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    Lieber heil als schön

    Die antike Tugendlehre war für die ersten Christen eine unentbehrliche Richtschnur. Das objektiv Gute vom situationsbedingt Nützlichen zu unterscheiden ist Teil christlicher Lebenskunst geblieben. In Zeiten geschwätziger Wertedebatten mit relativistischen Untertönen ziehen die Texte griechischer Philosophen den Leser heute nach wie vor in ihren Bann. Der Neutestamentler Klaus Berger und der Philosoph Andreas Fritzsche denken in ihrem Buch „Gut oder böse?“ über Tugenden und Maßstäbe für das richtige Handeln nach. Dabei wägen sie in trennscharf formulierten Essays zwischen den Forderungen der Schrift, den Idealen antiker Tugendlehre und den unterschwelligen Botschaften des säkularisierten Sprachgebrauchs ab. Kompakt und kompetent erläutert wird das kleine Einmaleins christlicher Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe als Gnade, die voraussetzen, dass der Mensch Gott handeln lässt, während Klugheit, Gerechtigkeit, Mut und Maß Übungssache sind und qua Willenskraft Charakterzüge formen. In puncto Kardinaltugenden lehnen sich Berger und Fritzsche an die Nikomachische Ethik an, in der das Gute als Ergebnis praktischer Übung gesehen wird.

    Die antike Tugendlehre war für die ersten Christen eine unentbehrliche Richtschnur. Das objektiv Gute vom situationsbedingt Nützlichen zu unterscheiden ist Teil christlicher Lebenskunst geblieben. In Zeiten geschwätziger Wertedebatten mit relativistischen Untertönen ziehen die Texte griechischer Philosophen den Leser heute nach wie vor in ihren Bann. Der Neutestamentler Klaus Berger und der Philosoph Andreas Fritzsche denken in ihrem Buch „Gut oder böse?“ über Tugenden und Maßstäbe für das richtige Handeln nach. Dabei wägen sie in trennscharf formulierten Essays zwischen den Forderungen der Schrift, den Idealen antiker Tugendlehre und den unterschwelligen Botschaften des säkularisierten Sprachgebrauchs ab. Kompakt und kompetent erläutert wird das kleine Einmaleins christlicher Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe als Gnade, die voraussetzen, dass der Mensch Gott handeln lässt, während Klugheit, Gerechtigkeit, Mut und Maß Übungssache sind und qua Willenskraft Charakterzüge formen. In puncto Kardinaltugenden lehnen sich Berger und Fritzsche an die Nikomachische Ethik an, in der das Gute als Ergebnis praktischer Übung gesehen wird.

    Aristoteles zufolge ist die Vernunft das edelste Gut des Menschen. Doch aus biblischer Sicht stellt sich die Frage anders. Reicht es, das Gute zu wollen? Wenn für Christen die Liebe die Mutter aller Tugenden ist – woher nimmt der Mensch dann die Kraft, das Gute zu wollen und auch zu tun? Klaus Bergers Antwort „Die Freude im Heiligen Geist“ ist biblisch gut begründet.

    Starke Passagen begegnen dem Leser immer dann, wenn Berger und Fritzsche den Schwulst trendiger Wertephrasen aufschneiden und Modewörter beleuchten. Stichwort „Verantwortung“: Fritzsche zufolge hat das Wort Verantwortung „Konjunktur, weil es das harte und lustfeindliche nicht mehr zeitgemäße Wort ,Pflicht‘ umschifft“ und darüber hinaus „zum Aktionismus drängt und unserem Lebensgefühl entspricht“. Andererseits suggeriere der Begriff, dass „wir für alles verantwortlich seien. Genau das zerstört Moralität und macht gutes Handel unmöglich“, unterstreicht der Autor und verweist ganz augustinisch auf die Rangordnung der Liebe: Das Gebot der Nächstenliebe bedeute nicht: Liebe alle Menschen. Menschen seien Menschen mit begrenzter Verantwortung und Energie. Fernstenliebe lenke immer von der Nächstenliebe ab „und inszeniert nur einen Kult der Betroffenheit“.

    Auch zum Sprachgebrauch christlicher Kernbegriffe in der Moderne haben Berger und Fritzsche Pointiertes zu sagen. Sehr lesenswert sind die Ausführungen zu den Begriffen „Freude“, „Maß“, „heilig“ und „Sünde“.

    Dem Zusammenhang von Geboten und der Berufung zur Heiligkeit des Christen geht Klaus Berger in dem Beitrag „Können wir das Gute allein schaffen?“ auf den Grund. Gottes Weisungen als Lebens- und Überlebenshilfe anzunehmen bedeutet zugleich, einen Perspektivwechsel vom Vollkommenheitsstreben der Antike zu vollziehen: Der Christ geht nicht von dem aus, „was er soll und was er vielleicht nie von sich aus schaffen wird, sondern von dem, was er ist und was er schon bekommen hat“. Dann ginge es nicht um den Triumph der Norm, sondern um die Erlösung des Menschen als Grundlage, so Berger. Für solche Menschen wäre das, was das Gebot will, „eine Entfaltung ihrer geheilten Natur“. Abgerundet werden diese Überlegungen durch den Vergleich des stoischen Weltbildes mit dem biblischen Auftrag. Das Ziel des Christen, so Klaus Berger, ist nicht die schöne Seele, sondern der Mensch in der Herrlichkeit Gottes. Das Buch ist ein wunderbares Geschenk für jeden Firmling.

    Klaus Berger/Andreas Fritzsche: Gut oder böse? Tugenden. Maßstäbe für richtiges Handeln. Adeo Verlag, Asslar-Berghausen, 2011, gebunden, 175 Seiten, ISBN-13: 978-3942208215, EUR 14,99