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    Konrad Adenauer und Helmut Kohl

    Sie regierten die Bundesrepublik während der Hälfte ihres 60-jährigen Bestehens: Konrad Adenauer und Helmut Kohl, die beiden Kanzler katholischer Herkunft. Vierzehn Jahre lenkte der Rheinländer Adenauer von der Staatsgründung 1949 bis zu seinem Rücktritt 1963 die Geschicke der zweiten Demokratie. Sechzehn Jahre lang führte der Pfälzer Kohl zunächst ab 1982 die Bonner Republik, dann von 1990 bis 1998 das vereinigte Deutschland.

    Sie regierten die Bundesrepublik während der Hälfte ihres 60-jährigen Bestehens: Konrad Adenauer und Helmut Kohl, die beiden Kanzler katholischer Herkunft. Vierzehn Jahre lenkte der Rheinländer Adenauer von der Staatsgründung 1949 bis zu seinem Rücktritt 1963 die Geschicke der zweiten Demokratie. Sechzehn Jahre lang führte der Pfälzer Kohl zunächst ab 1982 die Bonner Republik, dann von 1990 bis 1998 das vereinigte Deutschland.

    „Vom Rhein – das heißt vom Abendland, das ist natürlicher Adel!“ Das Credo aus dem Lehrstück Carl Zuckmayrs über die nationalsozialistische Schreckenszeit, „Des Teufels General“, trifft auf beide Politiker wie kaum etwas anderes zu. Adenauer, geboren 1876 in Köln, und Kohl, 1930 in Ludwigshafen zur Welt gekommen, sind ohne ihre Biografie, ihre Heimat und deren Geschichte nicht zu verstehen. Aus diesem historischen Urgrund – zutiefst christlich und bürgerlich geprägt, westlich-demokratisch orientiert – wuchsen sie nach einer Epoche der Kriege und Katastrophen zu bedeutenden deutschen Patrioten und europäischen Staatsmännern des 20. Jahrhunderts.

    Dabei schien Adenauers Uhr schon 1933 abgelaufen, nach Hitlers Machtantritt und dem rauschhaften Beginn des „Tausendjährigen Reiches“. Im Alter eines heutigen Frührentners verlor der Kölner Oberbürgermeister und Präsident des preußischen Staatsrates seine Ämter.

    Noch zu Zeiten des Kaiserreichs war er sozialisiert worden und 1917 an die Stadtspitze aufgestiegen. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg galt Adenauer während der Weimarer Republik als möglicher Kanzlerkandidat. Trug doch das katholische Zentrum trotz der undankbaren Verhältnisse alle Koalitionen der ersten Demokratie bis 1932 mit und stellte zumeist die Reichskanzler.

    Adenauers Erfolg ruht auf einem konfessionellen Brückenschlag

    Die nationalsozialistische Epoche war für Konrad Adenauer auch persönlich voller Bitterkeiten, was seine Skepsis gegenüber Menschen und seinen Zynismus förderte. 1945 aber machte er sich unverdrossen auf, die Chance zum demokratischen Wiederaufbau zu nutzen. Er erkannte früh die die Nachkriegszeit bestimmende Realität des Kalten Krieges, akzeptierte auch illusionslos die deutsche Teilung aufgrund der kommunistischen Expansion bis an die Elbe. Die Zukunft der drei westlichen Besatzungszonen konnte für ihn nur im Anschluss an die freie Welt liegen. Der alte Mann führte ein politisch verwirrtes und verirrtes Volk zielsicher auf den Weg nach Westen.

    Mit 73 Jahren griff Adenauer nach dem Kanzleramt; seine eigene Stimme verschaffte ihm die knappe Mehrheit. Zuvor hatte er schon als Präsident des Parlamentarischen Rates die Weichen gestellt. Der Regierungschef dirigierte bald auch die Union, die neue christliche Volkspartei, fast nach Belieben. „Kanzlerwahlverein“ nannte man die CDU, doch ihr Erfolg beruhte nicht zuletzt auf dem politischen Brückenschlag der beiden Konfessionen, zwischen denen in Deutschland seit der Glaubensspaltung tiefe Gräben verlaufen waren.

    Konrad Adenauer und seinem enorm populären Minister Ludwig Erhard gelang es mit Hilfe des sogenannten „Wirtschaftswunders“, die Bundesrepublik auch auf der internationalen Bühne fest zu etablieren. Als der „Alte“ in Bonn abtrat, schickte sich sein 33 Jahre junger Partei-Enkel Helmut Kohl gerade an, in Mainz das Erbe von Ministerpräsident Altmeier zu beanspruchen. Adenauer starb 1967, hochgeachtet auch von früheren innenpolitischen Gegnern, kurz bevor Kohl zur Nummer eins in Rheinland-Pfalz und schließlich 1973 in der CDU aufrückte.

    Im Unterschied zu Adenauer startete er 1982 als jüngster Bundeskanzler. Beide aber dachten historisch, das heißt in langen Linien. Kohl erwarb das Vertrauen der Vormacht Amerika zurück, indem er gegen heftige linke Proteste den Nachrüstungsbeschluss der Nato durchsetzte. Wie Adenauer setzte er ganz auf Europa und die Freundschaft mit Frankreich, die er unbefangen mit dem sozialistischen Präsidenten Mitterrand pflegte. Auch mit dem sowjetischen Reformer Gorbatschow fand er nach anfänglichen Problemen politisch und menschlich Anknüpfungspunkte. Mit seiner Neugier auf Menschen und mit seinem Gespür für Geschichte wurde der beleibte Pfälzer, der im Ausland nie im Verdacht des Nationalismus stand, zum „Kanzler der Einheit“.

    Helmut Kohl tat von Anfang an sein Möglichstes, damit die Deutschen in Ost und West sich nicht weiter auseinanderlebten. Der Reiseverkehr stieg während seiner Regierungszeit erheblich an, auch wenn niemand an eine schnelle Wiedervereinigung glaubte. Doch als 1989 die Geschichte um die Mauer bog, erwies sich der vielfach unterschätzte Kohl als ein Meister der Staatskunst. Im Bündnis mit den Menschen in der DDR setzte er die nationale Wiedervereinigung geschickt ins Werk. Im Einverständnis mit den Nachbarn und den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs schuf er ohne jedes deutsches Machtgehabe oder gar Säbelrasseln maßgeblich eine neue Friedensordnung, die den Nachgeborenen wie selbstverständlich erscheint.

    Kohl verkörperte Liberalität neben Bodenständigkeit

    Während Adenauer das östliche Preußen ironisch als „asiatische Steppe“ bezeichnet hatte, war es für Kohl die Heimat seiner (evangelischen) Ehefrau Hannelore. Seine umstrittene Entscheidung für Berlin als Bundeshauptstadt hätte der Alte aus Rhöndorf wohl kaum gebilligt. Als Kind der Bismarckzeit und des Kulturkampfes hatte er keine Schwäche für die, wie er sagte, „heidnische“ Kapitale, von der ja auch tatsächlich nicht immer das Beste für Deutschland ausgegangen ist.

    Die Fotografien von Adenauer mit der Schar seiner Kinder und Enkel symbolisierten das konservative Wertesystem der fünfziger Jahre: den Vorrang von Familie, Traditionen und Sicherheit, was dann die Achtundsechziger als „postfaschistisch“ diffamierten. Kohl wiederum verkörperte neben Bodenständigkeit und sozialer Wohlfahrt auch Toleranz und liberale Weltoffenheit. Die Deutsche Mark ersetzte der einzige „Ehrenbürger Europas“ durch eine gemeinsame Währung, den Euro. In einer Volksabstimmung hätte er damals für diesen kühnen Schritt wohl keine Mehrheit erhalten, die Stimmung in Deutschland war eher skeptisch gewesen – die gute alte DM wollte niemand so schnell aufgeben.

    Die Ära Adenauer und die Ära Kohl brachten natürlich durchaus verschiedene Herausforderungen, werden aber angesichts der Krisenerwartungen des 21. Jahrhunderts gemeinsam als „gute, alte Zeiten“ in das Gedächtnis eingehen. Beide Politiker führten die Union, also CDU und CSU zusammen, zu den höchsten Wahlergebnissen in der deutschen Geschichte. Beide waren in diesem Sinn „Kanzler des Vertrauens“, vermochten allerdings die Nachfolge nicht in ihrem Sinn zu regeln. Adenauer konnte Erhart nicht verhindern, behielt freilich nachträglich recht, was dessen mangelnde Qualitäten als Regierungschef anging. Kohl übergab das Amt nicht, wie geplant, schon während seiner letzten Legislaturperiode an den „Kronprinzen“ Schäuble und wurde nach seiner Abwahl schließlich in der Spendenaffäre von der heutigen CDU-Vorsitzenden Angela Merkel fallengelassen.

    Nicht unbedingt in den Medien oder bei den sogenannten Intellektuellen, aber bei weiten Teilen der Bundesbürger sind Konrad Adenauer und Helmut Kohl bis in die Gegenwart außerordentlich geschätzt. Als die Deutschen im Fernsehen vor wenigen Jahren „Unsere Besten“ küren sollten, setzte eine Millionenjury Adenauer auf den ersten Platz, Kohl landete bei den noch lebenden Persönlichkeiten ganz vorne. Das spricht immerhin für die späte demokratische Reifes eines Volkes, dessen Massen sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch für einen Kaiser Wilhelm II., einen Nationalheroen Hindenburg und gar einen Hitler begeistert hatten.

    Von Theo Schwarzmüller