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    Heimatvertriebene: Zwischen Integration und Assimilation?

    Der Erlanger Landeshistoriker Werner K. Blessing titulierte seinen 1988 erschienenen großen Aufsatz zum Nachkriegskatholizimus, der auch 20 Jahre nach Veröffentlichung nichts an Aktualität eingebüßt hat, mit „Deutschland in Not, wir im Glauben...“. Er beschreibt damit treffend die Situation der vielen Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg und zu Beginn der Bundesrepublik, vornehmlich Katholiken, die aus der Katastrophe des Heimatverlustes in den ehemaligen deutschen Gebieten sich in einem Deutschland der Not, der Trümmer und des Wiederaufbaus wiederfanden. Was für die einen die tiefgreifendste Zäsur ihres Lebens bedeutete, war für die anderen eine Mehrbelastung: caritativ und ökonomisch, ja sogar soziokulturell. Der heutige Augsburger Bischof Walter Mixa kritisierte einmal beim Kirchenjubiläum der ehemaligen Vertriebenenkirche „Zur Göttlichen Vorsehung“ in Schwabach seines früheren Bistums Eichstätt „dass in Deutschland an alles erinnert werden darf, aber an das Schicksal der über zwölf Millionen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg nicht“.

    Der Erlanger Landeshistoriker Werner K. Blessing titulierte seinen 1988 erschienenen großen Aufsatz zum Nachkriegskatholizimus, der auch 20 Jahre nach Veröffentlichung nichts an Aktualität eingebüßt hat, mit „Deutschland in Not, wir im Glauben...“. Er beschreibt damit treffend die Situation der vielen Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg und zu Beginn der Bundesrepublik, vornehmlich Katholiken, die aus der Katastrophe des Heimatverlustes in den ehemaligen deutschen Gebieten sich in einem Deutschland der Not, der Trümmer und des Wiederaufbaus wiederfanden. Was für die einen die tiefgreifendste Zäsur ihres Lebens bedeutete, war für die anderen eine Mehrbelastung: caritativ und ökonomisch, ja sogar soziokulturell. Der heutige Augsburger Bischof Walter Mixa kritisierte einmal beim Kirchenjubiläum der ehemaligen Vertriebenenkirche „Zur Göttlichen Vorsehung“ in Schwabach seines früheren Bistums Eichstätt „dass in Deutschland an alles erinnert werden darf, aber an das Schicksal der über zwölf Millionen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg nicht“.

    Katholische Heimatvertriebene: Fremd in der Diaspora

    Hinter allen diesen absoluten Zahlen stehen vor allem Schicksale einzelner Familien und Menschen. „Sie kamen aus großer Bedrängnis“, wie es passend in der Geheimen Offenbarung des Johannes heißt, sie fanden eine durch die ideologische Gegnerschaft zur nationalsozialistischen Herrschaft moralisch zwar gestärkte, jedoch personell und organisatorisch geschwächte Kirche vor. Viele der katholischen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen kamen nach 1945 in mehrheitlich evangelische Gebiete, sodass sie neben dem lokalen Fremdsein auch noch ein Diaspora-Dasein pflegen mussten. Für die Katholiken in der Diaspora bedeutete also ihre neue Heimat gerade eine Verarmung an gewohnten Bräuchen in Kirche und Familie; zu einer anderen Frömmigkeitskultur kam in kurzer Zeit das Problem der Mischehen in großer Zahl hinzu. Beispielhaft am Erzbistum Bamberg stellte etwa Blessing fest, dass die deutsche Kirche eine möglichst schnelle Integration der heimatvertriebenen Katholiken in ihre Strukturen und Bräuche wünschte – heute würde man dies mit dem Begriff der Assimilation übersetzen.

    Wie die damalige Stimmungslage war, belegt ein weiteres Zitat. Bereits in einem Beitrag der katholischen Zeitschrift „Hochland“ in der Nummer 41 von 1948 beschrieb der Publizist Otto Roegele die damals aktuelle kirchliche Situation als geprägt von „der Schwachheit seiner Glieder, von der Einfallslosigkeit vieler seiner Führungsinstanzen und vom Illusionsnebel, der vor der Wirklichkeit“ hänge. Sein Urteil: Der deutsche Katholizismus müsse neu missioniert werden. Allerdings gab es erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Reihe wichtiger wissenschaftlicher Untersuchungen zur Frage nach der kirchlichen Betreuung von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, zu ihrer Integration und ihrem Anteil am gesellschaftlich-kirchlichen Transformationsprozess der Nachkriegszeit überhaupt.

    Dabei bildeten regionale oder diözesane Forschungsarbeiten den Schwerpunkt. Fragen zur Kirchen- und Kulturgeschichte der katholischen Heimatvertriebenen und deren Impulsen für Umbrüche in Kirche und Gesellschaft stellte etwa Rainer Bendel. Der Tübinger Historiker schrieb im Vorwort seiner Habilitation, dass sein Interesse „nicht in erster Linie den Verdiensten der Vertriebenen“ galt, sondern „dem Begegnungsprozess, der durch die Vertreibung erzwungen wurde“. Und weiter behauptete Bendel: „Es sei die These gewagt, dass die Vertriebenen einen wichtigen Beitrag dazu geleistet haben, dass die Pfarrgemeinde auch außerhalb des liturgischen Rahmens erlebbar und erfahrbar wurde.“ Bendel glaubt, dass in der „Jugendarbeit, im häufiger gepflegten Volksgesang in der Liturgie und der Volkssprache“ die Vertriebenen mit Wegbereiter des Zweiten Vatikanischen Konzils waren.

    Das Beispiel der Diözese Eichstätt beleuchtet die Frage, ob es sich bei der Aufnahme der Heimatvertriebenen in der jungen Bundesrepublik um Integration oder um eine Assimilation handelte. Die kleinste deutsche Diözese spielte für Bayern und speziell für Franken eine besondere Rolle in der Flüchtlings- und Heimatvertriebenenseelsorge, die in der Person Georg Zischeks gründet. Entscheidend für diese Einschätzung ist nicht allein die zweifelsohne ehrenvolle Arbeit der vielen Flüchtlingsgeistlichen in den Pfarreien auf dem Land oder in der Stadt, sondern der beispielhafte Aufbau der Diözesanflüchtlingsseelsorge und der überregionale Charakter des Wirkens Zischeks in Eichstätt. Soziokulturell betrachtet, spiegelt sich im Zusammenspiel kirchlicher Hilfe und Seelsorge für die vom Krieg schwer getroffenen Flüchtlinge die Divergenz zwischen dem Wunsch nach eigenen Sonderveranstaltungen, eigener Seelsorge der Heimatvertriebenen außerhalb der bestehenden Pfarreien einerseits, und dem Wunsch nach Integration oder sogar Assimilation seitens des Staates wie auch der Kirche andererseits.

    Eichstätt: Von der ersten Hilfe zu einem pastoralen Konzept

    Bemerkenswert in der Eichstätter Diözese ist vor allem die Entwicklung der Betreuung der Heimatvertriebenen von ersten Sofortmaßnahmen über Eingliederungshilfen hin zu pastoralen Konzepten in der Flüchtlingsseelsorge. Am 30. Juni 1946 wurde der vertriebene Leitmeritzer Domkapitular Georg Zischek vom Eichstätter Bischof Michael Rackl zum ersten Diözesanflüchtlingsseelsorger berufen. Am Fest des heiligen Josef (19. März) 1951 wurde er durch den Eichstätter Bischof zum bischöflichen Geistlichen Rat ernannt und ab dem 1. März 1960 war Zischek auch Prosynodalrichter am Diözesangericht Eichstätt. Überregionale Bedeutung erhielt Zischek als Sprecher der Priester und Gläubigen aus der Diözese Leitmeritz.

    Unzählige Bittbriefe im Diözesanarchiv

    Unzählige Bittbriefe im Diözesanarchiv Eichstätt lassen den Schluss zu, dass Diözesanflüchtlingsseelsorger Zischek stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Heimatvertriebenen hatte. Er sah sich quasi als Organisator für Hilfe, seine Mitbrüder und Flüchtlingsgeistlichen Mittler zu den Gläubigen. Zischeks Name ging als Gründer der Eichstätter Diözesanvertriebenenwallfahrt zur Kirche „Maria Brünnlein“ nach Wemding in die Annalen ein, wodurch er sich ein bis heute sichtbares Denkmal gesetzt hat. Die Wallfahrten erfüllten als religiöse Feier und zugleich landsmannschaftliche Versammlung eine Doppelfunktion. Die herkömmlichen Motive für das Pilgern, wie die Bitte um Gnade, Gottesnähe und Hilfe für verschiedene Anlässe, wurde mit der schicksalhaften Erfahrung von Vertreibung und Heimatverlust gepaart. Vertriebenenwallfahrten boten eine gute Gelegenheit zum Zusammentreffen einer Schicksalsgemeinschaft von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, als die Militärregierung noch am Zusammenschluss-Verbot der Vertriebenen festhielt.

    Bereits für die Pastoralkonferenz 1946 wies der einheimische Pfarrer Leonhard Übler von Nürnberg-Altenfurt darauf hin, dass durch die Genehmigung eigener Gottesdienste und Wallfahrten für Flüchtlinge das Verständnis der Bistumsleitung erkennbar würde und zugleich die einheimischen Katholiken für die seelische Situation der Vertriebenen sensibilisiert würden. In den ersten Jahren der Vertreibung waren es die großen Flüchtlingstage und vor allem die Wallfahrten, die den Menschen ein tiefes religiöses Erlebnis schenkten. Dadurch konnte ein Stück Heimat in der neuen Diözese wachsen. Wallfahrtsziele waren im Bistum Eichstätt: Abenberg, Wolframs-Eschenbach, Dietfurt und Beilngries, Raitenbuch bei Weißenburg.

    Der Eichstätter Bischof Michael Rackl nutzte die Flüchtlingswallfahrt am 27. Juli 1947 zum Grab der Seligen Stilla in Abenberg, um den Stellenwert der Flüchtlingsseelsorge im Bistum Eichstätt zu demonstrieren. Er sprach einige Worte des Trostes: „Vergesset nicht den Glauben an Gott, verzagt nicht in Eurem Leid, werft alle Sorgen auf den Herrn.“ Gleichzeitig ermunterte er die rund 3 000 Wallfahrer zur Treue und Weitergabe des elterlichen Glaubens. Bischof Rackl appellierte an die Eltern, dass sie ihren Kindern den Glauben mitgeben und ihnen deshalb eine „gediegene Ausbildung“ zukommen lassen sollten. Falls dies nicht möglich wäre, würde er persönlich helfen. Mit Duldung des Ortsbischofs wurde hier ein eigenes Herkunftsmilieu für Jahrzehnte aufgebaut, das sich aber nicht in Konkurrenz zur allgemeinen Pfarrseelsorge entwickelte, sondern als zusätzliches Angebot zum Teil bis heute besteht.

    Regelmäßig setzte der Eichstätter Ortsbischof die Thematik Flüchtlinge und Vertriebene auf die Tagesordnung der diözesanen Pastoralkonferenzen. Er wollte aus seinem Bistum wissen, wie der „gegenwärtige Stand der Flüchtlingsseelsorge in den Dekanaten“ ist. Er erkundigte sich nach der Zahl der Flüchtlinge, die Art ihrer Unterbringung, ihre religiös-sittliche Haltung und mancherorts auch nach leider vorhandenen Spannungen. Sein Nachfolger Bischof Josef Schröffer setzte die Flüchtlingsseelsorge sogar auf die Tagesordnung der Diözesansynode von 1952. Ihm ging es darum, dass sein Diözesanklerus den „neuen Pfarrkindern“ die „Einbürgerung in die neue religiöse und bürgerliche Gemeinschaft möglichst erleichtern und beschleunigen“ sollte. Nicht Assimilierung wünschte er, sondern die Bereicherung des einheimischen religiösen Brauchtums durch die Zugezogenen. Am Beispiel der Diözese Eichstätt wird deutlich, wie sich heimatvertriebene Priester in ihren neuen Bistümern organisierten, welche Hilfestellungen sie erfuhren und welche Hauptaufgaben sie zu bewältigen hatten. Nicht über jeden Bischof und Ortsgeistlichen jedoch dürften sich solch lobende Worte eines Chronisten finden wie über den Eichstätter Bischof Michael Rackl: „Besonders herzlich und fast unbegrenzt erwies sich seine Großmütigkeit gegenüber den aus dem Osten vertriebenen Priestern, denen er in seiner Diözese sofort Aufnahme und seelsorgliche Verwendungen vermittelte. Viele berichten heute noch mit Ergriffenheit, wie ihr Besuch bei Bischof Michael nach Wochen und Monaten tiefen Leids die erste beglückende Stunde für sie wurde, in der ihnen eine überwältigende menschliche Güte und Hilfsbereitschaft entgegenschlug. Noch heute ist die relativ hohe Priesterzahl der kleinen Diözese ein Segen dieser bischöflichen Weichherzigkeit, die keine Prüfungen und Bedenken zulassen, sondern nur helfen wollte.“

    Mit der Priesterzahl, der Güte und Hilfsbereitschaft von Bischof Rackl liegt der Chronist sicher richtig. Andererseits muss auch registriert werden, dass der Eichstätter Bischof auf eine dezidierte Integration der Flüchtlingsfamilien in die Pfarrverbände drängte. Er verpflichtete den heimatvertriebenen Klerus und Georg Zischek darauf, dafür Sorge zu tragen, „die Flüchtlinge der ordentlichen Pfarrseelsorge“ zuzuführen.

    Für seine Leistungen um die Vertriebenenseelsorge lobte ihn der spätere Eichstätter Bischof Alois Brems (1968–1983) wie folgt: „In der Zeit unmittelbar nach dem Krieg haben Sie durch Ihr Wirken eine Brücke geschlagen hin zu den heimatvertriebenen Gläubigen und den Seelsorgern, die aus den deutschen Ostgebieten stammen und in den Dienst der Diözese Eichstätt getreten sind.“

    Von Martin Kastler