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    Konzilien sollen einen. Aber das Zweite Vatikanum hat gespalten

    Da ich nun vor Wochen angefangen habe, in diesem Blog über vatikanische Seilschaften oder Strömungen zu berichten (einige fehlen noch - und bei manchen muss ich mir erst Mut antrinken, um darüber zu schreiben), sei zwischendurch aber auch der eine oder andere Kuriale eingestreut, der wirklich keinem Flügel, keiner Seilschaft zuzurechnen ist. So warten alle Vatikanbeobachter gespannt auf den 62 Jahre alten Sarden Angelo Becciu, den der Papst zu seinem neuen Substituten ernannt hat und der in diesen Tagen in Rom "auftauchen" wird. Der Erzbischof hat wichtige Nuntiaturen geleitet, aber nie längere Zeit in Rom gearbeitet, was ihn davor bewahrt hat, von irgendwelchen Netzwerken eingefangen zu werden.
    Ein anderer, der keinem Lager zuzuschlagen ist, ist der neue Präsident des Ökumene-Rats, der schweizerische Kardinal Kurt Koch, der als Bischof von Basel alle Probleme der Kirche nördlich der Alpen durchleben durfte. Ich war bei ihm, um mit ihm über das Zweite Vatikanische Konzil zu sprechen, das uns ab 2012 im Zuge einer ganzen Reihe von 50-Jahr-Jubiläen wieder sehr beschäftigen wird: Fünfzig Jahre Eröffnung des Konzils, fünfzig Jahre dieses, fünfzig Jahre jenes Konzilsdokument und so weiter.
    Ich wollte von Kardinal Koch wissen, warum die katholische Kirche nach dem Zweiten Vatikanum in zwei Lager zerfallen ist - was ja für ein Konzil ungewöhnlich ist, denn normalerweise sind die ja dafür da, Spaltungen zu überwinden und nicht hervorzurufen. Hier nur ein Aspekt aus den Antworten des Kardinals, der mir nicht uninteressant zu sein scheint: Dass sich Konservative wie Progressive heute gleichmaßen auf die Konzilstexte beziehungsweise einen "Geist des Konzils" berufen, liegt Kadinal Koch zufolge daran, dass es sich bei den Konzilstexten oft um Kompromissformulierungen handelt, auf die man sich einigen musste, weil unter den Konzilsvätern keine Einheit mehr herrschte. So kann sich heute jeder Halbsätze, Abschnitte oder einzelne Kapitel aus dem schriftlichen Nachlass des Zweiten Vatikanums herauspicken und an die eigene Fahne heften - was dann allerdings zur Folge hat, das Konzil nicht mehr im Licht der Tradition der Kirche, sondern durch die Brille der jeweils eigenen Ideologie zu lesen.
    Als ich den Kardinal fragte, wie man denn die beiden Grundströmungen, die sich auf dem Konzil gegenüberstanden, umschreiben könnte, nannte er zwei Begriffe: das französische Wort "resourcement", das man mit "Zurückgehen zu den Quellen" übersetzen könnte, zurück also zur Heiligen Schrift, zu den Kirchenvätern und großen Lehrern der Kirche. Und dann den italienischen Begriff "aggiornamento", was soviel heißt wie die Kirche "auf den Stand der Zeit zu bringen". Das hat mir sofort eingeleuchtet, weil ich diese beiden Seelen in der Brust der Kirche immer wieder auszumachen glaube. Aber gleichzeitig hatte ich eine Art Gedankenblitz. "Resourcement" und "aggiornamento" sind keine deutschen Ausdrücke, sie verweisen auf unterschiedliche Denkschulen in der frankophonen und italienischen Kultur. Aber wenn man bedenkt, dass diese beiden Gegenpole auf dem Konzil im deutschsprachigen Raum dann auch noch überlagert wurden von dem Hang zur Protestantisierung, der sich die katholische Kirche im Lande Luthers ausgesetzt sieht, dann kann man sich vorstellen, welch explosives Gemisch die Konzilszeiten der Kirche deutscher Zunge hinterlassen haben.