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    Die afrikanische Stunde

    Es war am 19. November 1964: An diesem Tag wurde der Textentwurf für die „Erklärung über die Religionsfreiheit“ des Zweiten Vatikanischen Konzils unvermittelt zurückgestellt und die Abstimmung um ein Jahr verschoben. Die Ankündigung dieser unerwarteten Entscheidung, die ein Antrag italienischer und spanischer Bischöfe veranlasst hatte, die angeblich gegen diese Erklärung waren, führte zu einer fast chaotischen Situation. Hastig wurde eine Petition an Paul VI. zusammengeschustert und von Hunderten von Konzilsvätern unterschrieben, in welcher der Papst gebeten wurde, eine Abstimmung über die Erklärung zuzulassen, bevor das Konzil seine dritte Sitzungsperiode in Kürze beschließen würde. Paul VI. entschied, dass trotz der Beschwerden der Mehrheit nicht gegen das Procedere verstoßen worden sei und die Abstimmung auf die vierte Sitzungsperiode des Konzils im Herbst 1965 vertagt würde – wobei er versprach, die Erklärung werde als erster Punkt auf die Tagesordnung kommen.

    Wahrheiten des Evangeliums mitfühlend, aber auch kompromisslos verkündigen: Afrikanischer Katholizismus als Vorbild. Foto: dpa

    Es war am 19. November 1964: An diesem Tag wurde der Textentwurf für die „Erklärung über die Religionsfreiheit“ des Zweiten Vatikanischen Konzils unvermittelt zurückgestellt und die Abstimmung um ein Jahr verschoben. Die Ankündigung dieser unerwarteten Entscheidung, die ein Antrag italienischer und spanischer Bischöfe veranlasst hatte, die angeblich gegen diese Erklärung waren, führte zu einer fast chaotischen Situation. Hastig wurde eine Petition an Paul VI. zusammengeschustert und von Hunderten von Konzilsvätern unterschrieben, in welcher der Papst gebeten wurde, eine Abstimmung über die Erklärung zuzulassen, bevor das Konzil seine dritte Sitzungsperiode in Kürze beschließen würde. Paul VI. entschied, dass trotz der Beschwerden der Mehrheit nicht gegen das Procedere verstoßen worden sei und die Abstimmung auf die vierte Sitzungsperiode des Konzils im Herbst 1965 vertagt würde – wobei er versprach, die Erklärung werde als erster Punkt auf die Tagesordnung kommen.

    Ausbruch eines ziemlich „unrömischen“ Verhaltens

    In der katholischen Kirche hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren nichts ereignet, das an diesen legendären „Schwarzen Donnerstag“ erinnert hätte – bis zu einem anderen Donnerstag, dem 16. Oktober 2014, kurz vor Abschluss der Außerordentlichen Synode über die Familie. In einer dramatischen Szene, bei der auch laute und zornige Stimmen zu hören waren, zwangen die Väter die Synodenleitung, die vollständigen Texte der Berichte der Sprachgruppen zu veröffentlichen, von denen sich viele sehr kritisch über den „Zwischenbericht“ geäußert hatten, der nach der ersten Woche der Synodendebatte erstellt worden war. Dieser Aufstand der Mehrheit setzte seinerseits einen Prozess in Gang, der zu einem stark veränderten und deutlich verbesserten Schlussbericht der Synode von 2014 führte.

    Bei beiden Gelegenheiten zeigte der Ausbruch eines ziemlich „unrömischen“ Verhaltens an, dass etwas Ernstes im Gange war, etwas, das das Selbstverständnis der katholischen Kirche betraf. 1964 war die Religionsfreiheit das Thema, doch die tieferen Fragen betrafen das Wesen der menschlichen Person, das Verhältnis zwischen Gewissensfreiheit und dem Anspruch der Wahrheit, das historische Verhältnis der Kirche zur Staatsgewalt und die sich gegenüber der politischen Moderne herausgebildete Haltung des Katholizismus. 2014 ging es um die Familie und die pastorale Antwort der Kirche auf die sexuelle Revolution, doch die eigentlich umstrittenen Fragen waren praktisch dieselben wie 1964, obwohl sie diesmal stärker das Verhältnis der Kirche zur postmodernen Kultur betrafen als ihr Verhältnis zur Demokratie und die Trennung von Kirche und Staat.

    Es war immer die Absicht des Papstes, dass die Synode des Jahres 2014 eine breitgefächerte Diskussion über die Krise der Ehe und die Familie sein sollte. Denn er glaubt, dass die Kirche nur dann, wenn das Wesen der Krise vollständig erfasst wird, darüber nachzudenken beginnt, wie sie ihr Eheverständnis so erklärt, dass es bereitwilliger gehört und in der heutigen gnostischen Kultur gelebt werden kann. Eine gründliche Untersuchung der Krise und der christlichen Eheschließung als Antwort darauf ist aber nicht in dem Maß erfolgt, wie man es sich erhofft hätte, was zu einem nicht unbedeutenden Teil das Werk deutscher Bischöfe war, die von dem emeritierten Kurienkardinal Walter Kasper und dem Generalsekretär der Synode, Kardinal Lorenzo Baldisseri, angeführt wurden. Sie schienen entschlossen zu sein, die Frage der Zulassung von geschiedenen und zivil wiederverheirateten Katholiken zur Kommunion in den Vordergrund der Synodendebatten zu drängen.

    Während der Synode selbst hat Kardinal Kasper in Wien einen Vortrag gehalten, in dem er seine Position über Ehe und Familie dem eigenen Verständnis des Zweiten Vatikanums als eines Konzils zuordnete, das eine neue Zeit im Leben der katholischen Kirche eröffnet habe, in der alle alten Wahrheiten Gegenstand einer Überprüfung und möglicherweise sogar einer nochmaligen Erwägung seien. Auch hier fragt man sich, welche Informationen in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gelangt sind. Die lebendigen Teile des Katholizismus in der entwickelten Welt sind diejenigen, die nach einer von innerer Kraft erfüllten Rechtgläubigkeit leben, durch die sich die Lehre Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. auszeichnet; die abbröckelnden Teile des europäischen Katholizismus – also der größte Teil des westeuropäischen Katholizismus – sind diejenigen, die sich dem Wind des Zeitgeists gebeugt und die in der Meinung, dies entspreche dem „Geist des Zweiten Vatikanums“, in Fragen der kirchlichen Lehre und Moral die Grenzen aufgeweicht haben.

    „Neu“ an der Außerordentlichen Synode war, dass sich der afrikanische Katholizismus als ein Hauptfaktor für die Gestaltung der Zukunft des Katholizismus auf der Welt erwiesen hat. Die afrikanischen Synodenväter waren unter den Anführern derer, die die Vorschläge Kaspers hinterfragten. Und sie argumentierten mit Nachdruck, dass sich die christliche Auffassung der Ehe in ihren Kulturen vor allem für die Frauen als eine befreiende Kraft gezeigt habe. Sie schlugen auch – implizit oder explizit – vor, dass Bischöfe, die sterbende Ortskirchen repräsentierten, die westliche Dekadenz nicht in den Südteil der Welt exportieren sollten, wo der Katholizismus exponentiell gewachsen sei, indem die Wahrheiten des Evangeliums mitfühlend, aber auch kompromisslos verkündigt werden.

    Das erforderte Mut, und zwar nicht nur, weil sich die Afrikaner damit der Anklage aussetzten, kulturell rückständig zu sein (oder, wie es Kardinal Kasper wenig elegant formulierte, „Tabus“ zu unterliegen). Es erforderte auch Mut, weil ein großer Teil der Kirche in Afrika Geld von deutschen katholischen Hilfswerken erhält, die dank der Kirchensteuer über beträchtliche Mittel verfügen und sehr großzügig sind. Und doch schien für Männer wie Kardinal Wilfrid Fox Napier, den Erzbischof von Durban, von dem man lange dachte, er sei mit der katholischen Linken verbunden, bei der Synodendiskussion über die Ehe sowie über die Seelsorge für Homosexuelle etwas außerordentlich Wichtiges auf dem Spiel zu stehen. Daher fanden Napier und andere, es sei an der Zeit, Alarm zu schlagen. Napier tat dies mit einer bemerkenswerten Verurteilung des Zwischenberichts der Synode – ein mutiger Aufruf, der anderen erfolgreich ermöglichte, zu sagen, was sie wirklich über die Manipulation der Synodendiskussionen dachten, die in diesem Bericht offen zutage traten.

    Während der Synode wurden Befürchtungen, der Synodenverlauf würde durch Kardinal Baldisseri und Erzbischof Bruno Forte, den italienischen Theologen und Sondersekretär der Synode, manipuliert, sogar von normalerweise vernünftigen Vatikanberichterstattern routinemäßig als konservative Verschwörungstheorien abgetan. Zahlreiche Synodenväter erzählten jedoch eine andere Geschichte, und ihre Enttäuschung über den Verlauf war eindeutig der Grund, der zu der heftigen Auseinandersetzung des 16. Oktobers sowie zur darauffolgenden Veröffentlichung der Diskussionsberichte aus den Sprachzirkeln geführt hat, die in scharfem und erheblichem Widerspruch zu der Linie standen, die der Zwischenbericht vertrat.

    Der Zwischenbericht ließ viele Synodenväter aktiv werden

    Was stimmte nicht mit dem Verfahren? Einiges. Das Synodensekretariat lehnte es ab, die Texte mit den Beiträgen der Synodenväter während der ersten Woche zu veröffentlichen, in der die Synodenväter, Auditoren und Beobachter vor der ganzen Versammlung gesprochen hatten. Diejenigen, die erklärten, eine ehrlichere Berichterstattung sei angezeigt, wurden abgeschmettert, und nicht wenige Synodenväter kamen zu dem Schluss, dass – wie jemand es darstellte – die Manipulation der Sitzungsberichte „sowohl offensichtlich als auch unbeholfen“ sei, was so viel hieß, dass sie durchschaubar war – und zwar sozusagen auf wenig intelligente Weise.

    Doch es war gerade der Zwischenbericht, der viele Synodenväter aktiv werden ließ. Er sollte die Hauptthemen der ersten Synodenwoche zusammenfassen, die dann in der zweiten Woche in den Sprachgruppen genauer untersucht und weiterentwickelt werden sollten. Versuche von Kardinal Baldisseri und anderen, den Zwischenbericht bloß als eine Art Report über Diskussionsthemen zu verharmlosen, wurden durch zwei Tatsachen Lügen gestraft. Erstens: Mindestens sieben von zehn Sprachgruppen haben in der zweiten Synodenwoche den Zwischenbericht heftig kritisiert und ihn als ungenaue Wiedergabe der Synodendebatten betrachtet. Zweitens: Sehr wenig von dem, was die katholische Linke und die internationale Presse in dem Zwischenbericht revolutionär und erfreulich fanden, war im Schlussbericht der Synode zu finden, den Papst Franziskus als das Dokument bezeichnete, das die Tagesordnung der Synode von 2015 bestimmen würde, beziehungsweise in der „Botschaft“ der Synode an die Welt, ein sorgfältig verfasstes Dokument, das sich anerkennend und lobend über Ehe und Familie äußerte.

    Afrika ist seit Jahrzehnten ein lebendiges Zentrum für das katholische Leben und das katholische Zeugnis. Diese Lebendigkeit und dieses Zeugnis spielen nun auf den höchsten Ebenen kirchlicher Beratungen eine Rolle. Der Aufruf des Papstes zur Offenheit und das Vertrauen, das die afrikanischen Bischöfe in die Wahrheit ihrer eigenen kirchlichen Erfahrung haben, hat sie in die Lage versetzt, sich den Vorschlägen ihrer europäischen Kollegen zu widersetzen.

    Und während viele Berichte und Kommentare der Synode in die schlechte Gewohnheit zurückfielen, alle katholischen Debatten anhand der altersschwachen Kategorien von den „guten Progressiven“ und den „bösen Konservativen“ darzustellen, macht eine nähere Untersuchung der Debatten klar, dass sich das Drama der katholischen Kirche im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht nach dem Drehbuch entfaltet, das vor nunmehr einem halben Jahrhundert in den in der Zeitschrift „New Yorker“ unter dem Pseudonym „Xavier Rynne“ erschienenen Artikeln ausführlich beschrieben wurde, die dann das Cowboy-und-Indianer-Klischee prägten, das immer noch einen Großteil der Berichterstattung über katholische Belange in den Mainstream-Medien steuert. Die dynamischen und rechtgläubigen Führer der heutigen Kirche – die Männer, die erfolgreich den Versuch vereitelt haben, die Synode von 2014 auf den Weg abgleiten zu lassen, den der Zwischenbericht vorgezeichnet hatte, und deren Einschreiten für den deutlich verbesserten Schlussbericht und die „Botschaft“ der Synode an die Welt verantwortlich war – sind aber alles Männer „des“ Zweiten Vatikanums und nicht Männer „gegen“ das Konzil. Und sie sind nicht bereit, sich von führenden Katholiken in Deutschland, Italien, England oder sonst wo, die offensichtlich in ihrer Evangelisierungsarbeit gescheitert sind, darüber belehren zu lassen, wie die Neuevangelisierung vorangebracht werden kann.

    In Erwiderung auf den Aufruf von Papst Franziskus an die ganze Kirche, die im Oktober 2014 begonnenen Diskussionen fortzusetzen, bleibt jedoch noch eine Menge zu tun. Die Hauptthemen, die in den kommenden Monaten der Vorbereitung auf die Ordentliche Synode behandelt werden müssen, beinhalten zumindest folgendes: Es sollten mehr Daten vorgelegt werden – und sie sind in großer Zahl verfügbar –, um zu zeigen, dass die kirchliche Vorstellung von der unauflöslichen und fruchtbaren Ehe sowie die kirchliche Lehre über geeignete Mittel zur Empfängnisregelung zu glücklicheren Ehen, glücklicheren Familien, glücklicheren Kindern und besseren Gesellschaften beiträgt als die Dekonstruktion von Ehe und Familie, die den Westen wie ein Tsunami überschwemmt.

    Gleichzeitig sollte die Kirche eine ernsthaftere Diskussion über die „Liebesleiter“ führen, ein Bild für das spirituelle Leben, das der heilige Augustinus von Platons „Symposion“ übernommen hat. Bei der Synode wurde empfohlen, dass die Kirche in ihrer pastoralen Vorgehensweise den Menschen auf dieser Liebesleiter dort begegnen solle, „wo sie sind“, gleich, wie tief die Stufe sei. Das ist sicher wahr und ist auch schon immer wahr gewesen. Doch die Kirche begegnet den Menschen auf der Leiter dort, „wo sie sind“, um sie aufzufordern, mit der Hilfe von Gottes Gnade, die durch die kirchlichen Sakramente vermittelt wird, höher zu steigen. Lobenswerte Elemente in ehelichen Situationen oder sexuellen Beziehungen zu finden, die gegen die Regeln verstoßen, bedeutet nicht, diese Regelverstöße gutzuheißen, sondern die Menschen einzuladen, die Leiter hinaufzusteigen. Das heißt, ihnen dabei zu helfen, die Fülle des Guten zu verstehen, und sie zu ermutigen, es mit Hilfe der Gnade zu suchen. Diese Herausforderung ist so alt wie die Bemühungen von Paulus auf dem Areopag, und sie wird nicht einfach verschwinden. Doch die Diskussion, wie man Männer und Frauen dazu einlädt, die Liebesleiter hinaufzusteigen, wird nicht durch Aufrufe zum Mitgefühl vorangebracht, die das Mitgefühl faktisch von der Wahrheit trennen, oder indem man sich zeitgenössischen Schlagworten zur Sexualität in all ihren Ausdrucksformen anpasst.

    Nichts ist wichtiger als die Verkündigung

    Eine der Standard-Redewendungen in der Medienberichterstattung über die Synode im letzten Jahr – die allzu häufig unglücklichen Kommentaren von Synodenvätern entstammten – war die Unterscheidung zwischen „Lehre“ und „pastoraler Praxis“. Es ist klar, dass das nicht dasselbe ist. Doch es ist genauso klar, dass gewisse kirchliche Praktiken – wie etwa die Bedingungen für die Zulassung zum Empfang der heiligen Kommunion zu bestimmen – eng mit der beständigen Lehre verbunden sind: die vom Herrn selbst stammende Lehre, dass die Ehe unauflöslich ist, sowie die Implikationen dieser Lehre für den rechten Kommunionempfang, die sich beim heiligen Paulus finden: „Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn“ (1 Kor 11,27).

    Da es nun keinen Konsens im Sinne der Vorschläge von Kardinal Kasper gibt, sollte sich die Diskussion in diesem Jahr auf Regelungen des kirchenrechtlichen Verfahrens zur Erklärung der Nichtigkeit der Ehe konzentrieren sowie auf die Wahrheiten über die heilige Eucharistie und das Sakrament der Buße, die dem derzeitigen – und künftigen – kirchlichen Verständnis und der derzeitigen – und künftigen – kirchlichen Praxis in Bezug auf die Zulassung zur Kommunion zugrunde liegen. Trotz all ihrer Schwächen – ja wegen ihrer Schwächen und der medialen Aufmerksamkeit, die sie hervorgerufen haben – bieten Kaspers Vorschläge den Pfarrern und Bischöfen eine außergewöhnliche Gelegenheit, ihr Volk über Fragen der Ehe, der Eucharistie und der Buße erneut (oder in vielen Fällen erstmals) zu belehren. Hirtenbriefe zu diesen Themen wären hilfreich, aber nichts ist hier wichtiger als die wirkliche Verkündigung.

    Der Autor ist „Distinguished Senior Fellow“ am „Ethics and Public Policy Center“ in Washington in den Vereinigten Staaten und hat eine ausführliche Biographie Johannes Pauls II. veröffentlicht. Sein Beitrag ist in der Onlineausgabe des amerikanischen Magazins „First Things“ erschienen. Wir danken George Weigel und „First Things“ für die Erlaubnis, den Artikel in einer gekürzten Fassung auf Deutsch zu veröffentlichen. Der vollständige Beitrag erscheint im Februar-Heft der Zeitschrift „VATICAN magazin“.