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    Sterben ist Leben bis zuletzt

    „Ich kämpfe gegen das Imaginäre des Sterbens, das an den Blick des Betrachters gebunden ist, für den der mit dem Tode Ringende bereits ein Todgeweihter ist.“ Das steht in dem Fragment „Bis zum Tod – von der Trauer und Fröhlichkeit“ des französischen Philosophen Paul Ricoeur zu lesen. Es stammt aus dem Nachlass eines des bekanntesten Denkers des Westens. Konsequenterweise hat der Herausgeber Alexander Chucholowski dieses und weitere Nachlass-Fragmente Ricoeurs mit dem Titel „Lebendig bis in den Tod“ versehen. Sie sind jetzt in deutscher Übersetzung im Hamburger Felix Meiner Verlag erschienen.

    „Ich kämpfe gegen das Imaginäre des Sterbens, das an den Blick des Betrachters gebunden ist, für den der mit dem Tode Ringende bereits ein Todgeweihter ist.“ Das steht in dem Fragment „Bis zum Tod – von der Trauer und Fröhlichkeit“ des französischen Philosophen Paul Ricoeur zu lesen. Es stammt aus dem Nachlass eines des bekanntesten Denkers des Westens. Konsequenterweise hat der Herausgeber Alexander Chucholowski dieses und weitere Nachlass-Fragmente Ricoeurs mit dem Titel „Lebendig bis in den Tod“ versehen. Sie sind jetzt in deutscher Übersetzung im Hamburger Felix Meiner Verlag erschienen.

    Ricoeurs hier versammelte, nicht zu Lebzeiten veröffentlichte Skizzen, Notizen und Entwürfe entstanden in einer Spanne von etwa zehn Jahren vor seinem eigenen Sterben 2005 im Alter von 92 Jahren. Dabei treffen hier neben dem eigenen Alter und Krankheiten drei weitere Motive fürs Notizenmachen über den Tod zusammen: 1998 war seine Ehefrau Simone an einer degenerativen Krankheit verstorben, in deren Verlauf sie auch mit Hilfe der Palliativmedizin gut versorgt wurde. Gleichzeitig beschäftigte sich Ricoeur mit dem Holocaust und den Schriften seiner Überlebenden wie Jorge Semprun. Und beides stellte ihm dann neu die Frage, ob er als evangelischer Christ, der zeitlebens reformatorische Theologie rezipierte, auch ein christlicher Philosoph sei.

    Die Texte stehen in französischem Original und deutscher Übersetzung gegenüber. Olivier Abel will im Vorwort ihre Bedeutung „nicht überschätzt“ wissen. Gleichwohl lohnen sie die Lektüre, weil sie erstens unverstellt am „langsamen Verfertigen der Gedanken“ Ricoeurs teilnehmen lassen. Und zweitens einen Lektürefaden an die Hand geben, mit welchem der Interessierte zu Lebzeiten veröffentlichte Werke des philosophischen „Fundamentalanthropologen“, wie er sich gelegentlich nennt, erschließen kann.

    „Ich kämpfe gegen das Imaginäre des Sterbens.“ Dieser eingangs zitierte Satz erfährt in Ricoeurs Nachlass unterschiedliche Bedeutungen. Zunächst die schon erwähnte, dass in das Sterben nicht die Vorwegnahme, die Imagination des Sterbenden als schon Toten – er schreibt auch an einer Stelle als „Kadaver“ – genommen werden darf. Genau das passiert in der zeitgenössischen Rede vom und Nachdenken über das Sterben zu schnell. So wird das Leid und das Sterben vom Leidenden und Sterbenden und den anderen, die den Leidenden und Sterbenden sehen, als Totsein wahrgenommen – nicht als Leben bis zuletzt. Bekanntlich hatte ja schon im 19. Jahrhundert der Philosoph Sören Kierkegaard von der „Krankheit zum Tode“ gesprochen. Und Anfang des 20. Jahrhunderts führte dann der Philosoph Martin Heidegger die „Sorge“ und das „Sein zum Tode“ als ursprüngliche Struktur des Menschseins ein. Gegen dieses imaginierte Totsein der Leidenden und Sterbenden wendet sich Ricoeur vehement. Er notiert zu dieser Art und Weise, den Tod zu fassen: „Ich betrachte mich bereits als tot, bevor ich es überhaupt bin, und wende so auf mich in einer Antizipation eine Frage der Überlebenden an. Kurz, das Schreckbild der vollendeten Zukunft.“ Und er merkt an, „dass es sich um eine Frage derjenigen handelt, denen es gut geht“.

    Gerade in einer Zeit, in der aktuell der Suizid eines Gunter Sachs als heroische Tat der Selbstbestimmung angesichts einer vermuteten Krankheit Alzheimer (diese war ja noch gar nicht diagnostiziert!) öffentlich honoriert wird, oder angesichts der Debatte um Verpflichtung und Reichweite von Patientenverfügungen, ist dieser Hinweis Ricoeurs zur Klärung hilfreich: Man kann nicht als einigermaßen Gesunder, dem es „gut geht“, den Zustand und das dann zu Tuende und zu Sollende für den Fall imaginieren, dass man krank ist oder es einem „nicht gut geht“ – weil dieses Imaginäre zu schnell und logisch unhaltbar mit dem Tod gleichgesetzt ist. Das Leben ist für den Sterbenden und Leidenden – hier sei nur auf Bücher der Publizisten Tilman Jens und Arno Geiger über ihre dementen Väter verwiesen – eben nicht Tod, sondern bleibt Leben, das allerdings anders gestaltet ist.

    Ricoeur verbindet hier seine positiven Erfahrungen mit der Palliativmedizin im Zusammenhang der Behandlung seiner Frau mit der Philosophie – und die führt ihn in den Nachlass-Fragmenten weiter. Theologisch geht Ricoeur alles andere als die orthodoxen Wege – und sieht sich in seinen früheren Auffassungen durch die Konfrontation mit dem Sterben bestätigt. Denn das „Imaginäre des Sterbens“ in seiner Form als „Schreckbild der vollendeten Zukunft“ erkennt Ricoeur auch in den christlichen Konzepten von Auferstehung und dem Kreuzestod Jesu am Werk. Für Ricoeur gibt es kein leibliches Weiterleben nach dem Tod im Sinne einer parallelen Existenz der Toten zu den Lebenden. Er notiert einmal: „Unsterblich ist nicht gleichbedeutend mit ewig, sondern meint, nicht durch die Sterblichkeit des Lebenden gekennzeichnet zu sein.“ Deswegen glaubt er in den Nachlass-Fragmenten: „Der Tod ohne Überleben macht Sinn in der dienenden Gabe, die eine Gemeinschaft stiftet.“

    So versteht Ricoeur hier den Kreuzestod Jesu nicht als stellvertretendes Opfer für die Vielen, in der Jesus vor Gott, seinem Vater, stellvertretend Schuld übernimmt, sondern als ein Band, „das den Menschen des Todes mit der in der Gemeinde versammelten Menge der Überlebenden verbindet“. Bei Ricoeur steht in der „Kontroverse“ – so nennt er dies auch – mit dem Sterben, das für ihn Leben bis zuletzt ist, der Kreuzestod Jesu als Zeichen göttlicher Solidarität im Vordergrund.

    Diese Konfliktlinie der Interpretation des Kreuzestodes Jesu ist in der Geschichte des Christentums bekannt – Ricoeur ist nicht originell. Eine originale Einsicht gewährt jedoch das „Fragment 0 (2)“: Dort ist die Sache nämlich nicht entschieden. Ricoeur beschreibt vielmehr über 90-jährig, wie es ihn „quält“, dass er zwar die „Opfertheorie“ ablehnt, wonach der Sohn Gottes „an unser statt stirbt“. Er nennt das seine „Revolte“. Gleichzeitig aber, und das irritiert ihn, kann er sein Christsein nicht bloß als Bekenntnis „zu der Gefolgschaft eines noch so außergewöhnlichen Vorbilds“ definieren. Jesus ist „mehr als Prophet“. Ricoeurs letztes in dem Band veröffentlichtes Fragment ist eine Skizze zur „Auferstehung“. Die Antwort auf die Frage Jesu also, für wen aber haltet ihr mich – die hat Paul Ricoeur mit ins Grab genommen.

    Paul Ricoeur: Lebendig bis in den Tod. Fragmente aus dem Nachlass. Französisch-Deutsch, Philosophische Bibliothek Band 614, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2011, 138 Seiten, ISBN 978-3-

    7873-1984-8, EUR 19,90