Karfreitagsfürbitte und interreligiöses Beten: Am Christusbekenntnis führt kein Weg vorbei: Die eigene Identität nicht vernebeln

Als Paulus seine große Fürbitte für die Rettung Israels formulierte, da nennt er gleich in der Eröffnung und vor der Klammer Jesus nicht nur den Christus, sondern „Gott“ (Röm 9,5). Er preist ihn gleichzeitig in anbetendem Ruf, der zweifellos im Judentum allein Jahwe zusteht. Der Apostel setzt damit auch vor seinen jüdischen Mitlesern bewusst diese entscheidende, unerlässliche, gewaltige Provokation, die Mitte seines Bekenntnisses ist.

Angewendet auf gemeinsame Friedensgebete zwischen Juden, Muslimen und Christen, bei denen fast immer Gebete an Christus oder durch Christus fehlen, und auch angewendet auf die Diskussion um die Karfreitagsfürbitte ist zu fragen: Halten wir heute immer und trotz Widerspruchs an dieser Klarheit des Christusbekenntnisses fest? Kann es für Christen ein christusfreies interreligiöses Gebet und auch eine christusfreie Karfreitagsfürbitte für die Juden geben, ohne unser Bekenntnis zu verkürzen und die eigene Identität zu vernebeln?

Ist nämlich Jesus von Nazareth der Christus, der präexistente menschgewordene Sohn Gottes, der Mitschöpfer, Versöhner und Erlöser, das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, dann gibt es keinen Bereich, der von seinem Segen und Heilswillen nicht abhängig wäre. Dann ist auch die auf dem entsprechenden Katholikentagsforum etwa von Professor Schöttler (und vielen Autoren des dort beworbenen Büchleins von Homolka und Zenger) vertretene These der zwei absolut parallelen, eigenständigen und vollständigen Heilswege schwer nachvollzieh-bar.

Es müsste möglich sein, alle dort dargelegten Argumente für die Anerkennung Israels als bleibende Wurzel und bleibendes Geheimnis der Kirche und die höchste Achtung vor dem Judentum heute zu verbinden mit einem glasklaren Bekenntnis zu Christus als unserem Herrn und Gott, der für das Heil aller Menschen ohne Ausnahme bedeutsam ist. Wenn dies den christlich-jüdischen Dialog erschweren sollte, dann müssen wir notfalls um dieses Bekenntnisses willen einmal auf eine Friedensumarmung verzichten. Nicht verzichten dürfen wir auf regelmäßige Erinnerung an schwerste geschichtliche Schuld der Kirche an den Juden. Israel bleibt der mitlaufende Ursprung der Kirche, aber Christus ist auch der ewige, mitlaufende Ursprung der gesamten Schöpfung, auch Israels. Die Traurigkeit Jesu über Jerusalem und die Trauer des Paulus über das fehlende jüdische Erkennen Jesu als des Herrn wären nicht nötig, wenn der Heilsweg Israels genügte.

Wie glasklar, selbstbewusst und sich auch im Vergleich absetzend vom christlichen Dogma die jüdischen Theologen ihre Sache formulieren, ist in besagtem Büchlein nachzulesen und war zu hören auf dem betreffendem Forum vom Rabbiner: Das Christentum mache fälschliche Hinzufügungen. Wir respektieren, ja erwarten diese Auffassung, stellen aber in Festigkeit unser Bekenntnis daneben und beten weiter gemäß unserem Glauben. Faires Streiten verbindet mehr als verkürzende Harmonisierung.

Welcher Teufel den Papst geritten hätte, die neue Fürbitte für den alten Ritus so zu formulieren, fasste ein Forumsteilnehmer den Volkszorn zusammen. Die Referenten konnten ihn nicht aufklären, da sie in der Form akademisch-höflich, in der Sache jedoch derselben Meinung waren. Die Antwort ist, dass der Papst gelegen oder ungelegen als heutiger Petrus und heutiger Paulus spricht und nirgendwo, auch nicht in der Karfreitagsfürbitte für die Juden Christus verschweigt. Insofern ist die Neuregelung in bekenntnisunsicherer Zeit kein Betriebsunfall, sondern Absicht in der Linie des Jesusbuches.

Im diesjährigen von mir besuchten Karfreitagsgottesdienst im regulären Ritus war schon die übernächste Stufe erreicht. Die übliche, nachkonziliare Fürbitte für die Treue der Juden zu Gottes Bund wurde gleich ganz weggelassen. Vermutlich soll der Skandal des überheblichen Betens, des Heilsabsolutismus' und der angeblichen Herabwürdigung der jüdischen Religion vermieden werden. Beim Bekenntnis, will man es nicht allseitig abpolstern, lässt sich aber Ärgernis nicht immer vermeiden.