• aktualisiert:

    „Wagen Sie es!“

    Als der italienische Architekt und Ingenieur Pier Luigi Nervi (1891–1979) von Papst Paul VI. unmittelbar nach dessen Amtsantritt im Jahre 1963 mit einem besonderem Bauvorhaben im Vatikan beauftragt worden war, konnte er bereits eine Reihe imponierender Werke vorweisen: den Sitz der UNESCO in Paris (1953–1958), das Pirelli-Hochhaus in Mailand (1955–1958) und die Sportstadien für die Olympiade 1960 in Rom. 1964 begab sich Nervi in den Apostolischen Palast und legte Paul VI. einen Entwurf für eine Audienzhalle vor. Mit sichtlichem Zögern richtete er an den Papst die Frage, ob er, zwei Schritte von der Kuppel Michelangelos entfernt, einen solchen Bau wagen dürfe. „Wagen Sie es!“ antwortete ihm Paul VI.

    Die Deckenkonstruktion der Audienzhalle im Vatikan. Foto: Schnell & Steiner

    Als der italienische Architekt und Ingenieur Pier Luigi Nervi (1891–1979) von Papst Paul VI. unmittelbar nach dessen Amtsantritt im Jahre 1963 mit einem besonderem Bauvorhaben im Vatikan beauftragt worden war, konnte er bereits eine Reihe imponierender Werke vorweisen: den Sitz der UNESCO in Paris (1953–1958), das Pirelli-Hochhaus in Mailand (1955–1958) und die Sportstadien für die Olympiade 1960 in Rom. 1964 begab sich Nervi in den Apostolischen Palast und legte Paul VI. einen Entwurf für eine Audienzhalle vor. Mit sichtlichem Zögern richtete er an den Papst die Frage, ob er, zwei Schritte von der Kuppel Michelangelos entfernt, einen solchen Bau wagen dürfe. „Wagen Sie es!“ antwortete ihm Paul VI.

    Im Mittelalter hatte es bei der Lateranbasilika eine Aula gegeben, in der die Päpste Synoden abhielten, Empfänge stattfanden und Audienzen gewährt wurden. Nachdem die Päpste aus ihrem „Exil“ in Avignon nach Rom zurückgekehrt waren und dann ihre Residenz in den Vatikan verlegt hatten, nutzten sie die verschiedenen Prunksäle des Apostolischen Palastes für ihre Audienzen. Später wurden dann auch in den übrigen päpstlichen Residenzen – Lateran, Quirinal und in Castel Gandolfo – große Empfangssäle geschaffen.

    Das vergangene Jahrhundert brachte eine neue Entwicklung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges strömten immer mehr Pilger und Touristen in die Ewige Stadt. Im Pontifikat Pius' XII. (1939–1958) konnten die traditionellen Audienzräume die Zahl der Besucher, die mit dem Papst zusammentreffen wollten, nicht mehr fassen. Seitdem wurde es üblich, Begegnungen des Pontifex mit größeren Pilgergruppen in die Peterskirche zu verlegen.

    Dies konnte aber nur eine Notlösung sein, denn in der Basilika war es nicht allen Gläubigen möglich, den Papst zu sehen und zu hören. Zudem durfte man nicht vergessen, dass St. Peter ein Gotteshaus war und so für mehrere Stunden den Zwecken, für das es erbaut und bestimmt worden war, entzogen wurde. Auch konnte ein dem Ort entsprechendes Verhalten bei allem guten Willen der Audienzteilnehmer nicht immer eingehalten werden. Schon zu Beginn seines Pontifikates entschloss sich Paul VI., dieses Problem anzugehen und eine akzeptable Lösung herbeizuführen. Für die großen Audienzen schien dem Papst die Errichtung eines eigenen Gebäudes notwendig. Der offizielle Baubeginn war mit dem 29. April 1965 festgesetzt worden. Bis zum Abschluss der Arbeiten sollten noch mehr als sechs Jahre vergehen. Als Baufläche hatte man ein Areal an der südöstlichen Grenze des Stadtstaates gewählt. Das Gebäude befindet sich im Westen zu einem Drittel auf dem Territorium des Staates der Vatikanstadt und im Osten zu zwei Dritteln auf exterritorialem Gebiet. Die neue Audienzhalle wurde von Paul VI. am 30. Juni 1971, dem achten Jahrestag seiner Krönung, eingeweiht.

    Der gesamte Baukomplex ist 10 000 Quadratmeter groß, von denen 6 800 Quadratmeter auf die eigentliche Audienzhalle entfallen. Der Hallenboden der großen Aula weist eine doppelte Krümmung auf, sodass sich von überall her eine Gesamtansicht der Halle bietet und von jedem Platz aus eine direkte Sicht auf den Papst gewährleistet ist. Die schallabsorbierende Oberfläche der Decke soll alle akustischen Reflexe ausschalten, um die Stimme des Papstes mit Hilfe von Lautsprechern gleichmäßig über den ganzen Raum zu verteilen.

    Das Fassungsvermögen der Aula beträgt bei aufgestellten Stühlen und angemessenen Durchgängen 6 300 Sitzplätze; werden die Sitzplätze teilweise verringert und Teile des Atriums mitbenutzt, so kann sich das Fassungsvermögen auf 12 000 Plätze erhöhen. Bei Abbau aller Sitze vermag die Halle über 20 000 Personen aufzunehmen.

    Zu diesem wichtigsten Werk der jüngeren Baugeschichte des Vatikans lagen bisher nur kleine Informationsbroschüren, Zeitungsartikel und Aufsätze in wissenschaftlichen Publikation vor. Es ist das Verdienst von Conny Cossa, geboren 1981 in Meran (Italien), mit „Moderne im Schatten. Die Audienzhalle Pier Luigi Nervis im Vatikan“ nun eine umfassende Darstellung, die wissenschaftlichen Ansprüchen entspricht, vorzulegen. Der Verfasser widmet sich ausführlich den beiden Hauptprotagonisten des Baus – Paul VI. und Pier Luigi Nervi –, stellt dann die Frage nach einer Audienzhalle für das 20. Jahrhundert, sieht sich nach Vorbildern und Vorläufern der Aula Paolo VI. um, beleuchtet eingehend die verschiedenen Aspekte des Bauwerks und widmet sich abschließend der Audienzhalle als Versuch einer „transzendenten“ Moderne.

    Die Vorliebe, mit der sich Paul VI. der Kunst, vor allen der modernen, widmete, ist bekannt. Sie wird jedoch oft nur in einer kontroversen Diskussion behandelt, die sich überwiegend durch hohe Sachunkenntnis definiert. Hier schafft Cossa auf nur wenigen Seiten Abhilfe; kompakt und überzeugend gibt er über das Kunstverständnis des Montini-Papstes Auskunft. Auch die Persönlichkeit, die Ideen und das Schaffen Pier Luigi Nervis werden dem Leser informativ und verständlich nahegebracht. Einen unnötigen Beigeschmack gewinnen die Ausführungen an einigen Stellen, wenn in ihnen zu stark ideologisiert wird, und manchmal sogar sachlich falsch, so in den Behauptungen von einem Verzicht auf die Ferula (dieses päpstliche Herrschaftssymbol gibt es seit Jahrhunderten nicht mehr) und wenn vom Ablegen der Mitra des Papstes (gemeint ist wohl die Tiara) gesprochen wird.

    Das Kapitel über „die Aspekte der Audienzhalle“ lässt so gut wie keine Wünsche übrig, wenn man über dieses vatikanische Bauwerk grundlegend informiert werden möchte. Der Detailreichtum, mit dem es Cossa erklärt, ist verblüffend; auch Baupläne und -skizzen werden dem Leser nicht vorenthalten. Beachtlich ist auch die Auswahl und Qualität der abgedruckten Bilder. Für gewöhnlich sind der Öffentlichkeit nur Aufnahmen der großen Audienzhalle und der kleineren Synodenaula bekannt – das Buch aber gibt auch textlich und bildlich Einblicke in weniger bekannte Räumlichkeiten, so in das private Besprechungszimmer des Papstes und die im Pontifikat Johannes Pauls II. eingerichtete Kapelle im Bereich der Aula Minor.

    Wer sich mit diesem Meisterwerk Nervis (und Pauls VI.) intensiv befassen möchte, kommt nicht umhin, Conny Cossas Arbeit als sachkundigste und bisher umfangreichste Lektüre zu konsultieren.

    Conny Cossa: Moderne im Schatten. Die Audienzhalle Pier Luigi Nervis im Vatikan. Schnell & Steiner, Regensburg 2010, 224 Seiten, 70 Farbabbildungen und 142 S/W-Abbildungen, ISBN 978-3-7954-2344-5 EUR 29,90