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    Intelligent im Strom mitschwimmen

    Gibt es aus der digitalen Welt keinen Weg zurück zur Kultur? Bestsellerautor Alessandro Baricco über moderne „Barbaren“. Von Clemens Schlip

    Arbeit 4.0
    Kultur bewahren, ohne sich den wandelnden Verhältnissen zu verschließen: hier ist Feingefühl gefragt. Foto: dpa

    Kulturkritiker sind in der Regel gut darin, bei ihren Lesern Depressionen auszulösen. Schließlich weisen sie mit höchster Präzision und einem großen Aufwand an Gelehrsamkeit nach, wie ganz und gar verdorben die Gegenwart ist, und warum wir alle über kurz oder lang auf eine Katastrophe zusteuern. Ganz anders präsentiert sich das Buch „Die Barbaren“ des italienischen Schriftstellers Alessandro Baricco („Novecento“), der bei seiner Betrachtung der von den modernen Medien verheerten Kulturlandschaft großen Humor beweist. Im Zentrum seines Buches stehen jene Menschen, die er „die Barbaren“ nennt: Leute, denen die herkömmliche Hochkultur weitgehend gleichgültig ist, und die dennoch in ihrer von TV und Internet bestimmten Welt irgendwie ganz glücklich zu sein scheinen. Wie ein guter Ethnologe bemüht er sich bei seinen essayistischen Streifzügen, zu verstehen, wie diese Leute denken und was sie antreibt.

    Die in diesem Band zusammengeführten Texte erschienen ursprünglich 2006 als dreißigteilige Fortsetzungsreihe in der italienischen Zeitung „La Repubblica“ und präsentieren sich als freundschaftliche Ansprachen an ihre Leser. Der launige Tonfall hindert Baricco nicht daran, sein Thema tiefgründig zu behandeln, wobei er eine große Vertrautheit mit der europäischen Geistesgeschichte unter Beweis stellt.

    Was zeichnet „die Barbaren“ aus? Baricco schreibt ihnen vor allem einen Hang zur Oberflächlichkeit zu, den Wunsch, viele verschiedene Erlebnisse möglichst schnell aneinanderzureihen, ohne sich zu sehr in eine einzige Sache vertiefen zu müssen. Für diese Haltung hat er nach Ablauf des ideologiegeschüttelten 20. Jahrhunderts sogar ein gewisses Verständnis: „Könnte diese Suche nach der Wahrheit der Dinge in ihrer oberflächlichen Vernetzung mit anderen Dingen nicht eine infantile, aber wirkungsvolle Strategie sein, um nicht in einer absoluten und unvermeidlich parteiischen Wahrheit zu versinken?“ Dass diese Strategie wirklich wirkungsvoll ist, lässt sich allerdings bezweifeln, wenn man auf die zahlreichen digitalen Echokammern im Netz blickt, deren Bewohner sich durchaus im Besitz der absoluten Wahrheit wähnen.

    Für die traditionelle Hochkultur hat diese oberflächliche Erlebnissucht dramatische Folgen. Im Reich der Barbaren können nur jene Kulturgüter überleben, die sich an ihre Erwartungshaltung anpassen lassen. Baricco beleuchtet dies vor allem am Beispiel der Literatur. Welche Bücher haben heute die beste Aussicht, Bestseller zu werden? Es handelt sich für ihn um „Bücher, deren Gebrauchsanweisung man an Orten erhält, die KEINE Bücher sind“, die also nicht notwendigerweise Vertrautheit mit literarischer Kultur erfordern, da sie nahtlos an den normalen medialen Erfahrungshorizont des Barbaren anschließen. Was sich nach undifferenziertem Medien-Bashing anhört, erweist sich als durchaus komplexes Erklärungsmodell. Denn neben literarischem Schrott fügen sich für Baricco auch durchaus qualitätsvolle Bücher wie Umberto Ecos „Der Name der Rose“ in dieses Erfolgsmuster.

    Andere Kulturgüter können der Erwartungshaltung der Barbaren ganz und gar nicht entsprechen. Baricco beschreibt treffend, dass die „Klassische Musik“ besonders hart von den aktuellen Umwälzungen getroffen wird und erklärt durchaus plausibel, weshalb das so ist.

    In Teilen relativiert Baricco die Dramatik der gegenwärtigen Situation, indem er an frühere kulturelle Transformationsprozesse erinnert, die heute so selbstverständlich sind, dass wir die Argumente der damaligen Kritiker oft nur mit einer gewissen Überraschung nachvollziehen können. So war der Roman, der heute im Zentrum der literarischen Kultur steht, noch im 18. Jahrhundert eine in gebildeten Kreisen eher gering geschätzte Gattung. Seinen großen Siegeszug erlebte er im 19. Jahrhundert, als Literatur auch in soziale Schichten vordrang, die bislang keinen Zugang zu ihr gehabt hatten. Und Beethovens Neunte, heute Inbegriff musikalischer Hochkultur, galt bei zeitgenössischen Kritikern als frivol, affektiert und oberflächlich.

    Dennoch lässt Baricco keinen Zweifel daran, dass die heutigen, durch die Digitalisierung ausgelösten kulturellen Transformationen eine andere Qualität haben. Und dies nicht nur, wenn er humorvoll zeigt, wie Google seinen Nutzern eine ganz neue Art des Denkens implantiert. Die italienische Originalausgabe des Buches erschien 2006, also noch knapp vor dem Siegeszug des Smartphones. Dem Bild, das Baricco zeichnet, fehlen daher noch einige düstere Farben. Die digitale Parallelwelt greift immer mehr in Lebensbereiche über, die 2006 noch davon verschont waren.

    Bariccos Buch heißt zwar „Die Barbaren“, aber im Verlauf der Lektüre wird immer deutlicher, dass es auch „Wir Barbaren“ heißen könnte. Denn sogar der ärgste Traditionalist wird nicht leugnen können, dass er sich bei manchen Schilderungen des „Barbarischen“ plötzlich selbst wiedererkennt. Und viele Menschen bewegen sich habituell in einer Art Zwischenreich.

    Erbitterten Widerstand gegen die allgemeine Verflachung – indem man sich gleichsam hinter Mauern verschanzt – hält Baricco daher für zwecklos. Es gehe vielmehr darum, intelligent im Trend mitzuschwimmen und dabei möglichst viel von den hergebrachten Kulturgütern zu retten. Aber gibt es außer Mitschwimmen und Mauerbauen wirklich keine andere Möglichkeit? Könnte man die Barbaren (oder „uns Barbaren“) nicht zum Beispiel auch einem Reeducation-Programm unterwerfen? Doch selbst da, wo er zu Widerspruch herausfordert, ist man Baricco dankbar dafür, dass er sein wichtiges Thema auf so unterhaltsame und zugleich anspruchsvolle Weise zur Diskussion stellt.

    Alessandro Baricco: Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur. Hoffmann und Campe, Hamburg 2018, 224 Seiten, ISBN 978-3-455-40580-4, EUR 20,–

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