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    Schon das Neue Testament lehrt auch das Persönliche Gericht: Kein Bruch im Mittelalter

    In seinem sonst sehr wertvollen Artikel „Totentanz“ (DT vom 9. Oktober) schrieb Pfarrer Dr. Franz Jung: „War man noch Ende des 13. Jahrhunderts davon ausgegangen, dass das Gericht erst am Ende der Zeiten gehalten wird, wenn der Menschensohn wiederkehrt, so bestimmte Benedikt XII. im Jahre 1336 in seiner Enzyklika „Benedictus Deus...“. Es folgte der Wortlaut jener Definition, nach der die Seele des Menschen nicht erst am Jüngsten Tag, sondern „sogleich nach ihrem Tod“ („mox post mortem suam“) der ihr zukommenden Bestimmung, Himmel, Fegfeuer oder Hölle, zugeführt wird (DH 1000 f.). Es ist heute weithin üblich geworden, hier in der Dogmenentwicklung des Mittelalters einen Bruch mit der damaligen Tradition anzunehmen.

    In seinem sonst sehr wertvollen Artikel „Totentanz“ (DT vom 9. Oktober) schrieb Pfarrer Dr. Franz Jung: „War man noch Ende des 13. Jahrhunderts davon ausgegangen, dass das Gericht erst am Ende der Zeiten gehalten wird, wenn der Menschensohn wiederkehrt, so bestimmte Benedikt XII. im Jahre 1336 in seiner Enzyklika „Benedictus Deus...“. Es folgte der Wortlaut jener Definition, nach der die Seele des Menschen nicht erst am Jüngsten Tag, sondern „sogleich nach ihrem Tod“ („mox post mortem suam“) der ihr zukommenden Bestimmung, Himmel, Fegfeuer oder Hölle, zugeführt wird (DH 1000 f.). Es ist heute weithin üblich geworden, hier in der Dogmenentwicklung des Mittelalters einen Bruch mit der damaligen Tradition anzunehmen.

    Man muss zugeben, dass in frühen Zeiten oft das Allgemeine Gericht stärker als das Persönliche beachtet worden ist. Außerdem gab es bei den Theologen in Antike und früherem Mittelalter auch hier und da Unsicherheiten über Bedeutung und Tragweite des individuellen Gerichts unmittelbar nach dem Tod. Leonhard Atzberger nannte in seinem Standardwerk „Die christliche Eschatologie in den Stadien ihrer Offenbarung im Alten und Neuen Testament“ (Freibg./B. 1890, 205) den Grund für dieses Phänomen: „Die heiligen Schriften des Neuen Testamentes sprechen sich über die Form und die Umstände des besondern Gerichtes nirgends in der Weise aus, wie über die Form und die Umstände des Weltgerichtes.“ Aber derselbe Theologe fährt unmittelbar danach fort: „Dagegen bezeugen sie hinlänglich die Tatsächlichkeit eines besondern Gerichtes und zwar sowohl indirekt als auch direkt.“

    Es existieren in der Tat bereits einige Stellen des Neuen Testaments, die klar den Übergang der Seele zu dem ihr bestimmten Zustand im direkten Anschluss an das individuelle Leben des Menschen auf Erden offenbaren. Zwei Aussagen aus Christi eigenem Mund sind hier einschlägig und eindeutig. Zum einen spricht Jesus vom armen Lazarus, der nach seinem Tod sich direkt in Abrahams Schoß befindet, während der reiche Prasser verdammt ist, kein Kontakt ist zwischen beiden Bereichen möglich. (Luk 16, 19-31, v. a. 16, 22 und 25) Außerdem verspricht der Herr dem reuigen Schächer am Kreuz: „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“ (Luk 23,43) Hinzu kommen einige Verse aus den Briefen des hl. Paulus, z.B. 2 Kor 5,7 f.; Phil 1,23; Hebr 9, 27; 12,23, die mehr oder weniger deutlich Christi Lehre bestätigen. Anhand dieser Bibelstellen bekennt sich auch der „Katechismus der Katholischen Kirche“ (Nr. 1021 f.) klar zu ihr und verweist darüber hinaus in den Fußnoten noch auf eine Reihe kirchlicher Lehrentscheidungen. Hier ist übrigens die offizielle lateinische Fassung des Werkes heranzuziehen, weil sie mehr Belege als die deutsche Version bietet.

    Was im KKK fehlt, sind Stellen aus den Kirchenvätern. Aber es gibt eine ganze Reihe derartiger Aussagen. Sie zeigen uns, dass die später dogmatisierte Lehre der Kirche von vornherein bekannt war und auch von vielen Theologen vertreten wurde, wenngleich nicht mit derselben Einstimmigkeit und Eindeutigkeit, wie sie nach den Definitionen des Lehramtes üblich ist (oder zumindest sein sollte!). So schrieb schon St. Hilarius von Poitiers im 4. Jh., indem er eine der beiden oben genannten Bibelstellen zum Schriftbeweis heranzog: „Es nimmt uns sofort der Teufel zur Bestrafung auf, wenn wir den Körper verlassen, falls wir entsprechend gelebt haben... Zeugnis hierfür geben uns der Arme und der Reiche des Evangeliums... Kein Raum ist da für Verzögerung oder Aufschub.“ (In Ps. 2,49; CC 61,72)

    St. Augustinus berief sich auf dieselbe Bibelpassage, um folgenden Satz abzusichern: „Wusstest du (angesprochen ist der Presbyter Petrus) eigentlich selbst noch nicht..., dass die Seelen gerichtet werden, sobald sie aus dem Körper ausgetreten sind, bevor sie zu jenem Gericht gelangen, in dem sie, nachdem ihnen schon ihr Körper wiedergegeben worden ist, zu richten sind?“ (De anima et eius origine 2,4,8; CSEL 60,341) Auch St. Hieronymus differenziert ganz klar zwischen dem Gericht nach dem individuellen Tod und dem Allgemeinen Gericht am Ende aller Zeiten: „Unter dem ,Tag des Herrn‘ musst du den Tag des Gerichts oder den Tag des Austritts jedes Einzelnen aus dem Körper verstehen. Was nämlich am Tag des Gerichts mit allen passieren wird, das wird an jedem Einzelnen am Tag seines Todes vollzogen.“ (In Ioel 2,11; CC 76,180) Diese und eine Reihe weiterer Passagen aus dem christlichen Altertum findet man z. B. in der hervorragenden Dogmatik von Matthias Premm (Katholische Glaubenskunde, Bd. IV, Wien 1961, 547-561), der Verfasser geht darüber hinaus auf eine Reihe möglicher und gelegentlich auch damals schon vorgetragener Einwände ein und widerlegt sie überzeugend. Auch im Mittelalter war lange vor 1336 die Lehre bekannt und wurde von vielen Theologen vertreten, dass Strafe und Belohnung des Menschen sogleich nach seinem Tod erfolgen; entsprechende Stellungnahmen findet man beispielsweise bei Ludwig Ott, Eschatologie in der Scholastik, Handbuch der Dogmengeschichte IV, 7b (1990), 70–72.

    Dr. Heinz-Lothar Barth, 53111 Bonn