Braucht die Theologie einen Paradigmenwechsel? : Bequemlichkeit nicht schönreden

Franz-Josef Bode, Bischof von Osnabrück, hat nach der Tagung der Bischofskonferenz einen Paradigmenwechsel gefordert: Neben der Heiligen Schrift und der kirchlichen Tradition sollte künftig auch die „Realität von Menschen und Welt“ Quelle der theologischen Erkenntnis sein. Reinhard Kardinal Marx, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, hat namens derselbigen dazu erklärt, die katholische Kirche in Deutschland sei keine Filiale Roms. Dass Bischof Bode Professor Schockenhoff als Aktionsvorbild vorschlägt, lässt für den deutschen Bereich moraltheologisch Fürchterliches ahnen.

Man mag sich nicht vorstellen, wie sich die realitätseinbeziehende regionale Ausprägung der Kirche im Umkreis einer Odenwaldschule verwirklichen würde. Ich hoffe bloß, dass sich derartige pastoraltheologische Experimente auf deutschsprachiges Gelände beschränken lassen. Sollte, was Walter Kardinal Kasper vehement zu fordern pflegt, andere Weltgegenden sich endlich dem deutschüberlegenen Fortschritt anschließen und gleichfalls die jeweils dort üblichen Realitäten in die Glaubenspraxis übernehmen, könnten beispielsweise in Kenia alles überbordende Korruption, in Guantanamo jahrzehntelange Folterpraxis, in Syrien und Irak die öffentliche Köpfung Andersgläubiger und in China das Arbeitslager für katholische Bischöfe – lauter Realitäten – in den kirchlichen Erlaubniskanon einbezogen werden. Gar nicht in Frage käme freilich die griechische Variante, bei der keiner mehr seine Kirchensteuer zu zahlen bräuchte.

Vor lauter Mitrennen mit den Realitäten übersehen wir die Hinweistafeln, die Gott uns am Weg aufgestellt hat, damit wir zu ihm hinfinden. Arm in Arm mit dem Realismus kommen wir vielleicht ganz gut durch die Welt, aber nicht in den Himmel.

Die menschlichen Schwächen gab es immer und wird es weiter geben. Gottes Barmherzigkeit ist groß. Aber sie wird einem nicht nachgeschmissen. Das viele Reden von der Barmherzigkeit wird schnell zum Schönreden der eigenen Bequemlichkeit, sowohl bei den Sündern, wie auch bei den Hirten. Wir müssen schon auch selber was tun. Und umkehren vor allem.

Das Gleichnis vom guten Hirten besteht nicht nur aus einem Satz. Jawohl: Der gute Hirte geht dem davongelaufenen Schaf nach – bis an die Peripherien. Aber: Er lässt es dort nicht zustimmend verkommen. Er trägt es zurück zur Herde, damit es wieder seiner Führung folge. Und: Er stellt sich nicht vor die neunundneunzig anderen Schafe und sagt: „Ihr könnt jetzt auch abhauen. Das, was das eine Verlorene hier macht, ist eigentlich auch ganz in Ordnung.“