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    „Kleine Dinge mit großer Liebe tun“

    Jetzt ist es also geboren, das Jesus-Kind. Auf Stroh ist es gebettet, in Windeln gewickelt. Man hat den Eindruck, in den Tagen nach Weihnachten müsse das Kind erst einmal Wurzeln schlagen in dieser Welt, in die es unter so himmlischen Umständen eingetreten ist wie der Geburt aus einer Jungfrau, mit Engelschören, die Gott preisen und den Menschen Frieden verkünden. Gleichzeitig ist da eine Ärmlichkeit des Bühnenbildes, in dem man sich erst zurechtfinden muss. Weihnachtsoktav nennen wir die Liturgie dieser Zeit des sich Setzenlassens dieser überwältigenden Botschaft. Diese Oktav, die es auch bei anderen großen Festen wie Pfingsten und Ostern gibt, dient dazu, um ein Fest herumzugehen, wie es aufmerksame Touristen tun, wenn sie eine schöne Skulptur von allen Seiten betrachten wollen. Wenn man acht Tage lang immer wieder andere und neue Seiten ein und desselben Heilsereignisses betrachtet, können ganz unerwartete Inhalte des Festes sichtbar werden.

    Christus in seiner Verkleidung als Ärmster der Armen: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt i... Foto: Raghu Rai / Magnum Photos

    Jetzt ist es also geboren, das Jesus-Kind. Auf Stroh ist es gebettet, in Windeln gewickelt. Man hat den Eindruck, in den Tagen nach Weihnachten müsse das Kind erst einmal Wurzeln schlagen in dieser Welt, in die es unter so himmlischen Umständen eingetreten ist wie der Geburt aus einer Jungfrau, mit Engelschören, die Gott preisen und den Menschen Frieden verkünden. Gleichzeitig ist da eine Ärmlichkeit des Bühnenbildes, in dem man sich erst zurechtfinden muss. Weihnachtsoktav nennen wir die Liturgie dieser Zeit des sich Setzenlassens dieser überwältigenden Botschaft. Diese Oktav, die es auch bei anderen großen Festen wie Pfingsten und Ostern gibt, dient dazu, um ein Fest herumzugehen, wie es aufmerksame Touristen tun, wenn sie eine schöne Skulptur von allen Seiten betrachten wollen. Wenn man acht Tage lang immer wieder andere und neue Seiten ein und desselben Heilsereignisses betrachtet, können ganz unerwartete Inhalte des Festes sichtbar werden.

    Das Leben einer großen Heiligen unserer Tage hatte drei Schwerpunkte: der erste waren die Armen. Schon ist offensichtlich, von wem wir sprechen – von der Seligen Mutter Teresa von Kalkutta. Das war aber nur ein Schwerpunkt ihres Lebens und zwar der nach außen am leichtesten erkennbare. Menschen, die diese Ikone der Armen, wie sie auch genannt wurde, besser kannten, sahen zumindest zwei weitere Angelpunkte ihres Lebens: Jesus, die Mensch gewordene Liebe Gottes, und die heilige Eucharistie, nach ihrem und unserem Glauben der Leib und das Blut des Herrn. Dem aufmerksamen Betrachter der weihnachtlichen Ereignisse und ihrer Symbolik zeigt sich eine erstaunlich enge Verwandtschaft dieser drei. Ja vielleicht erlaubt sie sogar ein Blick tief hinein in die Seele des in acht Tagen ausgekosteten Festes der Menschwerdung des Gottessohnes.

    Das Heiligste Herz Jesu war schon in ihrer frühen Kindheit Mutter Teresas „erste und einzige große Liebe“. In manchen Ländern Europas gab es die Tradition, dem Jesuskind eine mit Strohhalmen ausgelegte Krippe zu bereiten, indem für jedes Almosen, jedes gute Werk, jedes Opfer und jeden Verzicht während der Adventszeit ein Strohhalm in die Krippe gelegt werden durfte. Am Heiligen Abend lag das Jesuskind dann weich auf dem Stroh – oder eher hart auf dem Holz der Futterkrippe. Diese Tradition wurde von Mutter Teresa unter ihren Schwestern sehr gefördert, denn sie ist eine Schule der Selbstdisziplin, vor allem aber stellt sie eine Verbindung zwischen der Liebe zu unserem Mitmenschen, die uns etwas kostet, und der Mensch gewordenen Liebe Gottes her. Wie weit diese Hinwendung zum Nächsten geht, kam in drei Sätzen Mutter Teresas zum Ausdruck, die oft den Charakter eines Seufzers hatten: „Love until it hurts“ (liebe bis es weh tut) oder „real love always hurts“ (wirkliche Liebe tut immer weh). „Es hat auch Jesus weh getan uns zu lieben“ – vom Holz der Krippe bis zum Holz des Kreuzes.

    Ihre „erste und einzige große Liebe“ erschöpfte sich bei der Seligen nicht in Gefühlen oder kleinen Opfern, auch nicht in einem Streben nach persönlicher Heiligung. Sondern sie bekam über die Jahre mehr und mehr eine klare Richtung: Jesus in der Eucharistie zu erkennen und denselben Jesus in den Ärmsten der Armen. Die Identifikation Jesu mit den Ärmsten war nicht ihre Idee oder Ideologie, sondern Jesu eigene Darstellung: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Oft hielt die Selige eine Kinderhand hoch und skandierte anhand der fünf Finger die fünf Worte des Herrn: „,Das habt ihr mir getan?‘ – darin findet sich das ganze Evangelium“, erklärte sie dann ihren Zuhörern.

    Jesus ist zu uns gekommen als Kind von Bethlehem, aber das genügte dem Drängen seiner Liebe nicht. Er wollte unter uns bleiben in Brot und Wein der Eucharistie – und in jedem Armen. „Bethlehem“, um es mit den Worten von Kardinal Joachim Meisner zu sagen, war für die Selige „keine Idylle – Bethlehem ist der Beginn christlicher Universalität und Katholizität“.

    Wie ein Brand vom Wind getrieben wird, wollte auch sie das Ereignis von Bethlehem in alle Himmelsrichtungen und alle Teile der Welt ausbreiten. Das Kind wird der Erstgeborene von vielen Brüdern sein, die bis zu den Enden der Welt ausströmen werden. Das Fleisch und das Blut des Gottessohnes wird in unermesslicher Kleinheit, in den Gestalten von Wein und Brot, gegenwärtig sein in allen Tabernakeln der Welt. Und die Kirche, der mystische Leib Christi, wird alle Menschen einladen, eins in der Liebe zu werden unter dem Haupt Christus (Eph 4,15f). Seit ihren Anfängen schart sich die Christenheit um den Herrn, der in den eucharistischen Gestalten ihre Mitte ist und bleibt – ob in der größten Kathedrale oder in der kleinsten Dorfkapelle.

    Mutter Teresa hatte eine Verehrung für die heilige Eucharistie, deren Tiefe und Intensität schwer zu beschreiben ist. Sie führte nicht nur die tägliche Anbetungsstunde in allen Häusern ihres Ordens ein und verbrachte selbst jede arbeitsfreie Minute vor dem Allerheiligsten, sondern forderte auch die Gläubigen auf, von ihren Pfarrern „das Geschenk der Anbetung, wenigstens eine Stunde am Tag“ zu erbitten.

    Im Laufe ihres Lebens hat Mutter Teresa 594 Niederlassungen ihres Ordens zur Betreuung der Ärmsten der Armen gegründet, nannte sie jedoch nie Armenhäuser, Gründungen oder Niederlassungen, sondern sprach immer davon, „Jesus einen neuen Tabernakel“ gegeben zu haben. Manche von ihnen hatten mit der Armut Bethlehems viel gemeinsam, aber wie die Krippe im Stall von Bethlehem, so bewahrten auch sie etwas unendlich Kostbares. Und in vielen Fällen brachte Mutter Teresa damit tatsächlich Jesus wirklich und wirksam in die Finsternis eines gottfernen Systems, wie etwa 1988 in die atheistische Sowjetunion. Von Bischöfen, die die Schwestern in ihrer Diözese haben wollten, verlangte Mutter Teresa nichts weiter als die Erlaubnis zum Betteln, einen Priester, bei dem die Schwestern täglich die Heilige Messe besuchen konnten, und die Erlaubnis für einen Tabernakel zur Anbetung des Allerheiligsten im eigenen Haus.

    Seit bald fünfzig Jahren halten die Schwestern täglich mindestens eine Stunde Anbetung vor dem ausgesetzten Allerheiligsten. Nach der großen Überschwemmungskatastrophe in Bangladesch 1972 schickte Mutter Teresa ihre Schwestern sofort dorthin, um zu helfen. Die Arbeit hat den Schwestern Übermenschliches abverlangt, und so wurden sie von den Organisatoren gebeten, ausnahmsweise die Arbeit nicht für ihre Gebetszeiten zu unterbrechen. Mutter Teresa entschied dagegen: „Nein, die Schwestern werden für die Anbetung und die Heilige Messe nach Hause kommen.“ Das verstanden viele Helfer angesichts der Flutkatastrophe nicht, aber für Mutter Teresa war klar, dass die Kraft ihrer Schwestern versiegen würde, wenn sie nicht „from Jesus to Jesus“ – vom Jesus in der Eucharistie gestärkt zu Jesus in den Ärmsten der Armen – gehen konnten. „Ohne tägliche Gebets- und Anbetungszeiten“, so sagte sie, „hätten die Schwestern spätestens nach zwei Jahren einen Burn-out.“

    Auf geheimnisvolle Weise geht von diesem Brot eine Kraft aus, die einerseits zu einer großen Zärtlichkeit befähigt, gleichzeitig aber Kraft zu Übermenschlichem verleiht, denn in der Anbetung durchbricht der Mensch alle Zwecke und Zwänge, die ihn umgeben und wird hineingeführt in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes.

    Maria steht an dieser Durchbruchstelle, denn sie ist die Erste, die über die Mauer des Unglaubens gesprungen ist, wie ihr Elisabeth sagt: „Selig ist die, die geglaubt hat“ (Lk 1,45). Das ist die Botschaft an jeden von uns: Selig bist du, weil du geglaubt hast – wie Maria.

    Als langjährige Lehrerin und Pädagogin hatte Mutter Teresa die Fähigkeit, schwierige Fragen kinderleicht darzustellen und zu erklären. Weil im Mutterhaus in Kalkutta 300 Schwestern lebten, aber nur ein Priester zur Verfügung stand, hatten sie und einige Schwestern die Erlaubnis, bei der Kommunionspendung zu helfen. Nach einer Messe, bei der sie diesen Dienst getan hatte, hielt sie – wie üblich – ihre viertelstündige Meditation für die Volontäre, die in großer Zahl nach Kalkutta kamen, um die Schwestern in ihrem Dienst an den Ärmsten zu unterstützen. Sie begann so: „Heute habe ich geholfen, den Leib Christi auszuteilen. Dabei hielt ich die Kommunion in zwei Fingern und dachte: Wie klein hat sich Jesus gemacht, um uns zu zeigen, dass Er von uns nicht große Dinge erwartet, sondern kleine Dinge mit großer Liebe.“

    Kleine Dinge mit großer Liebe zu tun, das hatte sie aus der Eucharistie gelernt, die selbst so klein und hilflos scheint, während sie doch die gewaltige Kraft der göttlichen Liebe in sich birgt. „Gott wird uns“, führte sie ihre Meditation weiter, „eines Tages nicht danach fragen, wie viele große Dinge wir in unserem Leben vollbracht haben, aber er wird uns fragen, wie viel Liebe wir in unser Tun gelegt haben.“

    Die Eucharistie war für die selige Mutter Teresa „Love in bits of bread“ (Liebe in der Form kleiner Brotstücke). Ein wesentliches Merkmal von Gottes Liebe war für sie Seine Zärtlichkeit, ja die bis zur gänzlichen Hilflosigkeit gehende Scheu des allmächtigen Gottes, die Freiheit des Menschen, den Er ja als Sein Ebenbild geschaffen hatte, zu verletzen.

    Tief in Meditation versunken beobachtete Mutter Teresa auf einem Flug eine schöne Landschaft. Schließlich murmelte sie leise vor sich hin: „Gottes Schönheit, Gottes Schönheit“, und nach einiger Zeit: „Gottes Allmacht: Das hat Er alles geschaffen!“ Schließlich kam sie zum Kern ihrer Gedanken: „Gottes Demut ist schwer zu verstehen.“ Die Eucharistie war für sie die Frucht der Demut Gottes schlechthin: Für sie hatte Gott wie im Kind von Bethlehem die Kleinheit gewählt, um unsere Freiheit nicht zu beschädigen, gleichzeitig aber keinen Hehl aus Seiner Sehnsucht nach unserer Liebe gemacht. In der Eucharistie zeigt Jesus seinen Nachfolgern bis heute den Weg des Opfers für die Brüder. Das letzte Wort Jesu am Kreuz (Joh 19,28) „I thirst“ (Mich dürstet) schmückt deshalb das Altarkreuz in jeder Kapelle ihrer Schwestern: Denn Gott ist keineswegs abwesend oder apathisch. In Jesus dürstet Gott selbst nach unserer Liebe, die wir nur durch und in der Liebe für unsere Brüder „tun“ können. „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, werden wir nach jeder Wandlung erinnert, wenn unter dem Kreuz das Messopfer gefeiert wird.

    „Wenn wir das Kreuz betrachten, werden wir daran erinnert, wie sehr uns Jesus (vor 2 000 Jahren) geliebt hat; wenn wir die Eucharistie betrachten, sehen wir, wie sehr er uns heute liebt“, sagte Mutter Teresa – denn „Jesus made himself bread of life that we may have life“ (Jesus hat sich selbst zum Brot des Lebens gemacht, damit wir das Leben haben).

    So spannt sich ein Bogen von der Kleinheit und der Armut des Gottessohnes in der Futterkrippe bis zur Kleinheit und Bescheidenheit Seiner Gegenwart unter uns – und bis zum Ende der Zeiten – in der heiligen Eucharistie als Nahrung für die Welt, von der Armut und Ausgestoßenheit Seiner Geburt im Stall von Bethlehem bis zur Armut der Ärmsten und der ausgestoßenen Alten, Kranken und Arbeitslosen, die Mutter Teresa „throw away of society“ (Ausschussware der Gesellschaft) nannte und mit denen sich Jesus in der Erzählung vom Jüngsten Gericht (Mt 25) identifiziert. „Jesus in the Eucharist and the poor are one“ (Jesus in der Eucharistie und Jesus im Armen sind ein und derselbe Jesus), meinte sie. „Wenn du Jesus wirklich in der Eucharistie lieben willst, wird es für dich ganz normal sein, diese Liebe zu einer lebendigen Tat für die Armen werden zu lassen, denn der, der gesagt hat ,das ist mein Leib‘ ist derselbe (Jesus) der auch gesagt hat ,Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben‘ (Mt 26,26; 25,35). [If you really love Jesus in the Eucharist you will naturally want to put that love into action (for the poor). The One who said, ,This is my body‘ is the same one who said, ,I was hungry and you gave me to eat‘.] Die Armen waren für Mutter Teresa immer „Jesus in the distressing disguise of the poorest of the poor“ (Jesus in der schrecklichen Verkleidung der Ärmsten der Armen).

    Die Armen, Jesus und die heilige Eucharistie zeigen sich so in der Zusammenschau einer ganz modernen Seligen als Kern des weihnachtlichen Geheimnisses, das wir in der Weihnachtsoktav umschritten haben.

    Monsignore Leo Maasburg begleitete Mutter Teresa mehrere Jahre in Indien, in Rom und auf vielen Reisen zwischen Moskau und New York. Er stand ihr als Priester, geistlicher Begleiter und Ratgeber zur Verfügung. Seit 2005 ist er Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich.