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    Jede Orgel ein Unikat

    Nicht ohne Stolz zeigt Wolfgang Eisenbarth „seine“ Orgel im Passauer Dom, die er vor knapp dreißig Jahren gebaut hat. Doch während die meisten Besucher nur das von vorne mit vergoldeten Holzschnitzereien verzierte barocke Schmuckstück bewundern können, gewährt der Orgelbauer einen tiefen Einblick in das Innenleben des gewaltigen Instrumentes, das Tag für Tag die Dombesucher und Kirchgänger musikalisch erfreut. Der 68-Jährige zeigt Abteile mit hunderten von winzigen Pfeifen, gleich daneben stehen Schaltschränke, die Sicherungen und Mikrochips beherbergen. Bei all der Elektronik meint man fast, in einem Großrechnerraum zu sein. Kurz darauf klettert der Passauer über verschlungene wacklige Holzleitern elf Meter hinauf, so hoch wie ein zweistöckiges Haus. Ebenso hoch ist auch die größte der rund 18 000 Pfeifen, die in der Domorgel verbaut sind. Vier Jahre, von 1977–1981, hatte Eisenbarth zusammen mit seinem Vater Ludwig Eisenbarth an der größten Orgel Europas gebaut, die heute noch die größte Domorgel der Welt ist.

    Nicht ohne Stolz zeigt Wolfgang Eisenbarth „seine“ Orgel im Passauer Dom, die er vor knapp dreißig Jahren gebaut hat. Doch während die meisten Besucher nur das von vorne mit vergoldeten Holzschnitzereien verzierte barocke Schmuckstück bewundern können, gewährt der Orgelbauer einen tiefen Einblick in das Innenleben des gewaltigen Instrumentes, das Tag für Tag die Dombesucher und Kirchgänger musikalisch erfreut. Der 68-Jährige zeigt Abteile mit hunderten von winzigen Pfeifen, gleich daneben stehen Schaltschränke, die Sicherungen und Mikrochips beherbergen. Bei all der Elektronik meint man fast, in einem Großrechnerraum zu sein. Kurz darauf klettert der Passauer über verschlungene wacklige Holzleitern elf Meter hinauf, so hoch wie ein zweistöckiges Haus. Ebenso hoch ist auch die größte der rund 18 000 Pfeifen, die in der Domorgel verbaut sind. Vier Jahre, von 1977–1981, hatte Eisenbarth zusammen mit seinem Vater Ludwig Eisenbarth an der größten Orgel Europas gebaut, die heute noch die größte Domorgel der Welt ist.

    Mittlerweile ist das Familienunternehmen eine GmbH und durch den Einstieg der Tochter Eisenbarths in den Betrieb in der dritten Generation. Nur knapp zehn Autominuten vom Passauer Dom entfernt steht die Werkstatt, zu deren Profil neben dem Neubau von Orgeln im süddeutsch-romantischen Stil auch die Restauration, Reparatur und Wartung bereits bestehender Orgeln gehört und heute 21 Mitarbeiter beschäftigt. Damit gehört die Orgelbauwerkstatt Eisenbarth heute zu den größten Orgelbauunternehmen in Bayern.

    „ ...eine Mischung aus Know-how, Erfahrung und Sorgfalt“

    Begonnen aber hatte alles ganz klein. Aus Glück der Kriegsgefangenschaft entgangen, kam Ludwig Eisenbarth, der im Jahr 1992 verstorbene Vater, nach Passau und machte sich dort 1945 selbstständig. Nur einen Koffer voll Werkzeug habe er damals gehabt, erzählt Eisenbarth heute. Die ersten Jahre nach dem Krieg seien für seinen Vater sehr schwierig gewesen. Zulieferer sind kurzerhand mit Butter und anderen Naturalien bezahlt worden; die erste Orgel hatte man erst im Jahr 1947 ausgeliefert. Nach dem Abitur 1962 entschied sich Wolfgang Eisenbarth, Orgelbauer zu werden und dem Vater nachzueifern. Ein Studium der Medizin oder der Architektur habe ihn damals sehr interessiert, sagt der 68-Jährige. Doch die Liebe zum Handwerk, die er bereits von Kind auf vom Vater mitbekommen hatte, spielten letztlich die ausschlaggebende Rolle. Mit Eisenbarth wurde der väterliche Betrieb neu ausgerichtet: Die Schleifladentechnik, mit der heute alle modernen Orgeln ausgestattet werden, hält Einzug. 1987 übernimmt Eisenbarth die kaufmännische Leitung und die orgelbauliche Aufsicht im Betrieb. Seine Frau Hermine kümmert sich um das Büro und das Sekretariat, nachdem sie die vier Kinder aufgezogen hatte.

    „Jede Orgel ist ein Unikat und wird in den Raum intoniert“, erzählt Eisenbarth, der mit 68 Jahren in einem ersten Arbeitsschritt noch selbst Hand anlegt, erste detailgetreue Skizzen am Zeichenbrett für die Kunden entwickelt, die meist aus dem kirchlichen Bereich kommen, und die Mensuren, also die Formen und Proportionen, die maßgeblich für den entstehenden Klang jeder einzelner Pfeife sind, individuell neu festlegt. Am Computer könne man zwar die Durchmesser der Pfeifen bestimmen, ein Orgelbauer müsse aber bereits im Voraus wissen, wie sie klingen. Und dazu benötige man viel Erfahrung, erläutert Eisenbarth fundiert. Überhaupt sei seine Leidenschaft „eine Mischung aus viel Know-how, Erfahrung und handwerklicher Sorgfalt“.

    „Ein Orgelbauer ist immer Individualist...“

    Seine große Erfahrung kommt dem Orgelbaumeister, der schon Orgeln in Seoul in Südkorea, in Taschkent in Usbekistan, in Pozega in Kroatien und auch in den Nachbarländern Schweiz, Österreich und im Norden Deutschlands gebaut hat, jedesmal aufs Neue zugute. „Jede Orgel ist eine neue Herausforderung“, sagt der Bayer. Das größte Problem sei die Akustik im Raum. Oftmals klinge eine Orgel in einem gefüllten Raum ganz anders als in einem leeren. Ein zu niedriger Betonbau oder viele Stuckornamente seien ebenfalls nicht gerade förderlich für eine optimale Entfaltung des Klangs im Kirchenhaus. Als letzter Ausweg bleibt da manchmal nur das Versetzen einer Orgel, wie das schon mal in der Kartäuserkirche in Regensburg der Fall gewesen ist. Dort wurde die Orgel von der Empore wegen des schlechten Hörerlebnisses eine Etage nach unten in den eigentlichen Kirchenraum versetzt.

    Dass der Orgelbau sehr komplex ist, erkennt der Laie bei einem Durchgang durch die Werkstatt sofort: 21 auffallend junge Mitarbeiter arbeiten hier in den einzelnen Bereichen zusammen, damit eine Orgel entstehen kann. Im Planungsbüro wird nach den Entwürfen Eisenbarths noch mal millimetergenau Aufbau, Aussehen, Elektronik und Mechanik der Orgel berechnet. „Die Schwierigkeit besteht darin, dass ich die ganze Orgel im Blick haben muss“, so ein Mitarbeiter im Planungsbüro. Später kommen die Pläne in die einzelnen Werkstätten, die dann zeitgleich mit der Fertigung beginnen. In der Schreinerei beispielsweise werden die Teile für das Gehäuse der Orgel oder für die Luftkanäle zugeschnitten. Es riecht nach Holz. Auf dem Boden sind überall Sägespäne verteilt. In der Windladenwerkstatt wird dafür gesorgt, dass die Pfeifen alle mit Druckluft versorgt werden, wodurch der Ton erzeugt wird. Ein Mitarbeiter setzt gerade auf die runden Öffnungen kleine Dichtungsringe aus Kaschmir. Größte Sorgfalt sei auch hier geboten, weil sich der Wind sonst verselbstständige und einen ungewollten Ton produziere, erläutert die Tochter Agathe Eisenbarth. In der Pfeifenmacherei löten zwei Mitarbeiter rötlich schimmernde Pfeifen zusammen, die aus einem Zinn-Blei-Gemisch bestehen. Die 35-jährige Mutter von drei Kindern und Geschäftsführerin verrät, dass die ungewöhnlich rötliche Farbe eine präzisere, saubere Schweißnaht ermöglicht und die Mitarbeiter diese später natürlich wieder abwaschen würden. Im Intonierraum wird dann jede Pfeife nochmals fachgerecht bearbeitet. Manchmal und je nach Pfeife ist dazu viel Geduld und Kraft notwendig.

    Als Orgelbauermeister genießt Eisenbarth die großen Gestaltungsfreiheiten, die er hat. Darin liege gerade für den Passauer auch die Faszination seines Berufes. „Ich kann man eigener Herr sein. Außerdem ist ein Orgelbauer auch immer Individualist, der selbstständig neuen Techniken entwickelt und bessere Materialien sucht“, sagt Eisenbarth. So lerne er in seinem Beruf nie aus und könne im fruchtbaren Kontakt mit Organisten und anderen Orgelbauern immer auch neue Anregungen bekommen. „Ich bin glücklich in meinem Beruf und wenn ich mich entfalten darf.“ Da machen dem Orgelbauer auch die Finanz- und Wirtschaftskrise, der wachsende Wettbewerbsdruck und die schwindende Nachfrage nach Kirchenorgeln keine Angst. Die Auftragslage sei durch den immer wichtiger werdenden Export ohnehin gut. „Außerdem sind Orgelbauer zäh. Krisen hat es immer schon gegeben.“ Man glaubt es Eisenbarth aufs Wort, dass er mit den Herausforderungen der Zukunft fertig wird.

    Von Clemens Mann