Der Vatikan und der „Fall Williamson“ – Merkels Kritik an Papst Benedikt XVI. – Die Priesterbruderschaft Pius X. – Mediale Empörung: Der Spaltung entgegenwirken: Wie kommt die Kanzlerin dazu?: Schlammschlacht gegen den Papst:

Im Vatikan ist sicher manches schief gelaufen in der Aufhebung der Exkommunikation des besagten Bischofs Williamson. Ich bin überzeugt, dass der Papst einer weiteren Spaltung entgegen wirken wollte. Vielleicht wäre es damals nicht zur großen Spaltung gekommen, wenn man Luther mehr entgegen gekommen wäre. Doch ich finde es unerhört, wie Bundeskanzlerin Merkel vom Papst Klarstellung verlangt über sein Verhältnis zum Judentum oder über die Leugnung der Gaskammern und das furchtbare Unrecht, das da geschehen ist. (DT vom 5. Februar) Ich kann mir nur vorstellen, dass sie überhaupt nicht informiert ist über all die Äußerungen des Papstes über dieses Unrecht bei seinen Reisen oder über seine Worte in den letzten Tagen.

Oder ist Frau Merkel der Meinung, dass der Papst seine Meinung genauso schnell ändert wie sie, in der Marktwirtschaft, wenn Autokonzerne und Banken es fordern; in den früheren Erklärungen gegenüber den Amerikanern zum Irak-Krieg, wo sie dann mit Recht auf Schröder eingeschwenkt ist; in der Steuerpolitik; in der Stammzellenforschung; in den Grundwerten des Lebensschutzes und der Familie oder wie sie beim Klimaschutz klein bei gibt, wiederum, wenn die Wirtschaft es fordert. Mit Recht fragen sich viele Christen, ob sie der CDU noch ihre Stimme geben können.

Peinlich, peinlich für Frau Bundeskanzlerin Merkel (DT vom 5. Januar)! Hat ihr das Bundespresseamt den Text von Papst Benedikt XVI. nach seiner Generalaudienz-Ansprache vom 28. Januar 2009 zur eindeutigen Distanzierung der Leugnung vom Holocaust und den empörenden Äußerungen des von der anglikanischen Kirche zu den Traditionalisten konvertierten, von Erzbischof Lefebvre geweihten Auxiliarbischof Richard Williamson nicht zur Kenntnis gebracht? Wie kommt die Bundeskanzlerin jetzt dazu, vom aus Bayern stammenden Papst eine nochmalige Klarstellung zur Shoah, zu dem Verbrechen am Tod von Millionen Juden in der NS-Ära, aus der Sicht der katholischen Kirche einzufordern? Offenbar klappt die interne Kommunikation nicht ganz, weder in der Kurie noch zwischen Kanzler- und Bundespresseamt.

Ganz beiläufig sei festgestellt: Die geistige Verwirrung, die nachgerade durch die Welt hindurch geht und Menschen guten Willens verunsichert, andere aber zu Schreie wie „Hab ich's nicht schon lange prophezeit!“ animieren, trägt immer deutliche Züge des Diabolischen. Der Diabolus, der Durcheinanderwerfer, ist am Werk. Die neue Kampagne gegen den Papst mag dafür ein Indiz sein.

Es ist schon allerhand, wer sich da angesprochen fühlt, seine maßgebliche oder auch unmaßgebliche Meinung kundtun zu müssen. Und was die Medien betrifft, so allen voran das deutsche Fernsehen, das endlich ein Thema gefunden hat, um lauthals gegen die katholische Kirche und vor allem gegen den Papst zu hetzen. Denn mit Information hat diese Hetze nicht das Geringste zu tun. Nun hat sich auch unsere Frau Bundeskanzlerin in die Diskussion, oder sollte ich besser sagen in die Schlammschlacht, gegen den Papst eingeschaltet. Sie hätte besser geschwiegen. Damit mein Leserbrief nicht missverstanden wird, ich verurteile schärfstens die Äußerungen von Bischof Williamson. Dass man den Rücktritt des Papstes gefordert hat, ist eine Ungeheuerlichkeit.

Meinen herzlichen Dank und besonders herzlichen Glückwunsch für die Veröffentlichung des Briefes des französischen Erzbischofs Hippolyte Simon (DT vom 3. Februar)! Mein Wunsch dazu wäre ein Sonderdruck für die Presseorgane und Verlage, die sich nicht genug hervortun können, ihre falsche Kritik an diesem Papst und seinen Entscheidungen in Lautstärke und schrägen Tönen unter das Volk zu bringen! Haben wir in Deutschland niemanden, der ähnlich wie Erzbischof Simon die Wirklichkeit der Tatsachen herausstellen kann?

Ich stelle nur fest, dass hier herausgebrachte Urteile und Wertungen überwiegend der Spekulation aus einer festgelegten Sichtweise entsprang, die dem wirklichen Tatbestand nicht gerecht wird. Wer sich in der Kirche nicht auskennt, soll über Abläufe innerhalb der Kirche nicht reden; wer sich aber auskennt, sollte gegenüber denen nicht schweigen, die meinen, trotz Unkenntnis beurteilen und werten zu können. Mit dem Erzbischof von Clermont kann ich nur sagen: Ich bin wütend und traurig!

Mir ist vor ein paar Monaten eine von deutschen Traditionalisten herausgegebene Quartalszeitschrift mit dem Namen „Mystik“ – Untertitel „Marianische Prophetie“ – in die Hände gekommen. Dort heißt die Schlagzeile auf der Titelseite: „Ein Dämon diktierte Papst Johannes XXIII. die Zukunft.“ Der selige Papst Johannes XXIII. wird in diesem Artikel als „vom Satan besessen“ charakterisiert. Außerdem heißt es in dieser Zeitschrift, die beiden Konzilspäpste Johannes XXIII. und Paul VI. seien beide geheime Mitglieder von Freimaurer-Logen gewesen.

Von den Traditionalisten werden auch nach wie vor die Juden als „Gottesmörder“ bezeichnet, und zwar durchaus auch öffentlich. Diese Bezeichnung hat ja bekanntlich im Mittelalter als Vorwand für die Juden-Pogrome gedient. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass mit Leuten, welche solche Hetzschriften herausgeben, eine kirchliche Gemeinschaft (communio) möglich ist.

Folgt die Pius-Bruderschaft wirklich dem guten Hirten? Es ist schon traurig, was einem Katholiken heute alles zugemutet wird, wenn er den Fernseher einschaltet oder die Zeitung aufschlägt. Die kritischen Anmerkungen in den Medien zu der durch Papst Benedikt XVI. verfügten Aufhebung der Exkommunikation der widerrechtlich von Erzbischof Lefebvre geweihten Bischöfe der Pius-Bruderschaft sind berechtigt und waren auch voraussehbar. Eine Medienschelte aus der berechtigten Kritik zu machen, scheint mir unbegründet. Zumal auch einige deutsche Bischöfe ihre Zweifel an der Entscheidung oder zumindest an deren Form öffentlich kundgetan haben. Eine Diskussion über den richtigen Weg muss auch in der Kirche Jesu Christi erlaubt sein. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Auseinandersetzungen zwischen Petrus und Paulus.

Bei der ganzen Diskussion über dieses Thema, stellt sich mir eine Frage: Im Hochgebet beten die Katholiken rund um den Globus für den Papst und die Bischöfe. Offenbar wird unser Gebet nicht erhört, weil wir es selbst nicht ernst damit meinen. Sonst könnten solche Fehler nicht passieren. Papst Benedikt hätte sich als Deutscher über die Konsequenzen im Klaren sein müssen. Es ist Aufgabe eines „Guten Hirten“, den verirrten Schafen die Rückkehr in den heimatlichen Pferch zu ermöglichen. Diesen Akt der Barmherzigkeit hat Papst Benedikt gesetzt. Aber offensichtlich will die Pius-Bruderschaft nicht in den Schoß der Kirche zurückkehren, wenn man ihren Verlautbarungen Glauben schenken darf.

Mich ärgert vor allem, wenn Gutgläubige sich zur Entschuldigung auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn berufen. Nicht der barmherzige Vater hat sich auf den Weg gemacht, sondern der verlorene Sohn ist ins Haus des Vaters reumütig zurückgekehrt. Davon ist aber die Pius-Bruderschaft noch weit entfernt. Halten sie sich doch allein für die Rechtgläubigen, die über die normal Sterblichen erhaben sind. Sie erinnern mich stark an den Beter im Tempel: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie dieser da.“

Bitten wir den Heiligen Geist, dass er der Kurie Wege aus diesem Dilemma aufzeige und in Zukunft helfe, solche Fehler zu vermeiden.

Da werden Richtigstellungen und Entschuldigungen gefordert. Sogar über einen Rücktritt spekulieren ansonsten seriös einzustufende Nachrichtenmagazine. Der „große Schaden“ für die katholische Kirche und für Deutschland wird ebenso heraufbeschwört wie der Schaden für die Ökumene und die Beziehungen zum Judentum. Als Sündenbock glaubt man, den Papst identifizieren zu können. Ja, der ehemalige „alte Panzerkardinal“ der Glaubenskongregation, die früher ja mal Inquisition hieß... Diesen „Traditionalisten-Freund“, der ja schon immer suspekt war...

Merken wir Christen eigentlich nicht mehr, was hier gerade abläuft? Unzweifelhaft ist doch, dass Papst Benedikt XVI. den Holocaust verachtet und dessen Leugnung mit dem Christsein für unvereinbar hält. Unzweifelhaft ist auch seine freundschaftliche Haltung zum Judentum, die durch gegenseitigen Respekt und brüderliche Offenheit geprägt ist. Das hat er während seines bisherigen Pontifikats immer und immer wieder bewiesen. Die augenscheinliche Provokation des Holocaust-Leugners Williamson, der mit der Leugnung offenbar hoffte, die Aufhebung der Exkommunikation zu torpedieren und die inhaltliche Kluft zwischen der katholischen Kirche und den Häretikern der Pius-Bruderschaft zu vertiefen, wird nun zum Anlass genommen, Benedikt XVI. völlig ungerechtfertigt zu demontieren.

Mir scheint, der viel zitierte – ja fast schon beschworene – Schaden für die Ökumene und den interreligiösen Dialog wird von denjenigen Stimmen mit Leidenschaft betrieben, die lauthals ihrer angeblichen Empörung in allen Medien Luft machen. Dabei war die Sachlage bislang eigentlich klar. Und ja, es hat wohl operative Fehler im Staatssekretariat gegeben, die die Position des Vatikan durch ungeschicktes Vorgehen anfänglich nicht nachvollziehbar erscheinen ließen. Mittlerweile sollte die Stellung des Vatikan zu dieser Situation jedoch jedem unmissverständlich deutlich sein. Doch die höchst unheilvolle Verwirrung, die nicht zur Sachlichkeit der Diskussion beiträgt und die Gegenüberstellung der Fakten unmöglich macht, wird von den Stimmen vorangetrieben, denen die Holocaust-Leugnung von Williamson als Instrument zur unsachlichen Kritik am Papst dient.

Es wird gezielt versucht, die Sensationsgier anzuheizen und ein Feuer zu entfachen, in dem die menschlichen Grundsätze von gegenseitiger Achtung und Anstand zu verbrennen drohen. Der Verlierer ist leider der Papst, denn er wurde ja schon vorschnell verurteilt.