harnoncourt- Kontroverse bezüglich der Aufführungspraxis der Musik des 18. Jahrhunderts mit der Gesangspraxis der römischen Liturgie zu tun hat, ist aus dem Artikel nicht ersichtlich. Warum einem unkritischen Lob der Semiologie ausgerechnet das Bildnis eines singenden Zisterziensers beigegeben ist, bleibt ebenfalls ein Rätsel.

    Umso befremdlicher ist es, wenn Michael Stallknecht unter Berufung auf Ulrike Praßl mit gegensätzlichen Begriffen wie „keusch, emotionslos“ auf der negativ bewerteten und „emotionale Vergegenwärtigung im Hier und Jetzt“ auf der positiven Seite, mit Formulierungen wie „Äqualismus, sprich das gleichförmige Rezitieren der einzelnen Töne mit standardisierten Atempausen“ oder gar „Bleiches bewusst kunstloses Musizieren“, nicht nur jegliche Kenntnis, sondern leider auch Toleranz und Nachsicht beiseite lässt und gegen eine Musikkultur polemisiert, die bis heute Ihre Früchte trägt, und welche darüber hinaus auch die produktive Gregorianikrezeption von Komponisten wie zum Beispiel Widor, Satie, Tournemire, Dupré, Langlais, Messiaen, Alain, Schnittke und so weiter geprägt hat.

    Prof. Dr. Albert Richenhagen, 50668 Köln