Die Kirche und ihr Verhältnis zu den Parteien – Hirtenwort zum Wahlkampf: Zeugnis gegeben, statt moderieren

Der interessante Beitrag „Streiten oder Moderieren“ (DT vom 22. September) von Johannes Seibel dokumentiert die Erosion des katholischen-christlichen Zeugnisses und der Weltverantwortung in den letzten Jahrzehnten. Wer es nicht glauben kann, dass Indifferenz und Äquidistanz in dieses hohe Gremium hat einziehen können, der möge sich diesen Beitrag ausschneiden und wiederholt lesen, es ist einfach unglaublich.

Die Deutsche Bischofskonferenz muss sich ernsthaft fragen, ob dies noch ihrem Auftrag entspricht. 1998 unter Vorsitz von Kardinal Lehmann schreibt die Deutsche Bischofskonferenz: „Die Bedeutung des Grundkonsenses in der Gesellschaft geht über den wirtschaftlichen und sozialen Bereich weit hinaus. Sie betrifft die gesamte Wertordnung des individuellen und öffentlichen Lebens sowie die religiösen Grundlagen und Überzeugungen.“ Im Klartext, „der gesellschaftliche Grundkonsens“ hat Priorität und die Praxis bestätigt die Umsetzung dieser Devise. Der farblose Inhalt des letzten Wahlaufrufes 2009 ist der traurige Höhepunkt dieser beschriebenen „zunehmenden Äquidistanz zu allen politischen Parteien“ und absichtlichen Unschärfe in der Aussage. Der christliche Tiger ist schließlich als Bettvorleger gelandet. Ein solches Bischofs-Wort ruft nur noch zur Wahl auf, ohne ausreichend Kante zu zeigen und Orientierungshilfe zu geben. Aus Sicht vieler Katholiken eine einzige Enttäuschung.

Der Beifall für undeutliche Worte und indirekte Bestätigung einer grundfalschen Politik zum Beispiel im Lebensschutz wird von der falschen Seite kommen und die Wertedemontierer ermutigen. Die eigenen konsequenten Kräfte werden geschwächt. Das muss man auf sich wirken lassen. Wundert sich noch jemand über die unklaren, schwachen Erklärungen von offizieller katholischer Seite in Sachen Schutz unserer ungeborenen Kinder gegen die unmenschliche Abtreibung im Mutterleib?

Das alles ist in Wahrheit überaus deprimierend und bei weitem nicht das einzige Beispiel für diese „Diplomatie“. Ich wünsche der sich verändernden Mehrheit unserer ehrwürdigen Bischöfe, dass sie erkennen, was die Stunde geschlagen hat, wieder mutig Flagge zeigen und ihrer Kirchengemeinschaft und der Gesellschaft das geben, was sie am dringendsten braucht. So gut gemeint das Streben nach „gesellschaftlichem Grundkonsens“ auch sein mag, er kann niemals an erster Stelle stehen. Jesus Christus gibt das Beispiel vor. Er hat nicht moderiert, sondern glasklar Position bezogen und gestritten. Die Wahrheit und Verkündigung darf nicht komprommitiert werden. Man muss kein Exeget sein, um mit Sicherheit festzustellen, Grundkonsens mit der Gesellschaft war kein Anliegen oder Thema Jesu. Aus seiner Lehre ist damals wie heute in der Praxis und Geschichte primär kein gesellschaftlicher Grundkonsens entstanden, sondern doch wohl eher und stets das Gegenteil. Die Kirche ist gewachsen und groß geworden in unbeirrbarem Zeugnis.

Mit ihrem jüngsten Kurs hat die Kirche wenig gewonnen und mehr vergrault. Die Zahlen zeigen konsequent nach unten. Also ist auch der falschen Motivation, dieser Kurs führe zur Bindung von Mitgliedern, jeder Grund entzogen. Jetzt muss die Phase der Rückbesinnung und Erneuerung mutig vorangebracht werden. Um mit wahrhaft christlichen (katholischen) Positionen wieder zu überzeugen, bedarf es der Klarheit, Glaubwürdigkeit und guten Übereinstimmung mit Evangelium und Auftrag der Kirche. Das kann man, so man will, sofort umsetzen.