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    800 000 Anfragen an die Deutschen

    In meinem Studienort München gehören Flüchtlinge heute schon zum Alltagsbild: In der U-Bahn, an öffentlichen Plätzen, in den Einkaufsstraßen ist die bayerische Landeshauptstadt „bunt“ – und zwar so selbstverständlich und allgemein akzeptiert, dass auch die zuletzt angekommenen 2 000 Flüchtlinge keine Welle des Protests, sondern eine Welle der beherzten Solidarität ausgelöst haben: Am Hauptbahnhof, wo die Neuankömmlinge in München zuerst ankamen, leisteten zahllose ehrenamtliche Helfer einen großherzigen Einsatz der Menschlichkeit, verteilten Spenden, aber noch viel wichtiger: ihre schlichte Zuwendung zu denen, die in ihrer Heimat Leid, Terror und Verfolgung erleben mussten.

    Der Tod wird totgeschwiegen
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    In meinem Studienort München gehören Flüchtlinge heute schon zum Alltagsbild: In der U-Bahn, an öffentlichen Plätzen, in den Einkaufsstraßen ist die bayerische Landeshauptstadt „bunt“ – und zwar so selbstverständlich und allgemein akzeptiert, dass auch die zuletzt angekommenen 2 000 Flüchtlinge keine Welle des Protests, sondern eine Welle der beherzten Solidarität ausgelöst haben: Am Hauptbahnhof, wo die Neuankömmlinge in München zuerst ankamen, leisteten zahllose ehrenamtliche Helfer einen großherzigen Einsatz der Menschlichkeit, verteilten Spenden, aber noch viel wichtiger: ihre schlichte Zuwendung zu denen, die in ihrer Heimat Leid, Terror und Verfolgung erleben mussten.

    „Welche Kultur

    ist es, die hier

    geschützt werden

    soll?“

    Umso irritierender aber, wenn dagegen vereinzelte Stimmen im Namen „unserer Kultur“ laut werden, denen zufolge eben diese auf dem Spiel stehe, ebenso die Sicherheit des Landes, nicht zuletzt auch die Lebensqualität in Gefahr sehen. Welche Kultur ist es, die hier geschützt werden soll? Unstrittig die Christlich-Abendländische, wie sie auch das mehrheitlich christlich-sozial regierte Deutschland mit christlichen Kirchen in vielen Mittelpunkten der Städte prägt.

    Wer im Namen dieser Kultur das Wort ergreift, beruft sich im Letzten auf keinen Geringeren als denjenigen, der gesagt hat: „Deinen Nächsten sollst Du lieben wie dich selbst“ (Lk 10,27), und noch deutlicher der Vorwurf Jesu: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen, ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben“ (Mt 25,43). Wer im Namen dieser Kultur das Wort ergreift, ergreift also Partei für Nächstenliebe, Mitgefühl und Solidarität zuallererst mit denjenigen, die unverschuldet in Not geraten sind.

    Bis zu 800 000 Menschen werden in diesem Jahr in Deutschland erwartet, die auf eine solche Kultur mehr denn je angewiesen sind. Wer sie ihnen gegenüber nicht lebt, dem sagt der „Kulturstifter“ Jesu: „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan“ (Mt 25,45).

    „Ich war fremd

    und obdachlos und

    ihr habt mich nicht

    aufgenommen“

    800 000 erwartete Flüchtlinge können also keine Bedrohung für unsere Kultur sein, sondern eine Anfrage an jeden Einzelnen, wie ernst er es mit dieser Kultur meint. Macht man durch Begegnung und Zuwendung ernst mit dieser Kultur, mag man feststellen, dass die Neuankömmlinge die Sicherheit auch nicht bedrohen: Wie könnte es auch anders sein bei Flüchtlingen aus einem Land, in der sie selbst ihres Lebens nicht mehr sicher waren? München ist statistisch eine der lebenswertesten Städte Europas – und München ist „bunt“. 800 000 Menschen sind also kein Grund zur Sorge, sondern eine Chance, zu zeigen, worauf man hierzulande stolz ist!

    Der Autor, 26, studiert Katholische Theologie in München

    Von Simon Berninger