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    Politisch denken?

    Das Oxford Dictionary hat „post-thruth“ gerade zum Wort des Jahres 2016 ernannt. Das Adjektiv bezeichnet eine weltweite Tendenz, Fakten weniger Wert beizumessen als der gefühlten Wirklichkeit. Politisches Denken, die gründliche, womöglich auf moralischen Grundsätzen bestehende Reflexion des Handelns innerhalb eines Gemeinwesens spielt im postfaktischen Zeitalter scheinbar kaum noch eine Rolle.

    Das Oxford Dictionary hat „post-thruth“ gerade zum Wort des Jahres 2016 ernannt. Das Adjektiv bezeichnet eine weltweite Tendenz, Fakten weniger Wert beizumessen als der gefühlten Wirklichkeit. Politisches Denken, die gründliche, womöglich auf moralischen Grundsätzen bestehende Reflexion des Handelns innerhalb eines Gemeinwesens spielt im postfaktischen Zeitalter scheinbar kaum noch eine Rolle.

    Da Otfried Höffe, für einen Philosophen durchaus ungewöhnlich, über die Fähigkeit verfügt, komplexe Sachverhalte verständlich zu formulieren, ist sein mit Platon beginnender und sich bis zu John Rawls erstreckender Überblick auch für Nichtphilosophen eine zum Weiterdenken anregende Lektüre. Jede Epoche wird mit einem Überblick über die gesellschaftspolitische Situation eingeleitet. Die Vita jedes vorgestellten Philosophen ermöglicht es, den Menschen hinter den Gedanken kennenzulernen und letztere so besser einschätzen zu können. Sehr erhellend und für das Verständnis der Geschichte des politischen Denkens hilfreich sind die Zwischenspiel genannten Einschübe, in denen der Autor Hintergrundwissen zur jeweils nächsten Denkepoche vermittelt und so die Grundlagen offenlegt, auf denen die in der Folge vorgestellten Philosophen und ihre Werke aufbauen. So sind Platon und Aristoteles nicht denkbar ohne die sprachlogische Vorarbeit, die die antiken Griechen mit der Bildung des Wortes polis geleistet haben, mit dem sie ihre Gemeinwesen bezeichneten und aus dem sich das in allen Sprachen unübersetzbare Wort Politik entwickelt hat.

    Der Islam erhielt befreiende Kraft durch Hellenisierung

    Bemerkenswert ist, dass nach dem Höhenflug, der durch die Werke Platons und Aristoteles' gekennzeichnet ist, das politische Denken in deutlich ruhigeres Fahrwasser gerät. Beide sind übrigens in entscheidenden Fragen verschiedener Meinung, so sieht Platon für Männer und Frauen gleiche Rechte vor und betont, ein Staat, der nur seine männlichen Einwohner ausbilde sei wie ein Kämpfer, der nur einen seiner Arme trainiere, während Aristoteles zur allgemein üblichen Hintanstellung der Frauen in der Gesellschaft zurückkehrt. Der Gedanke des Kosmopolitismus taucht als neuer, nun allgemein diskutierter Gesichtspunkt in der Debatte auf, nachdem bereits Demokrit, eine Generation vor Platon darauf hingewiesen hatte, dass der Mensch dank seiner Vernunft überall auf der Welt zuhause sein könne, woraus er allerdings noch keine politischen Konsequenzen gezogen hatte. Für römische Denker wie den Philosophen, Rechtsanwalt und Politiker Cicero lag die praktische Umsetzung dieses Gedankens angesichts des weltweiten römischen Expansionsstrebens jedoch nahe.

    Den Einfluss des Christentums, einer im Gegensatz zum Islam genuin nichtpolitischen Bewegung, auf die Geschichte des politischen Denkens ist immens. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Denn auch wenn das Neue Testament zu politischen Fragen bis auf die wirkmächtige Äußerung des Apostels Paulus, die Obrigkeit sei von Gott eingesetzt, keine Stellung nimmt, verändert gerade das Christentum das politische Denken des Abendlandes grundlegend, weil es in seinem Innern von den konsistent wandelnden Forderungen eines Lebens als Teil des Leibes Christi durchdrungen wird. Zugleich relativiert Jesu Forderung „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“, die im Römischen Reich praktizierte Verbindung von religiösem Kult und politischem Leben. Gleichzeitig aber zieht sich seit der institutionellen Konstituierung der Kirche die Auseinandersetzung, ob der politischen und der geistlichen Macht der Vorrang gebühre, bis in die Neuzeit. Noch John Locke, den Höffe als Erzvater des Liberalismus präsentiert, schließt Katholiken von der geforderten Gleichheit aller Bekenntnisse, die er als vom Geist Calvins geprägter Puritaner und somit Anhänger einer innerhalb Englands in der Minderheit befindlichen geistlichen Gemeinschaft nicht ohne Grund ersehnt, aus, weil er zu Recht annimmt, dass sie im Zweifelsfall den Forderungen ihres Oberhirten, des Papstes, den Vorrang vor denen des englischen Königs geben werden. Und auch wenn der Papst die englischen Katholiken nicht mehr, wie vor der Reformation immer wieder praktiziert, durch Exkommunikation des Herrschers von der Gehorsamspflicht entbinden konnte, galt die geistige Unabhängigkeit ihres Bekenntnisses Locke als gefährlich genug, um ihnen keine Gleichberechtigung gewähren zu wollen.

    Hinsichtlich der islamischen Philosophen betont Höffe, dass die Verbindung von politischer und religiöser Herrschaft im Orient bereits vor Mohammed grundlegend war und von diesem während seiner Regentschaft in Medina übernommen wurde, weil sie ein Element seines eigenen Denkens wohltuend verstärkte. Die aufklärerischen Aktivitäten, innerhalb derer islamische Theologen und Philosophen ihre eigene Kultur und Religion in einer geistigen Freiheit reflektierten, die vielen heute undenkbar erscheint, verdankt der Islam jedoch nicht dem Koran oder seinem Propheten, sondern der befreienden Kraft der Hellenisierung, innerhalb derer kritisches Denken für einige kostbare Jahrhunderte erlaubt und sogar erwünscht war. Das gibt Anlass zur Hoffnung. Schon deshalb sollte Höffes fakten- und facettenreiches Buch in keinem Bücherschrank fehlen.

    Otfried Höffe: Geschichte des politischen Denkens. C. H. Beck, München, 2016, 407 Seiten, ISBN 978-3-406-

    69714-2, EUR 12,95