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    Hans-Jochen Vogel, die Deutschen und der Widerstand gegen Hitler: Hätten es denn mehr Tote sein sollen?

    Zum Interview „Ich bin überzeugt von der Existenz Gottes“ (DT 28.01.17): Das Bekenntnis des SPD-Politikers Dr. Vogel zum Christentum ist zwar erfreulich, aber seine ideologische Sicht auf die Deutschen unter dem Nationalsozialismus muss doch korrigiert werden. Er behauptet, für 70 Prozent der Deutschen hätte eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit Selbstkritik bedeutet. Sie müssten sich fragen: „Warum hast Du Dich nicht gegen das Regime aufgelehnt?“ Weiß Herr Dr. Vogel denn nicht, dass Hitler selbst unter dem SA-Terror im März 1933 nicht über 44 Prozent der Stimmen erreichte? In München erreichte er bei der letzten wirklich freien Wahl im November 1932 nur 18,6 Prozent. Die Behauptung Vogels, dass 70 Prozent der Deutschen hinter Hitler gestanden hätten, ist eine parteiische Schätzung zulasten der Bürger. Noch weniger begründet ist die vorwurfsvolle Frage „Warum hast Du Dich nicht gegen das Regime aufgelehnt?“ Das haben doch viele getan und leider mit ihrem Leben bezahlt. Nationalsozialistische Morde und Verhaftungen wirkten abschreckend – vor allem nach der Mordwelle vom 30. Juni 1934. Hitler hat sich schon an denen grausam gerächt, die ihn vor der Machtübernahme bekämpft hatten.

    Ehemaliger SPD-Vorsitzender Hans-Jochen Vogel gestorben
    Der ehemalige SPD-Vorsitztende Hans-Jochen Vogel, aufgenommen auf dem Parteitag der SPD. Der frühere SPD-Chef Hans-Joche... Foto: Tim Brakemeier (dpa)

    Zum Interview „Ich bin überzeugt von der Existenz Gottes“ (DT 28.01.17): Das Bekenntnis des SPD-Politikers Dr. Vogel zum Christentum ist zwar erfreulich, aber seine ideologische Sicht auf die Deutschen unter dem Nationalsozialismus muss doch korrigiert werden. Er behauptet, für 70 Prozent der Deutschen hätte eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit Selbstkritik bedeutet. Sie müssten sich fragen: „Warum hast Du Dich nicht gegen das Regime aufgelehnt?“ Weiß Herr Dr. Vogel denn nicht, dass Hitler selbst unter dem SA-Terror im März 1933 nicht über 44 Prozent der Stimmen erreichte? In München erreichte er bei der letzten wirklich freien Wahl im November 1932 nur 18,6 Prozent. Die Behauptung Vogels, dass 70 Prozent der Deutschen hinter Hitler gestanden hätten, ist eine parteiische Schätzung zulasten der Bürger. Noch weniger begründet ist die vorwurfsvolle Frage „Warum hast Du Dich nicht gegen das Regime aufgelehnt?“ Das haben doch viele getan und leider mit ihrem Leben bezahlt. Nationalsozialistische Morde und Verhaftungen wirkten abschreckend – vor allem nach der Mordwelle vom 30. Juni 1934. Hitler hat sich schon an denen grausam gerächt, die ihn vor der Machtübernahme bekämpft hatten.

    Wie grausam er aber mit denen umging, die sich nach der Machtübernahme noch gegen das Regime äußerten, müsste man eigentlich wissen, wenn man nur einmal ein KZ besichtigt hat. Die vielen KZs in Deutschland wie beispielsweise Dachau, Börger Moor, Sachsenhausen, Buchenwald usw. waren doch alle nicht für die Anhänger Hitlers gebaut, sondern für Deutsche, die sich trotz Terror nicht in das Regime integrierten wollten. Diese Realität erklärte der unverdächtige Zeuge Erich Kästner besser: „Widerstand ist keine Frage des Heroismus, sondern des Terminkalenders.“ Wenn ein so radikales System einmal die Macht übernommen hat, erklärte Kästner weiter, dann führe Widerstand nur zu einem aussichtslosen Blutbad. Haben nicht auch die an den 42 Attentaten Beteiligten ihre Auflehnung gegen Hitler mit dem Leben bezahlt? Hätten es denn noch mehr Tote sein sollen? Die publikumswirksame Klage über eine angeblich fehlende Auflehnung gegen das Regime berücksichtigt nicht die ganz natürliche Todesangst der Menschen. Und wer gar unterstellt, man hätte damals ohne Gefahr für Leib und Leben gegen das System demonstrieren können, wie heute in westlichen Demokratien, der verharmlost Hitler und sein System in unverantwortlicher Weise. Auch der Vorwurf der Verdrängung der NS-Zeit ist unberechtigt. Das zeigen die zahlreichen Publikationen hierzu sowie die ausführlichen Diskussionen um die neuen Länderverfassungen und das Grundgesetz. Überdies hatten die meisten Deutschen damals auch noch andere Sorgen. Sie hungerten und froren in Ruinen. Wer das nicht erlebt hat, kann leicht den Vorwurf der Verdrängung erheben.

    Dr. Eduard Werner, 82346 Andechs