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    Rom auf dem Weg in die Renaissance

    Denkt man an die Geschichte der Stadt Rom, so führen diese Gedanken ganz unweigerlich zum Papsttum und dem Vatikan, dem Herz der Christenheit, das noch heute mitten in der Stadt schlägt. Zum anderen kommen einem das antike Weltreich und die römischen Kaiser in den Sinn. Ganze Bibliotheken lassen sich mit Büchern über diese Teile der römischen Geschichte füllen. Doch was ist mit jener Zeit, in der Rom noch nicht das weltweite Herz der Christenheit und der Papst noch nicht jene weltumspannende Leitfigur war, aber der antike Ruhm der Stadt schon lange der Vergangenheit angehörte? An Quellen aus dieser Zeit des Schwebezustands in der Stadtgeschichte Roms mangelt es in Archiven und Bibliotheken nicht, doch fehlte es bisher an der passenden Lektüre, die genau diese spannende Übergangszeit näher betrachtet und auch einem nicht ausschließlich wissenschaftlichen Kreis zugänglich macht.

    Römische Bürger in der Tracht der Renaissance. Foto: C.H. Beck/Umschlagbild

    Denkt man an die Geschichte der Stadt Rom, so führen diese Gedanken ganz unweigerlich zum Papsttum und dem Vatikan, dem Herz der Christenheit, das noch heute mitten in der Stadt schlägt. Zum anderen kommen einem das antike Weltreich und die römischen Kaiser in den Sinn. Ganze Bibliotheken lassen sich mit Büchern über diese Teile der römischen Geschichte füllen. Doch was ist mit jener Zeit, in der Rom noch nicht das weltweite Herz der Christenheit und der Papst noch nicht jene weltumspannende Leitfigur war, aber der antike Ruhm der Stadt schon lange der Vergangenheit angehörte? An Quellen aus dieser Zeit des Schwebezustands in der Stadtgeschichte Roms mangelt es in Archiven und Bibliotheken nicht, doch fehlte es bisher an der passenden Lektüre, die genau diese spannende Übergangszeit näher betrachtet und auch einem nicht ausschließlich wissenschaftlichen Kreis zugänglich macht.

    Mit seinem vor kurzem im C.H. Beck-Verlag erschienenen Titel „Rom vom Mittelalter zur Renaissance“ liefert Arnold Esch einen wichtigen Beitrag zur Schließung dieser Lücke. Der 1936 im Kreis Unna geborene Esch forschte lange Jahre zur italienischen Geschichte des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts. Von 1988 bis 2001 war er Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Rom. Diese langen Jahre in Rom machen Esch zu einem wirklichen Experten der Stadt. Das hat er bereits in früheren Veröffentlichungen rund um Rom immer wieder unter Beweis gestellt.

    In den einleitenden Seiten macht Esch deutlich, was den Leser in diesem Buch erwartet. Das Rom, das ihn interessiert, ist die Stadt, die sich im Laufe des späten vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts entwickelte. Denn, so schreibt Esch gleich zu Beginn, „der Ausschnitt aus der Geschichte Roms, der hier dargestellt wird, umfasst die hundert Jahre vom Beginn der großen Kirchenspaltung 1378, die noch ganz Mittelalter ist, bis zum Ende des Pontifikats Sixtus' IV. 1484, das schon ganz Renaissance ist.“ Die Geschichte der Stadt Rom ist nahezu untrennbar mit jener der Päpste verbunden. Und dennoch gibt es parallel zum päpstlichen Hof in Rom immer auch ein Rom der Römer. An verschiedenen Stellen legt Esch also bewusst den Fokus auf das Rom jenseits der päpstlichen Stadt, „um dem Rom der Römer gerechter zu werden und die Asymmetrien in der Überlieferung des päpstlichen und des kommunalen Rom ein wenig auszukorrigieren“. Vierzehn große Kapitel umfasst das Buch. In jedem Kapitel präsentiert der Autor dem Leser immer gleich mehrere unterschiedliche Gesichtspunkte. Seite um Seite verdichtet sich so das Bild, das ein ganz anderes Rom zeigt als das heutige. Dass Rom beispielsweise um das Jahr 1400 gerade einmal 25 000 Einwohner hatte und damit kleiner war als die Städte Florenz, Neapel und Venedig, erscheint heute nahezu unvorstellbar. Das erste Kapitel dient der Grundlagenvermittlung und führt den Leser kurz in die Situation ein, die in der Stadt herrschte, als die Päpste nach über siebzig Jahren aus dem französischen Exil zurückkehren. Kurzweilig und gekonnt bringt Esch auch komplizierte Strukturen auf den Punkt. So reicht ihm ein Absatz, um dem Leser die Schwierigkeiten der Wiedereingliederung der Päpste nach dem Exil in Rom verständlich zu vermitteln.

    „Der Horizont... des spätmittelalterlichen Roms wird nicht, wie dann seit dem 16. Jahrhundert, von Kuppeln bestimmt, die einander harmonisch antworten, sondern von Türmen, die einander feindlich anstarren.“ Diese sehr bildhaften Formulierungen prägen sich dem Leser leicht ein und sind gemeinsam mit den vielen Abbildungen eine gute Hilfe, um auch die etwas wissenschaftlicheren Passagen des Buches leicht nachvollziehen zu können. Den nahezu unaufhaltsamen Niedergang der Stadt und ihren Neubeginn mit dem Pontifikat Papst Martins V. schildert Esch ebenso wie die soziale Gliederung der römischen Gesellschaft und ihren Alltag. Er gibt Einblicke in die bauliche Entwicklung und entwirft zunächst ein nachantikes Siedlungsbild, das er an späterer Stelle jenem Bild Roms in der Renaissance zum Vergleich gegenüberstellt. Daneben widmet er ganze Kapitel den Fremden und Ausländern, die in Rom Kirchen, Krankenhäuser und Bruderschaften begründen oder den Rom-Pilgern, deren Vorstellung des Caput mundi so ganz anders war als die Realität, die sie in der Stadt erwartete.

    Immer wieder trennt Esch, wie er es eingangs ankündigt, das Papst-Rom vom Rom der Römer. So auch im Kapitel über die Wirtschaft. Nicht Tücher oder Metallwaren produzierte das päpstliche Rom, sondern Güter ganz anderer Art: kostspielige Privilegien, Ernennungsgebühren oder Ablässe. Diese auf den ersten Blick sonderbare, aber sehr lukrative Art der Produktivität stellt natürlich einen nur in Rom am Hofe des Papstes existierenden wirtschaftlichen Sonderfall dar. Der Leser erhält Antworten auf verschiedene Fragen wie die Gründe, die dazu führten, dass das heutige Stadtniveau deutlich über jenem der Antike liegt. Auf unkomplizierte Weise erklärt Esch den Wandel im Umgang mit der Antike, denn „Antikennähe hat nicht mit Fakten zu tun, sondern mit Empfänglichkeit. Ob man in Rom eine Statue im Jahre 1180, 1380 oder 1480 findet, macht eben einen großen Unterschied.“

    Wenig erinnert im heutigen Stadtbild noch an jene Zeit, die Esch in seinem Buch in den Mittelpunkt stellt. Dank der detaillierten Beschreibungen fällt es dem Leser aber leicht, sich dieses verschwundene Rom vorzustellen.

    „Denn das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, schreibt Esch – den dänischen Philosophen Soeren Kierkegaard zitierend. Gelebt haben die Römer ihre Stadt schon immer und Arnold Esch hat sie verstanden wie kaum ein anderer. Er bringt Licht in einen Teil der römischen Stadtgeschichte, der bisher ziemlich dunkel und den Wenigstens bekannt war. Mit seinem Buch liefert der Autor ein lebendiges und facettenreiches Bild der Stadt an der Schwelle zur Neuzeit und kehrt einmal mehr heraus, dass eine Geschichte Roms immer auch Stadtgeschichte als Weltgeschichte ist.

    Arnold Esch: Rom. Vom Mittelalter zur Renaissance, 1378–1484. C.H. Beck, München 2016, 410 Seiten, ISBN 978-3-406-69884-2, EUR 29,95