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    Warum uns eine gefühlte Auferstehung nicht rettet

    Noch wissen sie von nichts: Sie verlangen nach einer Zeitschrift, einem Kissen, einem Snack. Es sind ihre letzten Wünsche. Das Sängerpaar wird in Bayreuth nicht singen. Die Kinder werden niemand ihre Selfies vor der „Sagrada Familia“ zeigen. Andere Manager werden andere Powerpoint-Präsentationen zeigen. Als die Maschine durchstartet, weiß vielleicht nicht einmal der eine, dessen Name nun durch die Gazetten geht, dass er wenig später etwas vollkommen Verrücktes tun wird, nämlich die Tür zu verriegeln, allen verzweifelten Klopfzeichen, allem Flehen und Bitten unerreichbar zu sein und den Airbus mit 150 Menschen an Bord an einem Granitfelsen in Südfrankreich zerschellen zu lassen.

    Ein Glaube aus Fleisch und Blut. Menschen in Berührung mit Jesus Christus bringen, ist Ziel jeder guten Katechese. Foto: Archiv

    Noch wissen sie von nichts: Sie verlangen nach einer Zeitschrift, einem Kissen, einem Snack. Es sind ihre letzten Wünsche. Das Sängerpaar wird in Bayreuth nicht singen. Die Kinder werden niemand ihre Selfies vor der „Sagrada Familia“ zeigen. Andere Manager werden andere Powerpoint-Präsentationen zeigen. Als die Maschine durchstartet, weiß vielleicht nicht einmal der eine, dessen Name nun durch die Gazetten geht, dass er wenig später etwas vollkommen Verrücktes tun wird, nämlich die Tür zu verriegeln, allen verzweifelten Klopfzeichen, allem Flehen und Bitten unerreichbar zu sein und den Airbus mit 150 Menschen an Bord an einem Granitfelsen in Südfrankreich zerschellen zu lassen.

    Nun fragen sie: Wer ist dieser Andreas L.? Als wäre die Nennung des unglücklichen Namens der Bannspruch gegen die irrationale Wucht des Tödlichen. Krank? Eine traumatisierte Seele? Hass? Irrsinn? Drogen? Es sind sinnlose Fragen. Was immer man noch über dieses verhängnisvolle Menschlein herausfinden wird, es ist ohne Belang, zumal in einer Welt, in der die Hypothese Gott ausgeschaltet ist. Wer will ihn zur Verantwortung ziehen? Herr L. ist nicht mehr. Seine DNA, die sie vom Felsen kratzen, kann man nicht anschreien, nicht verfluchen. Und was würde es den Kindern bringen? In einer Welt ohne Gott sind auch die toten Kinder nicht mehr; ihre Existenz in den Herzen derer, die sie lieben, ist ein sentimentaler Selbstbetrug. Das Unheil hat keinen Namen. Millionenfach sind wir dem Tod ausgeliefert. In tausend Formen werden wir einander zum Verhängnis.

    Das Heil hat einen Namen

    In dieser Stunde, in der Christen etwas sagen müssten über Leben und Tod, bleiben sie merkwürdig stumm, sei es aus Pietät, sei es aus Furcht, sei es aus mangelndem Glauben. Die Heilige Schrift umfasst ein Arsenal von Worten, die zu dieser und anderen Katastrophen passen, aber wir sind nicht recht heimisch in diesen Worten; wir reden nicht gern von Leben, Tod, Rettung, Heil, vielleicht weil wir diese Begriffe für pastorale Rhetorik halten und weil wir durch die Bank weit davon entfernt sind, diesen Vokabeln eine Realität zuzubilligen, die zu Radarschirmen, Hightech-Pannen und psychischen Blackouts passt. Müssten Christen dem ganzen Namensfetisch um Andreas L. nicht den einen Namen entgegensetzen, der rettet, den Namen Jesu? „Wenn du“, sagt Paulus im Römerbrief, „mit deinem Mund bekennst: ,Jesus ist der Herr‘ und in deinem Herzen glaubst: ,Gott hat ihn von den Toten auferweckt‘, so wirst du gerettet werden. Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen Denn die Schrift sagt: Wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.“ (Röm 10,9–10)

    Christentum ereignet sich, wie Hans Urs von Balthasar gerne sagte, als ens concretissimum, als das Setzen auf die eine Karte, den einen Namen, den einen Weg: die lebensrettende Selbstmitteilung Gottes in Jesu Christus. Das konische Zuspitzung auf den rettenden Namen gipfelt nicht in einer Art von abstraktem Ertrag, einer Handvoll Überzeugungen, die ins geistige Gepäck zu nehmen Christsein wäre. „Das Christentum“, sagt Kierkegaard, „ist eine Existenzmitteilung und keine Lehre!“ Christentum ist Anschluss an Leib und Leben Christi, ist innigste, persönliche Partizipation, schicksalshafte Verknüpfung mit dem, der durch den Tod gegangen ist und nun lebt. Christentum entsteht nicht durch Lernen, durch Übernahme von Überzeugungen aus dritter Hand. Es ein göttlich-menschlicher Akt gegenseitiger Hingabe. Aber es gibt dennoch etwas zu lernen, wenn die Zeit dazu gekommen ist…

    Nichts hat mich in den letzten Jahren mehr beeindruckt, als aus geringer Distanz zusehen zu dürfen, wie Menschen aus nichtchristlichen, zum Teil brutal antichristlichen Kontexten zum Glauben fanden: verlassene Jugendliche, Gewalttäter, Junkies, Hedonisten, sexuelle Hasardeure, Betrüger. Die Strukturmerkmale ihrer Wende ins Leben ähnelten sich auf verblüffende Weise: 1. Ihr Anschluss an den Glauben war immer Rettung (mehr denn je bin ich heute davon überzeugt, dass es keinen Menschen gibt, der nicht mindestens vor sich gerettet werden müsste). 2. Diese Rettung geschah unverhofft und von außen, durch göttliche Initiative, durch ein Suchen des liebenden Gottes nach dem Menschen in seiner Verlorenheit, nicht selten bekräftigt durch ein Wunder. 3. Die Realität der Rettung entfaltete sich in einer intensiven Beziehung, einer glühenden Intensität des Gebets, durch Dank, Lobpreis und Beten für andere. 4. Die neue Existenz weckte eine unbändige Lust auf Wissen und auf die ganze Geschichte, zu der man fast wider Willen, „gleichsam als Missgeburt“ (1 Kor 15,8) gekommen ist. Und so ist es auch natürlich in einer Religion, die nicht Gnosis ist, sondern die geschichtlichen Heilstaten Gottes preist.

    Das Feuer des Glaubens sucht Katechese. Nie habe ich dankbarere Studenten des Katechismus und des YOUCAT gefunden, als unter diesen Neubekehrten. „Durch Christus“, heißt es im Katechismus, „hat der christliche Tod einen positiven Sinn. ,Für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn‘ (Phil 1,21). ,Das Wort ist glaubwürdig: Wenn wir mit Christus gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben‘ (2 Tim 2,11). Das wesentlich Neue am christlichen Tod liegt darin: Durch die Taufe ist der Christ sakramental schon ,mit Christus gestorben‘, um aus einem neuen Leben zu leben. Wenn wir in der Gnade Christi sterben, vollendet der leibliche Tod dieses ,Sterben mit Christus‘ und vollzieht so endgültig unsere Eingliederung in ihn durch seine Erlösungstat.“ (KKK 1010) Was für ein Reichtum der Bezüge! Leben und Tod, Christus und meine partikulare Existenz, Taufe und Auferstehung – alles hängt mit allem zusammen. Die Welt geht auf wie bei einem Sommermorgen am Meer.

    In auffälligstem Kontrast zum Eifer der Neubekehrten präsentiert sich, was die Statistik vom landläufigen Christentum weiß. Dass Christus von den Toten auferstanden ist und es eine Auferstehung der Toten auch für uns gibt, glaubten im Jahr 2011 noch ganze 13 Prozent der Katholiken in Deutschland. Offenkundig hatten Millionen von „Christen“ niemals eine Chance, die wahre Gestalt des Glaubens zu entdecken. Sören Kierkegaard, selbst Opfer einer zivilisatorisch purgierten Kirche, hat den einzig vernünftigen Schluss gezogen: „Die Christenheit hat das Christentum abgeschafft, ohne es selbst richtig zu entdecken; die Folge ist, dass man versuchen muss, das Christentum wieder in die Christenheit einzuführen, wenn etwas geschehen soll.“ Der Name dieser (Wieder-) Einführung des Christentum in die Christenheit lautet seit alters her Katechese. Damit Christen wissen, was das Christliche ist, gibt es den Katechismus.

    Ursachen für die Entkernung

    Nun stehen wir gleich vor zwei absurden Sachverhalten: Der erste besteht in einem „Christentum“, das offenkundig seinen Inhalt verloren hat. Der zweite besteht darin, dass es ein jahrzehntealtes Ressentiment gibt gegen die konzentrierte Darstellung eben dieser verlorenen Inhalte, sprich: gegen den Katechismus. Die Generation 60+ erinnert mit Recht den Schindluder, der mit dem Kleinen Grünen Katechismus betrieben wurde, mit dem Auswendiglernen und der häppchenweisen Verabreichung von Glaubenswahrheiten. Die Zeiten sind glücklicherweise vorbei, in denen man den Glauben für eine Lehre hielt und seinen Besitz an einer Reihe von repetierbaren Sätzen festmachte. Jüngere Generationen sind dankbar, dass es den Katechismus wieder gibt: Es geht um ein praktisches Manual (All you need to know), eine Gebrauchsanweisung, ein Vademecum (wie Johannes Paul II. gerne sagte) und gleichzeitig um eine Art Globalisierung: Man macht seine persönliche Glaubensgeschichte anschlussfähig an die großen Erzählung aller Gläubigen von Abraham an.

    Einige Lichter gingen mir auf, als mir vor Jahren ein Laie und Jugendseelsorger erklärte, er sei nicht dazu da, seinen Schützlingen einen ihnen fremden Glauben aufzuoktroyieren. Jeder Mensch habe seinen Glauben, der Respekt verdiene. Er selbst habe auch einen Glauben, über den er gerne mit jedermann ins Gespräch komme. Mir wurde schlagartig bewusst, dass die Inhalte des Glaubens für mein Gegenüber in einer vagen Masse von Ansichten bestand, in Aufgeschnapptem, Halbverdautem, Angelerntem, in Schnittmengen mit Freunden und höheren Vermutungen, nur in einem nicht: im Glauben der Kirche, den zu vermitteln der Mann sein Gehalt bekam.

    So lernte ich ihn kennen, den Glauben, der auf den Hund gekommen ist, der keinen Herrn mehr hat (oder viele), der keine Gegenstände mehr kennt, keine Orte, keine Ethik und keine Mystik. Er besteht nur noch aus Gestus und Gesinnung, einer bestimmten Art von Betroffenheit, einem Faible für angesagte Themen und einer Fahne, hinter der die Guten marschieren. Zu nationalen Zeiten ist er nationalistisch, zu friedensbewegten Zeiten friedensbewegt, zu genderaffinen Zeit tolerant, auf jeden Fall flexibel und notwendig nichtssagend. John Henry Newman hat ihn bereits 1879 beschrieben, als er die organisierte Dekonstruktion des Glaubens unter den Begriff „Religiöser Liberalismus“ fasste, nämlich die Lehre, „dass es keine positive Wahrheit in der Religion gibt, dass vielmehr ein Glaubensbekenntnis so gut ist wie das andere… Der Liberalismus widerspricht der Überzeugung, dass irgendeine Religion wahr ist. Er lehrt, dass alle toleriert werden müssen, dass jedoch alle Meinungssache sind. Die geoffenbarte Religion ist nicht Wahrheit, sondern Gefühl und eine Sache des Geschmackes, keine objektive Tatsache, nicht übernatürlich, und jeder Einzelne hat das Recht, sie das sagen zu lassen, was ihm passt…“ So wird der Glaube stumm. Und so hat er auch zu Leben und Tod und Flug 9525 nichts mehr zu sagen als „Dumm gelaufen!“ Katechese ist kein pädagogischer Seitenzweig der Theologie und auch kein altertümlicher Name für religiöse Bildungsarbeit. Ziel der Katechese ist weder die Vermittlung objektivierbarer Kenntnisse über den Glauben noch der Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit religiösen Themen. Katechese ist ein ganzheitlicher, existenzieller Prozess, der in der frühen Kirche sinnvollerweise in das Osterfest mündete, in die Taufe und das öffentliche Bekenntnis zum Glauben der Kirche. Dann war man sozusagen Christ.

    Zum Wesen der Katechese gehört, dass sie ein zeitlich begrenzter Vorgang ist, der für die Gestaltwerdung des Glaubens konstitutiv ist. Die Katechese ist der Hinweg in den ganzen Glauben, der seine Brücken hinter sich abbricht, sobald die persönliche, dauerhafte und existenzielle Zustimmung zum Glauben der Kirche gegeben ist. Der Katechismus, der die lebendige Weitergabe des Glaubens nicht ersetzt, sondern unterstützt, ist wie ein vollkommenes Kunstwerk, bei dem der Künstler nichts mehr gefunden hat, was er noch weglassen könnte. In ihm findet sich die vierfache Grundgestalt des Glaubens: das Credo, die Sakramente, die Gebote und das Gebet, anders gesagt: die lex credendi, die lex celebrandi, die lex vivendi und die lex orandi, – noch einmal anders gesagt: die Gegenstände des Glaubens, die Orte des Glaubens, die ethischen Konsequenzen und die Mystik des Glaubens. Entzieht man dem Kunstwerk ein einziges Element, bricht es in sich zusammen.

    Katechese im Horizont von Jüngerschaft

    Wenn heute eine junge Frau ihr Kindchen zur Taufe anmeldet, wünscht sie häufig nicht viel mehr als einen Segen für ihr Kind. Eine viertelstündige Katechese über Erbsünde, das neue Volk Gottes, den mystischen Leib Christi, Gnade, Freiheit und Erlösung, weckt in ihr einen einzigen Wunsch: dass es baldmöglichst vorüber sein möge. Wenn das „neue Volk Gottes“ für die junge Frau nicht greifbar wird in Gestalt anderer junger Eltern, die sich miteinander auf den „neuen Weg“ machen und so Kirche sind, wird die Katechese verpuffen und das Sakrament im Modus der Entfremdung gespendet werden. Wenn man Firmlingen die Charismenlehre anhand 1 Kor 12 vermittelt – ihnen also sagt, sie könnten Arm, Fuß, Herz im Leib Christi sein, werden sie nach Jahren nur noch die Verlogenheit derer erinnern, die ihnen keinen „Leib“ zu zeigen wussten, außer einigen Grauköpfigen, die mit Jugendlichen nichts zu tun haben wollen. Brechen wir ab. Sakramente bestehen aus signum et verbum, dem Heiligen Zeichen und dem erschließenden Wort, der Bedeutung. So tief ist die Katechese in das Sakrament selbst eingelassen, dass das Ritual wie ein falscher Zauber im Raum steht, kommt nicht die in der Katechese erschlossene existenzielle Zustimmung hinzu.

    Und solange sich das Ganze nicht eingebettet findet in ein Drittes, nämlich den Kreis derer, die teilende, bergende, mit auf den Weg nehmende Jüngergemeinde sind, wird Kierkegaards Traum von der Wiedereinführung des Christentums in der Christenheit länger auf sich warten lassen, als uns allen lieb ist. Katechese ist ja Teilhabe, noch kürzer: Gastfreundschaft. Und in der Tat hat einer wirkungsvollsten Katecheten der frühen Christenheit, Johannes Chrysostomus (344–407) das Wort geprägt: „Wenn du willst, dass einer Christ wird, dann lass ihn ein Jahr bei dir wohnen.“ Darin liegt womöglich die große Chance der Erneuerung im Glauben, dass die Jünger kommen, Gruppen von Laien, die Glauben und Leben miteinander teilen und Trägergruppen katechumenaler Prozesse werden können.

    Der Autor ist Geschäftsführer der gemeinnützigen YOUCAT Foundation. Unter dem Dach von „Kirche in Not international“ arbeitet die Stiftung in Projekten der Jugendkatechese und Neuevangelisierung. www.youcat.org