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    Gier frisst die Seele auf

    Die Rede von der Sünde ist in mehrfacher Hinsicht in ein seltsames Zwielicht und in eine dezente Unbestimmtheit geraten, vielleicht auch, weil in der christlichen Predigt und Katechese der vergangenen dreißig Jahre kaum mehr von Sünde und Sünden die Rede war, nachdem in den Jahrzehnten zuvor das Pendel zur Gegenseite ausgeschlagen hatte und alles und jedes in den Ruch des Sündigen geriet. Wie so oft ist auch hier, bei der Rede von der Sünde, der Königsweg der Pfad der Tugend – jedoch: Wo liegt die goldene Mitte des richtigen Begriffes von Sünde?

    Die Rede von der Sünde ist in mehrfacher Hinsicht in ein seltsames Zwielicht und in eine dezente Unbestimmtheit geraten, vielleicht auch, weil in der christlichen Predigt und Katechese der vergangenen dreißig Jahre kaum mehr von Sünde und Sünden die Rede war, nachdem in den Jahrzehnten zuvor das Pendel zur Gegenseite ausgeschlagen hatte und alles und jedes in den Ruch des Sündigen geriet. Wie so oft ist auch hier, bei der Rede von der Sünde, der Königsweg der Pfad der Tugend – jedoch: Wo liegt die goldene Mitte des richtigen Begriffes von Sünde?

    Ein Blick zunächst auf die Herkunft des Wortes kann helfen. „Sünde“, etymologisch vermutlich in der deutschen Sprache mit dem germanischen Wort „Sund“ als Begriff einer Trennung von ursprünglich zusammengehörenden Teilen verwandt, meint in christlicher Sicht eine tief greifende und zutiefst verstörende Trennung des Geschöpfes vom Schöpfer. Und damit ist es ein Verstoß gegen das von Gott und zugleich von der menschlichen Vernunft vorgesehene und vorgeschriebene Gute. Mit der Sünde der Abwendung von Gott, jener Ursünde im Buch Genesis durch Adam und Eva und ihrem grundsätzlichen Zweifel an der genügenden Liebe Gottes, entstehen die vielen zwischenmenschlichen Sünden, zuerst in den verfestigten Haltungen oder Untugenden: Neid, Geiz, Hochmut, Zorn, Wollust, Habgier, Völlerei. Sodann folgen auf dem verseuchten Humus solcher verkehrter Haltungen die falschen Verhaltensweisen, die Handlungen: Lüge, Diebstahl, Ehebruch, sexueller Missbrauch, Mord, Folter.

    Wer den inneren Halt verliert, verliert auch die innere Haltung

    Es kann als erstes Ergebnis schon hier festgehalten werden: Wer zuerst den inneren Halt in Gott verliert, der verliert sodann auch die innere Haltung unbeirrter Gutheit und schließlich vollends das gute und liebende Verhalten. Wer sich als Mensch dauerhaft und willentlich, in freiem Entschluss, von Gott trennt, dessen Welt gerät langsam aber sicher aus den Fugen, weil alle Spannkraft und alle Sehnsucht sich nicht mehr auf Gott, sondern auf Menschen, auf sich selbst und auf materielle Dinge ausstreckt – und das führt zu vergeblicher Liebesmüh, schon deshalb, weil kein Mensch die ungeheuren Erwartungen eines Menschenherzens auch nur annähernd erfüllen könnte, von den materiellen Dingen ganz zu schweigen.

    Der heilige Augustinus bringt diese in der menschlichen Freiheit grundgelegte Möglichkeit zur Trennung von Gott prägnant auf den Punkt. Er unterscheidet nämlich außerhalb des Paradieses zwei Arten der Liebe, nämlich das Gott entsprechende zweckfreie Genießen (frui) und das dem Wesen Gottes widersprechende bloße Gebrauchen (uti): „Denn die Guten gebrauchen die Welt zu dem Zweck, um Gott zu genießen; die Bösen dagegen wollen Gott gebrauchen, um die Welt zu genießen, wenn sie denn überhaupt glauben, dass es ihn gibt und dass er sich um die menschlichen Verhältnisse kümmert.“ (De civitate Dei XV 7) Im Hintergrund dieser messerscharfen Analyse des Augustinus, der freilich auch biografisch wusste, wovon er sprach, steht der Geiz. Nicht irgendein beliebiger Geiz, sondern ganz konkret der Geiz des Kain, denn, so Augustinus, mit Kain kommt zum ersten Mal nach dem Sündenfall und außerhalb des Paradieses das Böse als böse Tat in die Welt. Wie das? Kain schenkt Gott nämlich nicht seine ganze und vollkommene Liebe, sondern er will lediglich die Gunst Gottes erkaufen durch sein Opfer. Wenn Pascal in seinen „Pensées“ einmal bemerkt, eigentlich liebten wir niemals wirklich einen anderen Menschen, sondern immer nur seine uns angenehmen oder nützlichen Eigenschaften, dann klingt diese bittere Bemerkung auch in dieser augustinischen Auslegung der Sünde Kains an: Kain liebt Gott nicht als Gott, sondern insofern er ihm günstiges Wetter oder irdische Vorteile verschafft.

    Deswegen ist Kains Opfer dem Herrn nicht wohlgefällig, „weil Kain insofern schlecht teilte, als er Gott zwar etwas von dem Seinen gab, aber nicht sich selbst. Das tun alle, die nicht Gottes Willen folgen, sondern ihrem eigenen, demnach nicht rechtschaffenen, sondern verkehrten Herzens leben und dennoch Gott eine Gabe darbringen, seine Gunst zu erkaufen, dass er ihnen behilflich sei, nicht etwa ihre bösen Begierden abzulegen, sondern sie zu befriedigen.“ De civitate Dei XV 7) Und daraus sieht Augustinus dann in überraschend moderner Auslegung geradezu zwei grundverschiedene Arten von menschlicher Lebensweise, von Zivilisation oder Sozialordnung entstehen, nämlich die „civitas Dei“ und die „civitas terrena“: „Demnach wurden die beiden Staaten durch zweierlei Liebe begründet, der irdische durch Selbstliebe, die sich bis zur Gottesverachtung steigert, der himmlische durch Gottesliebe, die sich bis zur Selbstverachtung erhebt. Jener rühmt sich seiner selbst, dieser rühmt sich des Herrn. Denn jener sucht Ruhm von Menschen, dieser findet seinen Ruhm in Gott, dem Zeugen des Gewissens.“ (De civitate Dei XIV 28) So steht der Geiz in der Tat an der Wurzel aller weiteren Sünden, gerade deshalb, weil der Geiz für die Kirchenväter (und auch für Thomas von Aquin) das Sinnbild der selbstzentrierten narzisstischen Liebe schlechthin ist: So wie der Narziss der griechischen Mythologie bestochen und betört von sich selbst ist und am Ende verhungert, so ist der Geizige bestochen und betört von seinem Besitz und verhungert am Ende seelisch und geistig.

    Jede Wurzelsünde, die als Todsünde auf Dauer den Tod der liebenden Seele verursacht, wurzelt ihrerseits im nagenden Zweifel an der Liebens-Würdigkeit der eigenen Person und folglich auch jeder anderen menschlichen Person. Verfestigt sich diese „Sünde wider den Heiligen Geist“, wie jene alles zerstörende und vergiftende Haltung im Neuen Testament genannt wird, so folgt daraus letztlich die Abschaffung und der Tod des Menschen selbst, jedenfalls insofern er als ein beseeltes und sinnsuchendes Wesen verstanden wird, und nicht einfach nur als funktionierende Maschine. Der große englische anglikanische Theologe und Schriftsteller C. S. Lewis hat schon 1944 in seinem Buch „The abolition of man“ (dt.: Die Abschaffung des Menschen, Johannes Verlag Einsiedeln 1984) auf diese schleichende Versuchung und Gefährdung der westlichen Konsumgesellschaft hingewiesen. Darin genau läge in der Tat die radikalste Sünde und die tiefste Schuld eines menschlichen Lebens, nämlich in der Versuchung zu radikaler Interesselosigkeit an Gott, am Mitmenschen und an sich selbst. Möglicherweise ist nämlich gar nicht der Hass das wirkliche Gegenteil der Liebe, denn der Hass kann verwandelt werden zu Liebe. Das Wesen des Bösen ist wahrscheinlich die Interesselosigkeit, die innere Versteinerung eines Menschen, der längst verlernt hat, sich und den Mitmenschen zu lieben, weil er sie nur noch für zuweilen unterhaltsame oder nützliche Nippesfiguren auf dem Spielbrett der eigenen Überlebensstrategie hält – vom Interesse an Gott ganz zu schweigen!

    Verführt uns der Kapitalismus zum Bösen?

    Diese radikale, im Herzen des Menschen als Möglichkeit schlummernde und alles mit dem erstickenden Ölfilm des Desinteresses überziehende Lieblosigkeit kann sich freilich auch tarnen als verwirrte Liebe des Haben-Wollens, der materiellen oder geistigen Raffgier, die wiederum mit Geiz einhergeht. Einer rafft Geld, ein anderer Bekannte, ein dritter Orden, wieder ein anderer nutzbringende Beziehungen oder doch wenigstens Visitenkarten – nichts ist sicher vor dem süchtigen Zugriff. Dies zeigt auf erschütternde Weise die Darstellung der Gott im Wege stehenden Mutter- und Gattenliebe bei C. S. Lewis in seinem Buch „Die große Scheidung“: „Aber was wir Liebe nannten da unten, das war zum größten Teil ein Verlangen danach, geliebt zu werden: weil ich deiner bedurfte.“ (Einsiedeln 1984, 121)

    Solche seelische Teilnahmslosigkeit und Lieblosigkeit wird in der kirchlichen Tradition seit Papst Gregor dem Großen (590–604) und seinem bahnbrechenden Werk „Moralia in Job“ im Rückgriff auf Überlegungen der Wüstenväter in der aufgefächerten Form von sieben Todsünden beschrieben: Zorn, Faulheit, Wollust, Geiz, Neid, Völlerei und Stolz. Es handelt sich nicht so sehr um Tatsünden, als vielmehr um Haltungssünden, also in Parallele zu den sieben Tugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß, Glaube, Liebe, Hoffnung) um innerliche Haltungen und Begehrlichkeiten. Dies wird besonders gut an Geiz, Neid und Stolz deutlich: modern gesprochen sind dies Motivationen unseres Inneren, Strebungen und Sehnsüchte, die eben zur alles beherrschenden Sucht werden können.

    Am Ende bleibt freilich die bange Frage: Ist der Mensch in der Lage, solche Süchte nach Selbstbestätigung durch Anhäufung materieller Güter zu beherrschen und zu kontrollieren? Und weiter, im Blick auf die Wirtschaftsethik: Verführt nicht unser kapitalistisches Wirtschaftssystem mit den Anreizen durch Geld und Güter zur immer unbeherrschteren Sucht nach materiellen Gütern, statt nach wirklicher Liebe zu streben? Auf beide Fragen ist zunächst ganz einfach mit „Ja, aber“ zu antworten. Nämlich: Ja, der Mensch ist in der Lage, sich und seine Sucht, seine Gier nach Anerkennung und Bestätigung zu kontrollieren – aber nur, so die christliche Überzeugung, im Blick auf Gott und in der ständigen Bindung an ihn! Ausrotten wird kein Mensch je die Gier nach äußerer Befriedigung der Bedürfnisse; beherrschen hingegen kann und soll er sie. Auch Jesus von Nazareth wird vom Teufel in der Wüste in Versuchung geführt und bleibt doch standhaft.

    Jeder von uns kennt die Versuchung durch Geld und Anerkennung und Sex und Macht. Vor aller moralischen Anstrengung steht das Heilmittel des Gebetes: Wer sich dem Blick Gottes ehrlich und demütig aussetzt, regelmäßig und im persönlichen Gespräch von Freund zu Freund, der erkennt mehr und mehr den Unsinn des tagtäglichen Karnevals der Eitelkeiten, der vergeblichen Befriedigung durch vergängliche Güter, der oberflächlichen Stillung von Bedürfnissen. Dem Gebet folgt die Bereitschaft zur ehrlichen Gewissenserforschung, die regelmäßige Beichte, die Teilnahme an der Heiligen Messe, kurz: sich der wirksamen Gnade Gottes in den Sakramenten anzuvertrauen. Und dann folgt der mühsame tägliche kleine Kampf gegen die ganz persönlichen Versuchungen, das nüchterne Sichten der Sollbruchstellen der eigenen Persönlichkeit, die Aufmerksamkeit auf schleichende innere Verwahrlosung als erstes Abgleiten in unzuträgliche Befriedigung kleinerer und größerer Süchte.

    Was von der Angst vor Verarmung befreit

    Und auch die zweite Frage kann so beantwortet werden: Ja, das Wirtschaftssystem neigt zur Vergötzung des Geldes und fördert so unsere falsche Abhängigkeit von materiellen Gütern und unseren unterschwelligen Narzissmus. Aber wiederum: Nicht eine Abschaffung des Wirtschaftssystems kann das Heilmittel sein – was sollte an seine Stelle treten? Die Zähmung und Kontrolle, damit eine wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft den Grundbedürfnissen aller Menschen diene, das ist das Gebot der Stunde. Und wiederum wird deutlich: Ohne eine Bindung an Gott und ohne die Mühe um hingebende Liebe verkommt der Kapitalismus auf Dauer zum Kampf aller gegen alle.

    Daher lebt der Kapitalismus von der Kontrolle und von der Zähmung, dann ist er ein geeignetes Instrument zur Befriedigung der Bedürfnisse. Das freilich kann immer nur ein Zwischenziel sein. Wer meint, ein gut funktionierender Kapitalismus bringe den Himmel auf die Erde, hat den Menschen gründlich missverstanden. Denn: Der Mensch lebt nicht von Brot und Gütern allein. Wenn die Gier nach Geld und Gold alles beherrscht, wenn der Geiz den Blick auf den Bruder und den Mitmenschen trübt, dann lebt der Mensch an sich vorbei. Und das ist Sünde: dauernde Verfehlung des von Gott uns gesetzten und geschenkten Zieles, nämlich durch Hingabe das zu finden, was kein Mensch herstellen kann – frei geschenkte und dankbar empfangene Liebe. Dies allein ist das letzte Ziel, alles andere vergeht. Wenn Geiz und Gier als besonders exaltierte Formen der Selbstverwirklichung verstanden werden, dann hat das Böse sein Ziel erreicht. Und das dürfte nicht geschehen. Dagegen bedarf es der ständigen Einübung in ein Leben gelassener Freigebigkeit, weil man sich von Gott freigebig beschenkt und geliebt weiß, und daher jeder Angst vor innerer oder äußerer Verarmung auf ewig enthoben ist.

    Von Professor Peter Schallenberg