Professor Wolfgang Ockenfels analysiert die CDU: Die Union nicht isoliert betrachten

Der Auszug aus dem neuen Buch von Professor Wolfgang Ockenfels „Angela Merkel ist nicht die CDU“ (DT vom 25. August) kann nicht unwidersprochen bleiben. Natürlich ärgern sich viele Wähler über „ihre“ Partei, da sie mit manchen Aussagen zu – auch – grundsätzlichen Fragen nicht einverstanden sind. Heutzutage sind es für Unionssympathisanten angesichts der größten Weltwirtschaftskrise seit 1929 gerade die Fragen Arbeitsplatzsicherung, soziale Absicherung, Altersarmut, die ökonomische und ökologische Ordnung, Kultur und Bildung sowie innere Sicherheit, die nicht nur die Jungen, sondern auch einen großen Teil der Rentner beschäftigen. Zu den christlichen Grundwerten zählen zweifelsfrei der Schutz des ungeborenen Lebens und der Familie. Leider hat das Bundesverfassungsgericht 1993 in einem Urteil zur Strafbarkeit der Abtreibung seine in den siebziger Jahren geäußerte Auffassung diametral geändert. Dies war ein Dammbruch und hat den Widerstand (und auch den Erfolg) christlicher Politik wie auch der Kirchen erheblich erschwert. Darauf hätte Ockenfels bei seiner Analyse unbedingt hinweisen müssen.

„Eine Politik, die sich an christlichen Werten orientiert, bedient sich nicht ihrer, sondern dient ihnen.“ Was meint eigentlich Ockenfels damit? Meines Erachtens ist in der Politik beides überhaupt nicht voneinander zu trennen! So gehen auch seine drei Forderungen an die CDU ins Leere: Die CDU hat niemals einen Alleinvertretungsanspruch als Vertretung aller Christen in der Politik erhoben, sie hat niemals eine „Allzuständigkeit“ in Religions- und Moralfragen beansprucht und nie den „religiös-moralischen Wahrheitsanspruch der Kirchen“ infrage gestellt. Vielleicht hätten wir aber ohne CDU in viel mehr Bundesländern Berliner Verhältnisse zwischen Staat und Kirche.

„Bei allen Gemeinsamkeiten: Zu unterschiedlich sind noch die Konfessionen in ihrem jeweiligen Verständnis von Kirche, Tradition und Lehramt. Jedenfalls ist es leichter, ,katholisch‘ einerseits und ,evangelisch‘/,protestantisch‘ andererseits zu definieren als sich auf eine gemeinsame Definition des Christlichen zu einigen“, so Ockenfels. Hat er vergessen, dass sich gerade Christen der beiden Konfessionen nach der Katastrophe von 1945 zusammengesetzt und eine große christliche Partei gegründet haben, in der alle Christen eine politische Heimat finden konnten? Will er einen Keil zwischen Katholiken und Protestanten treiben?

Ockenfels stellt fest, dass die CDU in bioethischen Fragen sich immer mehr den protestantischen Entwicklungen angeschlossen hätte. Der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich noch gut daran, dass es 1990 eine breite öffentliche Debatte gab, mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik werde diese säkularer, atheistischer und protestantischer als die bisherige Bonner Republik. Dies hat mit Merkel überhaupt nichts zu tun. Und Kardinal Meisner stellte fest, dass die neu hinzugekommenen Länder Missionsland seien. Und wo sind die Missionserfolge der Kirche?

Zuletzt sei noch etwas zu den vielen Zahlen gesagt, die Ockenfels anführt. Zwischen 1957 (bei drei Parteien im Bundestag) und 2005 (mit fünf Parteien) sind die Unionsparteien von der absoluten Mehrheit von 51,1 auf 37,5 der Stimmen abgerutscht. Um wieviel mehr haben sich in dieser Zeitspanne die Kirchen geleert? Der Hinweis, dass in diesem Jahrzehnt das Interesse an Religion (natürlich auch bei Mitgliedern der CDU) gewachsen sei, stimmt, aber es ist nur ein Teil der Wahrheit: Die großen Konfessionen, so ergeben die zu diesem Thema vorliegenden Studien, haben davon nicht profitiert und die Zahl der Mitglieder nimmt durch Austritte, Überalterung und Tod weiterhin ab.

Professor Ockenfels fokussiert meines Erachtens seine Analyse zu oberflächlich nur auf den Zustand der CDU, ohne die gesamten Begleitumstände und Entwicklungen unserer Gesellschaft und der Kirche in den vergangenen 40 Jahren zu berücksichtigen.