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    Warum Afrika auf gepackten Koffern sitzt

    Faktenreich und engagiert, hellsichtig und detailgenau analysiert Asfa-Wossen Asserate die Flüchtlingsdramen, die auf Europa morgen und übermorgen zukommen können. Der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, der selbst in jungen Jahren als Schutzsuchender und Verfolgter der blutigen Revolution in seiner Heimat in Deutschland Zuflucht fand, ist nämlich überzeugt: „Es werden immer mehr, die sich mit dem Gedanken tragen, ihre Heimat zu verlassen. Afrika sitzt auf gepackten Koffern.“

    Afrikas Zukunft verlässt den Kontinent: Asfa-Wossen Asserate hat die Situation genau analysiert. Foto: Propyläen/Umschlagbild

    Faktenreich und engagiert, hellsichtig und detailgenau analysiert Asfa-Wossen Asserate die Flüchtlingsdramen, die auf Europa morgen und übermorgen zukommen können. Der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, der selbst in jungen Jahren als Schutzsuchender und Verfolgter der blutigen Revolution in seiner Heimat in Deutschland Zuflucht fand, ist nämlich überzeugt: „Es werden immer mehr, die sich mit dem Gedanken tragen, ihre Heimat zu verlassen. Afrika sitzt auf gepackten Koffern.“

    Achselzucken der Staatschefs in Afrika über Massenexodus

    In seinem mit kühlem Kopf und heißem Herzen verfassten neuen Buch erklärt Asserate, der nicht nur ein intimer Kenner Afrikas, sondern auch Europas ist, die Sünden und Unterlassungssünden der Europäer gegenüber den Völkern Afrikas, die Dramen des Kolonialismus wie der postkolonialen Fehlentwicklungen – und was auf Europa zukommen könnte.

    Während Europa in der demographischen Krise ist, explodiert die Bevölkerung Afrikas: bis zum Ende dieses Jahrhunderts „um das Vierfache auf 4,4 Milliarden Menschen“. 39 Prozent der Weltbevölkerung werden dann hier leben, auf jenem Kontinent, auf dem bereits heute 220 Millionen Menschen hungern, auf dem der Klimawandel und der Landraub die Konflikte anheizen, auf dem korrupte Regierungen und Eliten ihre Völker ausbeuten und um ihre Zukunft betrügen. „Die Summen, die durch Korruption, Geldwäsche und Steuerflucht bewegt werden, übertreffen bei weitem das, was Afrika jährlich an Entwicklungshilfe erhält“, rechnet Asserate vor. Unter den 25 korruptesten Staaten der Welt seien 14 afrikanische Länder. In den allermeisten Staaten fehle es an guter Regierungsführung, Transparenz und Rechtssicherheit. Nicht zuletzt deshalb wachse die Bereitschaft der jungen Afrikaner, ihrer Heimat den Rücken zu kehren: „Sie haben Smartphones, surfen im Internet, nutzen die sozialen Medien und haben sehr genau im Blick, in welchem Wohlstand die Menschen in anderen Regionen der Welt leben.“ Während noch vor wenigen Jahren Südafrika das Ziel ihrer Träume gewesen sei, gelte vielen jetzt Europa als attraktivste Alternative.

    „Den Massenexodus der jungen, intelligenten und arbeitswilligen Menschen in Afrika quittieren die afrikanischen Staats- und Regierungschefs mit Schulterzucken.“ Nicht so der Autor, der den Verlust der afrikanischen Mittelschicht mit Trauer sieht: Die Ärmsten der Armen hätten gar nicht die Möglichkeit, zu fliehen, würden allenfalls von der Not von einem Ort zum nächsten getrieben. „Es ist Afrikas Zukunft, die den Kontinent verlässt.“ Und dass sein Heimatkontinent eine glänzende Zukunft haben könnte, davon ist der äthiopische Prinz überzeugt: In Afrika gebe es bereits heute „boomende Metropolen, Volkswirtschaften mit zweistelligen Wachstumsraten pro Jahr, florierende Unternehmen und inzwischen 163 000 Millionäre“. 38 Prozent der weltweiten Uranvorkommen, 73 Prozent des Platins, 88 Prozent der Diamanten und 42 Prozent des Goldes lägen in Afrika.

    Dass China mit mehr als 2 000 Firmen und über 8 000 chinesisch-afrikanischen Projekten zwischenzeitlich zum größten Investor in Afrika wurde, sieht der Autor gleichwohl mit äußerst gemischten Gefühlen. Peking leiste damit keine Entwicklungshilfe: „Die chinesischen Firmen unter staatlicher Lenkung sichern sich in Afrika Rohstoffe wie Erze, Metalle, Öl und Gas, die sie für ihre Industrie dringend brauchen, sowie Ackerland.“ Allein in der Demokratischen Republik Kongo soll China mehr als 2,8 Millionen Hektar gepachtet haben. China wolle die Bodenschätze Afrikas ausbeuten und die Märkte des Kontinents mit seinen billigen Konsumprodukten überschwemmen.

    Asserate nimmt in seinem ebenso informativen wie leidenschaftlichen Buch die Europäer in die Pflicht: Nicht wegen ihrer kolonialen Vergangenheit, die er durchaus anklagend in Erinnerung ruft, auch nicht wegen ihrer Versäumnisse in der Gegenwart, die er hart anprangert. Nein, bei aller Kritik an der „skandalösen Landwirtschafts- und Handelspolitik“, mit der Europa „das globale Ungleichgewicht zementiert“, „die Entwicklungsländer mit konkurrenzlos billigen Produkten überflutet“ und damit zum „Zusammenbruch ganzer Wirtschaftszweige“ in Afrika beitrage, geht es dem Autor doch zentral darum, „die Ursachen von Flucht und Vertreibung zu bekämpfen“.

    Europa muss Glauben und Zuversicht geben

    Europa, so ist er überzeugt, müsse begreifen, dass eine wirtschaftliche Entwicklung ohne die politische Entwicklung nicht zu haben ist. Die Europäer müssten Afrika wirksam helfen, damit „seine Menschen wieder Zuversicht und den Glauben an die eigene Stärke gewinnen“. Erst dann werde „der Exodus der Talente aus Afrika“ ein Ende finden. Nicht die Menschen, die in Europa Schutz und Asyl suchen, hätten Europa entzweit: „Das haben Europas Regierungen schon selbst getan, indem sie untereinander das Prinzip der Solidarität aufgekündigt haben“, so Asserate, der die Europäer vor einem Rückfall in den nationalstaatlichen Egoismus warnt und die bange Frage stellt: „Glaubt Europa noch an sich selbst? Glaubt es noch an eine gemeinsame Zukunft?“ Und, noch schärfer zugespitzt: „Die Menschen, die das Risiko der Fahrt übers Meer auf sich genommen haben, glauben an Europa. Aber tun es die Europäer noch?“

    Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung. Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten. Propyläen, ISBN 978-

    3-549-07478-7, 220 Seiten, EUR 20,–