Leben, um Freude Gottes zu sein

„Soll ich Priester werden, oder bin ich vielleicht doch zur Ehe berufen?“ Diese Frage höre ich häufig von Jungs, die uns hier im Priesterseminar der Gemeinschaft Sankt Martin besuchen. Auch ich habe sie mir natürlich gestellt – und kam nach langem Ringen zu der Erkenntnis, dass ich tatsächlich zur Ehe berufen bin: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch!“ (Gen 1,27–28) Die Sehnsucht nach Vaterschaft und nach der Ehe, Abbild der dreifaltigen Liebe Gottes, ist in das Innerste meiner Natur geschrieben. Johannes Paul II. nennt das „natürliche Berufung“.

Es gibt aber noch mehr. Ich werde wohl niemals meine erste Beichte vergessen können. Äußerlich ist da nichts Ungewöhnliches passiert, aber innerlich hat es mich umgeworfen: Gottes Herz ist weiter als meine Sünde! Als Gott zum ersten Mal die Last der Schuld von mir nahm, verspürte ich eine unglaubliche Freiheit. Seit diesem Tag wusste ich: Er hat mein Leben in die Hand genommen. Er ist mein Vater, dessen Barmherzigkeit mir eine neue Identität, meinem Leben einen neuen Sinn gibt: Ich bin nicht mehr verloren in einer orientierungslosen Welt, die auf meine tiefen Sehnsüchte nur mit der Enttäuschung des Todes antwortet, sondern ich bin Kind Gottes. Wie ein Vater sein Kind nicht sich selbst überlässt, sondern für seine Schuld aufkommt und in ihm das Gute erweckt, so ergriff Gott von meinem inneren Leben Besitz. Und wie ein kleines Kind dafür lebt, seinen Eltern Freude zu machen, so wollte ich nun dafür leben, die Freude meines Gottes zu sein.

Im Laufe der Jahre erwuchs daraus meine Berufung zum Priester. Oft empfand ich wie Jesus, der beim Anblick der Menschen Mitleid hatte, „denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mt 9,36). Ich wollte weitergeben, was ich von Gott empfangen habe; Hirte sein für die Schafe, die keinen Hirten haben; Vater sein für eine vaterlose Generation. Angesichts meiner Schwäche sicher ein gewagter Wunsch. Wie könnte ich aber an der Stärke Christi zweifeln, der mir in der Eucharistie so nahekommt, dass nicht mehr ich lebe, sondern Er in mir?

Ich frage mich also nicht mehr, ob ich entweder zur Ehe oder zum Priestertum berufen bin, weil es sich dabei um zwei verschiedene Ebenen handelt: Ja, ich habe eine natürliche Berufung zur Ehe, die ins Innerste meines Herzens geschrieben ist. Aber auf der Ebene meiner Beziehung zu Gott ist etwas Größeres an mich herangetreten: ein übernatürlicher Ruf, jene Vaterschaft zu leben, die meinem Leben einen Sinn gegeben hat, weil sie größer ist als mein Herz: „Das Priestertum ist die Liebe des Herzens Jesu“, sagte der heilige Pfarrer von Ars. Dafür will ich gerne das Opfer der Ehelosigkeit bringen.

Der Autor lebt im Priesterseminar der Gemeinschaft St. Martin in Évron