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    Hirntod-Debatte, Spätabtreibung, Sterbehilfe: Gilt das fünfte Gebot noch?: Schreckliche Entwicklung

    Zur kontinuierlichen Berichterstattung der „Tagespost“ über das Thema Sterbehilfe möchte ich anmerken: Ich finde es sehr wichtig, dass die Palliativmedizin weiter ausgebaut wird. Nur so kann das Recht des Sterbenden darauf, die letzten Momente seines irdischen Lebens in Würde zu leben, verwirklicht werden.

    Zur kontinuierlichen Berichterstattung der „Tagespost“ über das Thema Sterbehilfe möchte ich anmerken: Ich finde es sehr wichtig, dass die Palliativmedizin weiter ausgebaut wird. Nur so kann das Recht des Sterbenden darauf, die letzten Momente seines irdischen Lebens in Würde zu leben, verwirklicht werden.

    Als Ärztin und Mutter von fünf Kindern habe ich mich immer bemüht, so zu leben, dass mein Handeln nicht im Widerspruch zu meinem Glauben stand. Meine Kinder habe ich im Glauben erzogen und ihnen die christlichen Werte vermittelt. Bei meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in unserer Pfarrei versuche ich am„Tag des Lebens“, der im Rahmen der Firmvorbereitung stattfindet, den jungen Menschen zu vermitteln, wie wichtig der Schutz des Lebens in jeder Phase ist.

    Mit großer Sorge sehe ich die Entwicklung in der Medizin, die sich immer weiter von der uns von Gott gegebenen Ordnung entfernt. Vor allem das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ scheint keine Bedeutung mehr zu haben.

    Vom 6. bis 8. November fand in Rom ein Kongress unter dem Namen „A Gift for Life“ statt. Dieser Kongress wurde von der „Pontifical Academy for Life“ (PAV), der „World Federation of Catholic Medical Associations“ (FIAMC) und dem „Italian National Transplant Centre“ (CNT) organisiert. Zum großen Entsetzen vieler Menschen wurde diese Veranstaltung von der Firma Novartis gesponsert. Dieser Pharmakonzern verdient jährlich Milliarden durch den Verkauf von Immunsuppressiva. Das sind die Medikamente, die ein Patient, dem ein Organ transplantiert wurde, lebenslänglich einnehmen muss. Wenn es um so elementare Dinge wie Leben und Tod geht, haben Pharmafirmen nichts in der Kirche verloren. Geld darf hier keine Rolle spielen. So wird die Kirche unglaubwürdig.

    Von diesem Kongress ist nicht viel an die Öffentlichkeit gedrungen. Viele Menschen, die jedoch davon wussten, haben vergeblich auf eine verbindliche Aussage der katholischen Kirche zum Thema Hirntod gewartet. Da der Kongress unter anderem von CNT organisiert und von Novartis gesponsert wurde, konnten sich wie immer nur die Befürworter der Transplantation Gehör verschaffen.

    Inzwischen ist es allgemein anerkannt, dass der Hirntod eine Phase im Sterbeprozess ist. Es ist bekannt, dass Patienten nach der Hirntoddiagnose wieder zu sich kamen und weiterlebten. In jedem Fall ist der Hirntote aber ein Sterbender und kein Toter.

    Im katholischen Katechismus heißt es in Absatz 475: „Für die edle Tat der Organspende nach dem Tod muss der tatsächliche Tod des Spenders sicher feststehen.“ In Absatz 478 steht: „Sterbende haben das Recht darauf, die letzten Momente ihres irdischen Daseins in Würde zu leben.“

    Wie lässt sich dies alles mit der Organspende vereinbaren? Der Spender ist ein Sterbender und wird erst nach der Entfernung der lebenswichtigen unpaaren Organe getötet.

    Die Organspender haben sich zu Lebzeiten bereiterklärt, nach ihrem Tode ein oder mehrere Organe zu spenden. Sie wissen nicht, dass sie zum Zeitpunkt der Explantation nicht tot sind. Sie wissen nicht, dass es notwendig ist, ihnen eine Narkose zu geben. Sie wissen nicht, dass erst nach dem Herzstillstand, der eintritt, wenn das Herz mit Kühlflüssigkeit durchspült wird, die Beatmung eingestellt wird.

    Auch die Angehörigen, die in einer Grenzsituation, nämlich im Schock um den Verlust eines geliebten Menschen, zur Freigabe der Organe aufgefordert werden, wissen nichts von diesen Tatsachen. Sie leiden oft über Jahrzehnte daran, dass sie den von ihnen geliebten Menschen in seinem Sterben im Stich gelassen und ihn zur Explantation freigegeben haben.

    Die potenziellen Organspender beziehungsweise deren Angehörige werden immer auf das Gebot der Nächstenliebe verwiesen. Wie steht es aber mit der Nächstenliebe auf der Seite der Organempfänger?

    Kann ich verlangen, dass ein Sterbender getötet wird, damit ich gerettet werde? Kann ich erwarten, dass eine Familie, die schon den Verlust eines geliebten Menschen zu verarbeiten hat, sich zusätzlich mit Zweifeln und Vorwürfen quälen muss?

    Es wird immer davon gesprochen, dass der Organempfänger ohne Transplantation sterben muss. Das ist nicht wahr. Es gibt viele Alternativen wie zum Beispiel die Dialyse, die Leberdialyse oder mechanische Unterstützungsgeräte für das Herz. Die Patienten müssen nicht sterben. Ihre Lebensqualität ist eingeschränkt. Aber müssen nicht viele Menschen mit einer eingeschränkten Lebensqualität leben; denken wir nur an Patienten mit neurologischen Erkrankungen oder an Krebspatienten.

    Nach der Transplantation sind die Organempfänger keineswegs gesund. Sie müssen lebenslänglich starke Medikamente nehmen, welche die Abstoßungsreaktionen des Körpers verhindern sollen. Diese Medikamente haben erhebliche Nebenwirkungen und schränken dadurch wiederum die Lebensqualität der Organempfänger ein. Lediglich die Pharmafirmen, die diese Medikamente herstellen, haben einen Nutzen davon. Sie verdienen jährlich Milliarden an den Immunsuppressiva.

    Die Organempfänger haben außerdem große seelische Probleme mit dem transplantierten Organ. Die meisten wagen es nicht, öffentlich darüber zu sprechen, da sie bei öffentlichen Auftritten zum Thema Transplantation meist in Begleitung eines Arztes von der Transplantationsstation sind. Sie müssen befürchten, dass sie, wenn sie etwas Negatives sagen, im Falle einer Organabstoßung kein neues Organ mehr bekommen.

    Die Transplantationsbefürworter lehnen es ab, die Wahrheit über diese Tatsachen zu sagen. Schon Professor Pichlmayr, einer der ersten Transplanteure in Deutschland sagte: „Wenn wir die Öffentlichkeit aufklären, bekommen wir keine Organe mehr.“ Es ist jedes Mittel recht, um vor allem junge und unerfahrene Menschen zur Organspende zu überreden. So versuchten zum Beispiel im vergangenen Jahr Prominente die jugendlichen Gäste beim Betreten einer Diskothek zum Ausfüllen eines Organspenderausweises zu animieren. Angesichts der Tatsache, dass viele Jugendliche nach Diskothekenbesuchen tödlich verunglücken, finde ich das besonders empörend.

    Ein anderes bedrückendes Thema ist die Spätabtreibung. Die pränatale Diagnostik dient nicht dem Wohl der Mutter und nicht dem Wohl des Kindes. Ihr einziges Ziel ist es, Selektion zu betreiben. Wohin soll das führen? Hat bald nur noch der gesunde, intelligente und einem bestimmten Schönheitsideal entsprechende Mensch ein Recht auf Leben? Werdende Mütter werden von skrupellosen Ärzten zu unnötigen Untersuchungen, die das Kind sogar schädigen können, überredet. Wird bei der Untersuchung eine mögliche Beeinträchtigung des Kindes festgestellt (oft handelt es sich auch um Fehldiagnosen), wird die Mutter zur Abtreibung gedrängt. Es geht sogar so weit, dass man einer Mutter sagte, ihr Kind sei zwar noch nicht geschädigt, aber wenn es 20 oder 30 Jahre alt sei, könne es eine ernste Erkrankung bekommen; deshalb habe sie das Recht abzutreiben.

    Wie steht es mit den alten Menschen? Auch hier bahnt sich eine schreckliche Entwicklung an.

    Krankenkassen verweigern schon die Kostenübernahme für dringend notwendige Behandlungen.

    Nachdem der Mensch einmal vom „Baum des Lebens gekostet hat“, scheut er vor nichts mehr zurück. In England ist es schon erlaubt, Menschen mit Tieren zu kreuzen.

    Wo bleibt bei all diesen Problemen die klare und deutliche Aussage der katholischen Kirche?

    Manchmal habe ich den Eindruck, dass es in der katholischen Kirche nur um die strikte Einhaltung des sechsten und neunten Gebotes geht.

    Wie steht es um das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“?

    Darf das fünfte Gebot dem Zeitgeist angepasst werden? Was versteht der Heilige Vater darunter, wenn er sagt, dass „vitale Organe“ nur „ex cadavere“ entnommen werden dürfen? Bedeutet dies, dass der Spender klinisch tot sein muss, oder dürfen dem Sterbenden die Organe entnommen werden, das heißt, darf der Sterbende getötet werden?

    Auch die Motive der Transplanteure sind keineswegs edel. Galten die Ärzte früher als „Halbgötter in Weiß“, so fühlen sich die Transplanteure als „Götter in Weiß“, als Herren über Leben und Tod.

    Außerdem ist zur Erlangung des Facharzttitels eine bestimmte Anzahl an Transplantationen notwendig. Das wiederum erhöht die Begierde nach Organspendern und Organempfängern. Beide Gruppen werden von der Pharmaindustrie und den Transplantationsmedizinern zur Erreichung ihrer Ziele instrumentalisiert.

    Was sollen wir den jungen Menschen sagen? Sollen wir sagen, dass man in bestimmten Fällen töten darf? Das kann doch nicht sein.

    Beim Korbiniansfest forderte der Münchner Erzbischof Reinhard Marx dazu auf, bei Ungerechtigkeit in die „Speichen zu greifen“ und den Mut zu haben, auch Unpopuläres auszusprechen. Dieser Mut lässt sich vor allem in den öffentlichen Medien vermissen. Damit die Menschen in schwierigen Situationen die richtige Entscheidung treffen können, ist eine fundierte Aufklärung über bioethische Themen wichtig. Hier hätten die Medien eine große Aufgabe.

    Doch leider geschieht hier genau das Gegenteil. Man hat den Eindruck, dass durch die Medien eine regelrechte Volksverdummung herbeigeführt wird oder vielleicht sogar herbeigeführt werden soll.

    In unserer orientierungslosen Zeit schauen die Gläubigen auf die katholische Kirche und ganz speziell auf den Heiligen Vater und die Bischöfe und hoffen, dass diese der Welt den richtigen Weg zeigen. Im Dekalog sind uns klare Richtlinien gegeben. Alle Gebote müssen ihre volle Gültigkeit haben. „Du darfst nicht töten“ muss in jeder Phase des Lebens von der Zeugung bis zum endgültigen Tod gelten. Seit Jahrtausenden ist es klar, wann der Mensch tot ist. Der „Hirntod“ ist ein willkürliches Konstrukt, um bestimmte Ziele zu erreichen. In der Kirche darf er nicht anerkannt werden.

    Dr. med. Regina Breul, 80939 München