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    „Ihr sollt ein Segen sein“

    Kardinal Müllers Ermutigungen für Priester und alle, die es werden wollen. Von Guido Rodheudt

    Priesterweihe
    Gerade heute ist ein klares Verständnis des priesterlichen Dienstes notwendig: für Priester wie Gläubige. Foto: KNA

    Kardinal Müller ragt heraus. Nicht nur aufgrund seiner Körpergröße. Er ist ein weithin sichtbarer Leuchtturm für viele Katholiken in den gegenwärtigen Zeitläuften, die von Verwirrung und Unsicherheit bei den Gläubigen und von Uneindeutigkeit und Vielgesichtigkeit bei den Hirten der Kirche geprägt sind. In seinem neuesten Buch „Ihr sollt ein Segen sein“ stellt er in der ihn kennzeichnenden Ruhe und Nüchternheit die Theologie des Priestertums auf den Leuchter und zugleich die Krisenmomente dieser Theologie auf den Prüfstand. Obwohl die Wahl der literarischen Briefform zunächst keinen apologetischen Charakter vermuten lässt, sind seine im Laufe der Jahre gesammelten Beiträge über das Priestertum eine unzweideutige Verteidigungsrede für die Sakramentalität der Kirche und ihres von Christus um des Heiles der Menschen willen eingesetzten Amtes.

    Damit ist bereits der Fokus seiner Mitteilungen eingestellt. Es geht um das Seelenheil und um die Wege, die Christus strukturell als ordentliche Weise seines Heilshandelns gewollt hat. Die derzeitige Diskussion über das Leben der Priester, über ihre Rolle in der Kirche und über ihre Funktion verdunkelt das Wesen des Priestertums – zumal durch die aktuelle Skandalisierung der Priester und die Fixierung auf die verunglückten Biographien von Klerikern in der Missbrauchsdiskussion. Die Aufregung mutet an wie ein Beben, nach dessen Abklingen nur noch das stehen bleibt, was wirklich solide und standfest ist. Kardinal Müller zeigt, was es sein wird: die geoffenbarte und in den Gefäßen des Priestertums getragene Wahrheit Jesu Christi.

    Am vierzigsten Jahrestag seiner eigenen Priesterweihe veröffentlicht, gewinnt die Abhandlung nebenbei den Charakter des persönlichen und gelebten Bekenntnisses zum Priestertum in einer Epoche seiner Bestreitung – selbst in den Reihen der Gläubigen. Deswegen richten sich die Briefe auch an alle „Freunde des katholischen Glaubens“ sowie an „Mitbrüder und solche, die es werden wollen“. Den Priesterseminaristen ist dieses Buch in der Tat besonders zu empfehlen, erläutert es doch in Klarheit und fundamentaler Einsichtigkeit die Theologie des Priestertums, die oftmals an (deutschen) Universitäten und Priesterseminaren unterschlagen wird. Der Bogen spannt sich von den Grundlagen in der Heiligen Schrift und ihrer Entfaltung bei den Kirchenvätern über die Verteidigung gegen die theologischen Missverständnisse und Entwertungen der Reformation bis hin zu den oft schlicht überlesenen Wertschätzungen des Zweiten Vatikanums.

    Die Zusammenschau ist – zumal für junge Theologen – ein wertvolles Kompendium und Korrektiv gegen die zeitgeistliche und heute hoffähige Kirchengeschichtsklitterung und Ideologisierung, mit der man die Ämtertheologie gerne soziologisiert und damit gleichzeitig marginalisiert.

    Der Priester hat Teil an Wesen und Mission Christi

    Kardinal Müller, dessen eigene priesterliche Lebensgeschichte in einer Zeit liegt, in der die akademische Theologie zutiefst von Relativismus geprägt war und ist, verschafft in seinen Essays neue Klarheit im Verständnis für die wesensmäßige Identifikation des Priesters mit Christus, mit dessen messianischer Sendung er seinshaft und nicht bloß funktional verbunden ist. Diesbezüglich haftet den Briefen ein apologetischer Charakter an, der unaufgeregt einen Zugang zu den Quellen des Heilsdienstes legt, zu dem Christus Seine Kirche durch die Hand ihrer Diener berufen hat.

    Die „12 Briefe über das Priestertum“ kommen deswegen nur scheinbar zur Unzeit angesichts des derzeitigen negativen öffentlichen Interesses am katholischen Priestertum. Im Gegenteil, sie schaffen gerade jetzt Klarheit in der Frage, was der Priester ist, wozu er nötig ist und wie er auf dieser Grundlage zu leben hat. Denn der Verzicht auf profunde religiöse Bildung, der heute weite Kreise des kirchlichen Lebens prägt, ist der Grund für den Verlust eines rechten priesterlichen Selbstverständnisses. Kardinal Müller führt diesbezüglich seine Leser aus dem Tal der Ahnungslosen und gibt damit nicht bloß Nachhilfe, sondern auch Trost. Denn: „Von den höheren und höchsten kirchlichen Autoritäten verdienen die Priester klare Worte der Ermutigung.“ Müller erinnert damit die Bischöfe daran, dass ihre apostolische Vollmacht dazu verliehen wurde, „aufzubauen, nicht niederzureißen“ (vgl. 2 Kor 10, 8).

    Papst und Bischöfe müssen die Priester stärken

    Man mag darin eine sekundäre Intention der Briefpost des über Nacht demontierten Präfekten der Glaubenskongregation erblicken. Denn das Buch erscheint fraglos wie ein postamtliches Schreiben für die Priester der Welt, die gerade in unseren Tage nicht nur der öffentlichen Schelte ausgesetzt sind, sondern auch die Wortmeldungen des obersten Hirten der Kirche zum Priestertum oftmals als schonungs- und unterschiedslose Demoralisierung empfinden. Besonders in den ersten vier Briefen, in denen Müller das Priestertum – noch vor den später folgenden dogmenhistorischen Darstellungen der Ämterentwicklung – in seinem Wesenskern beleuchtet, finden sich allgemeine Formulierungen, die sich als offenkundige Kritik am Führungsstil von Papst Franziskus lesen lassen. Dies verleiht dem Buch eine durchaus brisante Nuance, greift es doch im Kontext der Theologie des Priestertums die gegenwärtige Unsicherheit in der Einordnung der päpstlichen Autorität und ihrer oft bedenklichen Nutzung auf. Kardinal Müller scheut hier nicht die Bemerkung, dass ein Amtsträger zum Schaden für die Kirche wird, „wenn er seine geistliche Vollmacht als Gelegenheit benutzt, seine privaten Ideen und subjektiven Ressentiments den ihm anvertrauten Brüdern oder der ganzen Kirche aufzudrängen“. Mit Bezug auf Lukas 22, 32 erinnert er daran, dass Papst und Bischöfe die Pflicht haben, „die Brüder zu stärken“ und „jede Konfusion zu vermeiden“. Wobei sich der Papst zu den Bischöfen nicht verhält „wie der Generalobere der Jesuiten zu seinen Provinzialoberen. (...) Die Gleichheit in der Bischofsweihe verbietet jede Willkür, die der Kirche nur schadet. Denn der Papst ist nicht der Herr der Kirche und der Chef der Bischöfe (...).“ In diesen subkutanen Signalen wird das Buch – nebenbei – zu einer echten Orientierungshilfe für alle jene treuen Priester, die seit einiger Zeit zwischen den Fronten weltlicher und oberhirtlicher Kritik fast zerrieben werden. Die „desaströse Entgegensetzung von Lehre und Praxis, Orthodoxie und Orthopraxis“ und ein „anti-intellektueller Rückzug“ auf die „reine Pastoral der einfachen Leute“, Verächtlichmachung der Theologieprofessoren als wirklichkeitsblinde „Schriftgelehrte und Pharisäer“, sind ebenfalls als offensichtliche Kritikelemente am antitheologischen Ressentiment von Papst Franziskus zu lesen. Dennoch sind die zwölf Briefe weit davon entfernt, eine persönliche Abrechnung mit der unbegründeten Entfernung des Kardinals aus dem Amt des Glaubenswächters zu sein.

    Die konzise Abhandlung stellt sich insgesamt als profunde Zusammenfassung der Theologie des Amtes dar. Biblisch, patristisch, dogmatisch und spirituell meißelt er den heute vom Vergessen bedrohten Wesenskern des Priestertuns heraus und kontrastiert die katholische Lehre und Tradition sowohl gegen die Verstellungen in den gegenwärtigen katholischen Milieus als auch gegen die die transzendentale Philosophie der Neuzeit sekundierende protestantische Theologie.

    Dabei entzaubert er als eines ihrer zentralen Missverständnisse, die reformatorische „Entdeckung“ des „allgemeinen Priestertums“ und dessen undifferenzierte katholische Rezeption als einen gefährlichen – auch mit dem Zweiten Vatikanum inkompatiblen – Paradigmenwechsel, dessen mantrahafte Verkündigung unterschlägt, dass das geweihte Priestertum die Voraussetzung für das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen ist und nicht nur dessen spezielle Spielart. Wer Letzteres nachhaltig verbreitet, fährt auf dem falschen Dampfer. Kardinal Müller hat klargestellt, welches das rettende Schiff ist, wer dort das Steuer führt und dass es sich lohnt, auf ihm anzuheuern – gerade heute. Die Mannschaft – vom priesterlichen Matrosen bis zum päpstlichen Steuermann – wäre gut beraten, den Signalen des Leuchtturms zu folgen.

    Gerhard Kardinal Müller: Ihr sollt ein Segen sein. 12 Briefe über das Priestertum. Verlag Herder, Freiburg 2018, 192 Seiten, ISBN 978-3-451-38310-6, EUR 20,-

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