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    Feier der Gegenwart des Auferstandenen

    Im Vorwort der Konstitution über die heilige Liturgie heißt es, dass das Konzil sich zum Ziel gesetzt hat, „das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen“ (SC 1). Sind die Absichten des Konzils verwirklicht worden? Kardinal Kurt Koch hat in einem vor nicht langer Zeit geschriebenen Artikel festgestellt, dass zwar kein Zweifel darüber bestehe, dass die nachkonziliare Liturgie viele gute Früchte gebracht habe, weshalb man sie als „die sichtbarste Frucht“ und als „das dauerhafteste Werk des Konzils“ gewürdigt hat. Das gelte vor allem von den Anweisungen der Liturgiekonstitution zur Erneuerung der liturgischen Riten und von der nach dem Konzil durchgeführten Reform. Was aber den theologischen Ansatz betrifft, sei die Liturgiekonstitution bis heute nicht wirklich rezipiert worden. In die gleiche Richtung weisen vor allem die großen Bedenken, die Papst Benedikt schon vor vielen Jahren als Professor, später als Präfekt der Glaubenskongregation und schließlich als Papst wiederholt zum Ausdruck gebracht hat.

    Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt: „Sooft das Kreuzesopfer, in dem Christus, unser Opferlamm, dahingegeben wurde (1 K... Foto: KNA

    Im Vorwort der Konstitution über die heilige Liturgie heißt es, dass das Konzil sich zum Ziel gesetzt hat, „das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen“ (SC 1). Sind die Absichten des Konzils verwirklicht worden? Kardinal Kurt Koch hat in einem vor nicht langer Zeit geschriebenen Artikel festgestellt, dass zwar kein Zweifel darüber bestehe, dass die nachkonziliare Liturgie viele gute Früchte gebracht habe, weshalb man sie als „die sichtbarste Frucht“ und als „das dauerhafteste Werk des Konzils“ gewürdigt hat. Das gelte vor allem von den Anweisungen der Liturgiekonstitution zur Erneuerung der liturgischen Riten und von der nach dem Konzil durchgeführten Reform. Was aber den theologischen Ansatz betrifft, sei die Liturgiekonstitution bis heute nicht wirklich rezipiert worden. In die gleiche Richtung weisen vor allem die großen Bedenken, die Papst Benedikt schon vor vielen Jahren als Professor, später als Präfekt der Glaubenskongregation und schließlich als Papst wiederholt zum Ausdruck gebracht hat.

    Worum geht es, worin bestehen die wesentlichen Fragen? Mein Vorhaben in diesem Beitrag ist nicht so sehr, einfach die Bedeutung der Eucharistie und ihr Verständnis im Zweiten Vatikanischen Konzil darzustellen, sondern jene Aspekte des Glaubens aufzuzeigen, die für das Glaubensverständnis der Eucharistie konstitutiv sind, aber zugleich grundlegend für das Glaubensverständnis der Kirche und ihrer Sendung sowie für die Wirksamkeit ihrer Priester und aller Gläubigen.

    In der Konstitution über die heilige Liturgie wird im 1. Kapitel einiges über das Wesen der Liturgie und ihre Bedeutung für das Leben der Kirche ausgesagt: Ausgangspunkt ist der Heilswille Gottes, der in früheren Zeiten vielfach und in vielerlei Weisen durch die Propheten zu den Vätern gesprochen, dann aber in der Fülle der Zeit seinen Sohn, das fleischgewordene Wort, gesandt hat. Er hat das Werk der Erlösung erfüllt, besonders durch das Pascha-Mysterium: zu ihm gehören sein Leiden, seine Auferstehung von den Toten und seine glorreiche Himmelfahrt (vgl. SC 5).

    Zentrum der Liturgie ist das Pascha-Mysterium

    Die Apostel haben nicht nur die Aufgabe übernommen, das Evangelium zu verkünden; ihre Aufgabe ist es auch, das von ihnen verkündete Heilswerk zu vollziehen durch Opfer und Sakrament. Um das kreist das ganze liturgische Leben (vgl. SC 6). Wie geschieht das? Durch die Taufe werden die Menschen in das Pascha-Mysterium eingeführt. „Mit Christus gestorben, werden sie mit ihm begraben und mit ihm auferweckt. Sie empfangen den Geist der Kindschaft, 'in dem wir Abba, Vater, rufen' (Röm 8,15) und so zu wahren Anbetern werden. Ebenso verkünden sie, so oft sie das Herrenmahl genießen, den Tod des Herrn, bis er wiederkommt.“ Weiter heißt es wörtlich: „Seither hat die Kirche niemals aufgehört, sich zur Feier des Pascha-Mysteriums zu versammeln, dabei zu lesen, 'was in allen Schriften von ihm geschrieben steht' (Lk 24,27), die Eucharistie zu feiern, in der 'Sieg und Triumph seines Todes dargestellt werden', und zugleich 'Gott für die unsagbar große Gabe Dank zu sagen' (2 Kor 9,15) in Christus Jesus 'zum Lob seiner Herrlichkeit' (Eph 1,12).“ Sehr wesentlich ist der nachfolgende Satz: „All das aber geschieht in der Kraft des Heiligen Geistes“ (SC 6).

    Es kommt dann zu einer Präzisierung: „Um dieses große Werk zu verwirklichen, ist Christus seiner Kirche immerdar gegenwärtig, besonders in den liturgischen Handlungen.“ (SC 7). Und es wird beschrieben, wie er gegenwärtig wird: „Gegenwärtig ist er im Opfer der Messe sowohl in der Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht... wie vor allem unter den eucharistischen Gestalten. Gegenwärtig ist er mit seiner Kraft in den Sakramenten, sodass, wann immer einer tauft, Christus selber tauft. Gegenwärtig ist er in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die Heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden. Gegenwärtig ist er schließlich, wenn die Kirche betet und singt, er, der versprochen hat: 'Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen' (Mt 18,20)“ (SC 7).

    Zentrum der Liturgie ist also das Pascha-Mysterium, Jesus Christus selbst. Die Liturgie ist Vollzug des Priesteramtes Christi, an dem alle getauften Gläubigen aktiv teilnehmen. Aber in der Liturgie erschöpft sich nicht das ganze Tun der Kirche, „denn ehe die Menschen zur Liturgie hintreten können, müssen sie zu Glauben und Bekehrung gerufen werden“. Dennoch ist die Liturgie „der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“ (SC 10). Andererseits spornt die Liturgie die Gläubigen an, ein Herz und eine Seele zu sein, die Nächstenliebe zu üben, das Leben, die Arbeit als geistliches Opfer darzubringen.

    In der Dogmatischen Konstitution über die Kirche (Lumen gentium) werden diese Zusammenhänge ausführlicher entfaltet. Der Eucharistie kommt eine zentrale Bedeutung zu: Schon im 1. Kapitel, wo es um die Beschreibung des Wesens der Kirche geht, heißt es: „Sooft das Kreuzesopfer, in dem Christus, unser Opferlamm, dahingegeben wurde (1 Kor 5,7), auf dem Altar gefeiert wird, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung. Zugleich wird durch das Sakrament des eucharistischen Brotes die Einheit der Gläubigen, die einen Leib in Christus bilden, dargestellt und verwirklicht...“ (LG 3), und weiter unten bei der Beschreibung der Kirche als Leib Christi: „In jenem Leib strömt Christi Leben auf die Gläubigen über, die durch die Sakramente auf geheimnisvolle Weise mit Christus, der gelitten hat und verherrlicht ist, vereint werden“ (LG 7). Durch die Taufe werden die Gläubigen Christus gleichgestaltet.“ Und: „Beim Brechen des Brotes erhalten wir wirklich Anteil am Leib des Herren und werden zur Gemeinschaft mit ihm und untereinander erhoben“ (LG 7).

    Wichtig ist auch die Aussage: „Die an Christus glauben, werden zu einem auserwählten Geschlecht, zu einem königlichem Priestertum.“ (LG 9) Die Teilnahme am gemeinsamen Priestertum wird bezüglich Taufe und Firmung, aber auch Eucharistie ausführlich dargelegt: „In der Teilnahme am eucharistischen Opfer, der Quelle und dem Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens, bringen sie so das göttliche Opferlamm Gott dar und sich selbst mit ihm“ (LG 11). In den folgenden Kapiteln werden das Bischofs- und Priesteramt sowie die allgemeine Berufung zur Heiligkeit beschrieben und aufgezeigt, wie dadurch die Kirche wirksam wird.

    Im Dekret über das Apostolat der Laien wird verdeutlicht, dass die Fruchtbarkeit ihres Apostolates „von ihrer lebendigen Verbundenheit mit Christus abhängt“ (AA 4), und das Dekret über den Dienst und das Leben der Priester zeigt eindrucksvoll, wie sehr der gesamte Dienst des Priesters christusbezogen ist, einzig und allein von Christus her Wirksamkeit erhält und als Ziel hat, Christus und seinem Leib zu dienen. Deshalb kommt ihm auch eine ganz besondere Verantwortung zu in der Verkündigung und bei der Spendung der Sakramente. Welches sind in den Aussagen des Konzils die wesentlichen Punkte, bei deren Rezeption nach dem Konzil Schwierigkeiten aufgetreten sind beziehungsweise Defizite vorliegen? Ich folge meinen Ausführungen vor allem den Darlegungen Kardinal Kochs in dem bereits erwähnten Artikel, und den Aussagen Papst Benedikts XVI. in seinem Buch über den Geist der Liturgie.

    Grundlegend für das Verständnis der Eucharistie, der Liturgie und des Wesens der Kirche ist der Glaube an die „epikletische Gegenwart des Auferstandenen“. Was ist damit gemeint? In der Liturgiekonstitution steht nach der Darlegung, dass die Kirche niemals aufgehört hat, sich zur Feier des Pascha-Mysteriums zu versammeln, der wichtige Satz: „All das geschieht in der Kraft des Heiligen Geistes“ (SC 6). Die Epiklese ist die Bitte um das Wirken des Heiligen Geistes, damit die Gaben der Kirche, Brot und Wein (und die Gaben, die sie versinnbildlichen, das sind wir selbst und jene, für die wir beten) verwandelt werden in Leib und Blut des Herrn. Christliche Liturgie ist zutiefst die Feier der Gegenwart des Auferstandenen. Paulus hat das Herrenmahl als „Kyriakon deipnon“ (1 Kor 11,20) bezeichnet, als das Mahl, das zum Herrn gehört und von ihm ausgeht. Dahinter steht die Überzeugung, dass die christliche Gemeinde bei den liturgischen Feiern ihren Herrn als gegenwärtig erfährt, und zwar als den Auferstandenen. Mit diesem Glauben steht und fällt die Liturgie und vor allem die Feier der Eucharistie.

    Kardinal Koch sagt: „Ohne diesen Glauben an den in seinem Geist gegenwärtigen Auferstandenen wäre die Liturgie nichts anderes als ein Totenkult und ein weiterer Ausdruck unserer Trauer über die Allgegenwart und Allmacht des Todes in der heutigen Welt“ (Liturgie als Mitte des christlichen Lebens S 39). Er fügt hinzu: „Dass dieser Glaube heute teilweise selbst in der Kirche nicht mehr geteilt wird, kann man am deutlichsten daran ablesen, dass von der Eucharistie nur noch die Agape, die Mahlgemeinschaft der konkreten Gemeinde bleibt.“ Er sieht einen engen Zusammenhang zwischen der Krise der Liturgie und der Kirche mit einer Krise des Christusglaubens. Mit Recht sei darauf hingewiesen worden, dass die heutigen Tendenzen zur „Entchristologisierung“ der liturgischen Gebetssprache auch die „Entsakramentalisierung“ der Liturgie nach sich ziehen.

    Es ist grundlegend, sich bewusst zu machen, was gemeint ist, wenn die Liturgiekonstitution sagt, dass sich „in der Liturgie, besonders im heiligen Opfer der Eucharistie, das Werk der Erlösung vollzieht“ (SC 2). In der Liturgie wird nicht einfach an ein Geschehen in der Vergangenheit erinnert. In der Liturgie wird „durch Erinnern im biblischen Sinn Vergangenheit Gegenwart und Vergangenes vergegenwärtigt“.

    Auch in der jüdischen Liturgie finden wir bereits in ihrer Art, das Paschamahl zu feiern, ein ähnliches Verständnis. In der christlichen Liturgie werden die Geheimnisse des Lebens Jesu im Verlauf des Kirchenjahres vergegenwärtigt: So wird in der Messe beim Gedächtnis an das letzte Abendmahl im Hochgebet bei der Einleitung der Wandlungsworte „in der Nacht, da er verraten wurde“ eingefügt: „Das ist heute“. Und zu Weihnachten heißt es in der Magnifikat-Antiphon: „Hodie Christus natus est“. Und zu Pfingsten „Heute erschien der Heilige Geist im Zeichen des Feuers“.

    Kreuz und Auferstehung sind hier untrennbar verbunden

    In der Eucharistie ist diese Gegenwart konstitutiv. So betont Kardinal Koch, „dass zur Grundstruktur christlicher Liturgie die Memoria des Erlösungswerkes im Sinne der vergegenwärtigten Vergangenheit konstitutiv gehört“. Auch das ist eine wichtige Präzisierung im Sinne des Glaubens der Kirche an die reale Gegenwart des Herrn mit Leib und Blut unter den Gestalten von Brot und Wein nach vollzogener Wandlung und damit untrennbar verbunden die Vergegenwärtigung des Opfers am Kreuz.

    Das Werk der Erlösung findet in der Sicht der Liturgiekonstitution seinen Koordinationspunkt im Pascha-Mysterium, wobei bewusst sein muss, dass im Pascha Jesu Kreuz und Auferstehung untrennbar miteinander verbunden sind. Professor Haunerland weist darauf hin, dass auch diesbezüglich eine Neigung zur Verkürzung besteht, wie der bis jetzt sich hartnäckig haltende Missbrauch zeigt, die Messe für Verstorbene als Auferstehungsfeier zu bezeichnen.

    Ich denke auch an die Aussage eines Bischofs eines ehemals kommunistischen Landes, das sogar in den Zeiten des Kommunismus viele Priesterberufe hatte und auch jetzt noch hat. Auf die Frage, wie er es sich erkläre, dass sie so viele Berufungen haben und wir so wenige, antwortete dieser Bischof, nach seiner Vermutung liege der Grund darin, dass sie, so gut sie konnten, nahe beim Kreuz ausgeharrt haben, dass man aber im Westen nach seinem Eindruck das Kreuz zur Seite gestellt hat. Mir scheint, dass er nicht unrecht hat. Im Pascha Jesu sind Kreuz und Auferstehung untrennbar miteinander verbunden. Das Pascha-Mysterium bildet den Mittelpunkt der Eucharistie und macht so sehr ihr eigentliches Wesen aus, dass sie damit steht und fällt. Das ist ein Punkt, den auch Papst Benedikt XVI. als ganz wesentlich hervorhebt.

    Das innerste Wesen christlicher Liturgie lässt sich begreifen als lebendige Kommunikation zwischen Gott und den Menschen. Kardinal Kurt Koch definiert ihn so: „Dieser heilsgeschichtliche Dialog vollzieht sich zwischen der gnädigen Zuwendung Gottes zu uns Menschen und der gläubigen Antwort des Menschen an Gott“. Zu seinem Gelingen brauche es drei Schritte: Den ersten Schritt setzt Gott. Im heilsgeschichtlichen Dialog geht alle Initiative von Gott aus, der sich selbst als Schöpfer und Erlöser den Menschen in Liebe zuwendet. Christlicher Gottesdienst ist zu verstehen als katabatischer Dienst Gottes am Leben des Menschen. Gott steigt herab, sucht den Menschen. Gottesdienst ist zunächst „seine Liturgie an uns, sein Werk für uns Menschen, die er liebt, für die er seinen eigenen Sohn dahin gegeben hat und die er zum Ewigen Leben in der Gemeinschaft des Himmels führen will“. Kardinal Koch sagt weiter: „Christliche Liturgie kann deshalb nur dann zur Begegnung mit Gott führen, wenn die Initiative dazu von ihm ausgeht: Christus, und in und durch ihn und mit ihm der dreieinige Gott, begegnet in der Liturgie seiner Gemeinde“.

    Die Feier der Liturgie setzt unabdingbar Glauben voraus

    Diese Zuwendung kommt in den Lesungen und im Evangelium zum Ausdruck. In ihnen ergeht das Wort Gottes als Anruf an die versammelten Gemeinden und zwar im Sinne des befreienden Zuspruchs wie des verpflichtenden Anspruchs. Da das Wort Gottes auf Grund des fundamentalen Glaubensgeheimnisses der Menschenwerdung Gottes immer ein sakramentales Wort ist, ereignet sich Gottes Zuwendung zu uns Menschen andererseits in einer besonders verdichteten Weise in den sakramentalen Grundvollzügen der Kirche, in denen das Heilsgeschehen im biblischen Sinn memoriert und damit vergegenwärtigt wird.

    Damit ein heilsgeschichtlicher Dialog entsteht, ist weiters erforderlich, dass die Menschen eine gläubige Antwort geben. Das ist der zweite Schritt. Auf sich allein gestellt könnte das der Mensch gar nicht. Christus kann es, weil er der menschgewordene Sohn Gottes ist. Und Er ermöglicht es uns, weil er Himmel und Erde versöhnt hat. Vereint mit ihm, mit seinem Opfer, wird es uns möglich. Durch die Eucharistie können wir uns dankend, lobpreisend und anbetend Gott zuwenden. Diese unmittelbar an Gott gerichtete Antwort der versammelten Gemeinde artikuliert sich in der Berakha, zuhöchst im Lobpreis des eucharistischen Hochgebetes. Die Feier der Liturgie setzt deshalb unabdingbar Glauben voraus. Für sie ist außerdem Verbindlichkeit ein Wesensmerkmal. Deshalb beruht „die wahre Größe der Liturgie“, wie Papst Benedikt schon als Kardinal geschrieben hat, auf ihrer „Unbeliebigkeit“.

    Gemeinsame Verinnerlichung als die Überlebensfrage

    Es braucht noch einen dritten Schritt: „Zeit und Lebensraum, um die Selbstzuwendung Gottes innerlich wahrnehmen zu können und die Glaubensantwort an Gott vorzubereiten“, so Kardinal Koch. Gemeint ist eine meditative Haltung des betenden Nach- und Mitvollziehens. Im Mittelpunkt steht die Gegenwart des lebendigen Gottes, der so vieles für uns getan hat. In den Dienst Gottes an uns werden wir Menschen miteinbezogen. Entscheidend wichtig aber bleibt, dass die Liturgie der Kirche in erster Linie das Werk Gottes für uns ist und erst von daher zum Werk des Menschen werden kann. Kardinal Koch sagt, dass wir nur mit diesem Primat der Liturgiereform des Zweiten Vatikanums treu bleiben!

    So können wir auch besser verstehen, was mit „voller, bewusster und aktiver Teilnahme der Gläubigen“ an der Liturgie gemeint ist. Es zählt in erster Linie die innere Teilnahme im meditativen Nachvollzug und Gebet. Wenn das Konzil den Wunsch hatte, „dass die Texte verbessert und die Zeichen vereinfacht und für das heutige Empfinden leichter verständlich werden, dann deshalb, damit das Volk Gottes sie möglichst leicht erfassen und in voller, tätiger und gemeinschaftlicher Teilnahme mitfeiern kann“ (SC 21). Dieser innere Mitvollzug ist das Entscheidende, das allem äußeren Mitwirken erst den wahren Sinn zu geben vermag. Papst Benedikt hat deshalb die „gemeinsame Verinnerlichung“ im Sinne der Befähigung der Gläubigen zu einem höchst aktiven inneren Mitvollzug des liturgischen Geschehens als „Überlebensfrage“ der Liturgie als Liturgie bezeichnet.

    Im Zusammenhang mit dem katabatischen und anabatischen Charakter der liturgischen Kommunikation sind aber noch zwei weitere Punkte zu bedenken: Gerade beim Bedenken des soeben Gesagten wird deutlich, dass Liturgie ein elementar kirchliches Geschehen ist. Sie ist nicht eine Aktivität unter anderen, sondern der zentrale Grundvollzug. Von der liturgischen Versammlung kommt der Begriff „ecclesia“. Dieser Begriff leitet sich her vom jüdischen Verständnis der Versammlung, um zu hören, was Gott will. Das Urbild war die Versammlung am Fuß des Berges Sinai.

    Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die sich von Christus zur gottesdienstlichen Versammlung und zum Lobe Gottes zusammenrufen lassen, und zwar so sehr, dass Kirche und Liturgie im Letzten identisch sind. Die Liturgie ist die dynamische Mitte. Dies gilt ganz besonders von der Eucharistie, von der her die Kirche immer wieder neu entsteht. „Indem die Kirche den eucharistischen Leib Christi empfängt, wird sie selbst in den Leib Christi verwandelt, wie dieses doppelt-eine Geheimnis des Leibes Christi Augustinus auf die schöne Kurzformel gebracht hat: 'Wenn ihr selbst also Leib Christi und seine Glieder seid, dann liegt auf dem eucharistischen Tisch euer eigenes Geheimnis... ihr sollt sein, was ihr seht, und empfangen, was ihr seid' (Augustinus, Sermo 272). Leib Christi kann die Kirche nur werden/sein, wenn sie immer wieder Eucharistie feiert und den Leib Christi empfängt.“ Die dramatische Verringerung der Teilnahme am Sonntagsgottesdienst in den vergangenen Jahrzehnten trifft deshalb die Kirche in ihrem Kern viel mehr, als viele bisher vermutet haben.

    Für das konziliare Liturgieverständnis ist von entscheidender Bedeutung, dass der auferweckte und erhöhte Christus das eigentliche Subjekt der Liturgie und der eigentliche Zelebrant ist. Das bedeutet aber nicht, dass Christus das exklusive Subjekt der Liturgie wäre. Der in der Liturgie real und personal gegenwärtige Christus bezieht vielmehr inklusiv die Kirche in sein gottesdienstliches Handeln ein. Die Kirche ist deshalb als Ganze, als der sakramentale Leib Christi, Träger und Subjekt des Gottesdienstes. Da nämlich Christus sein Priesteramt im liturgischen Handeln der Kirche wirksam fortdauern lässt, ist die Kirche das von Christus abhängige und auf ihn ganz hingeordnete sekundäre Subjekt der liturgischen Gedächtnisfeier.

    Der kirchlich-liturgische Vollzug des Priesteramtes Christi ist die Sendung des ganzen Gottesvolkes und die Kirche ist in ihrer Gesamtheit Träger des priesterlichen Wirkens Jesu Christi. In diesem Sinne heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche „In einer Liturgiefeier ist die ganze Gemeinde 'Liturge', ein jeder gemäß seiner Aufgabe. Das Priestertum der Getauften ist das Priestertum des ganzen Leibes Christi“ (KKK 1188). Der Katechismus fügt hinzu: „Einzelne Gläubige empfangen das Sakrament der Weihe, um Christus als das Haupt des Leibes zu vergegenwärtigen.“

    Das ist wichtig. Denn, damit der Kirche deutlich vor Augen bleibt, dass die Liturgie nicht einfach eine kirchliche Veranstaltung ist, und dass nicht sie, sondern der auferweckte und erhöhte Christus das primäre Subjekt der liturgischen Feier ist, ist sie auf das geweihte Amt angewiesen. Der Amtsträger ist in der Liturgie nicht nur Repräsentant der Kirche, der er vorsteht, sondern er ist auch Repräsentant Christi, der der Gemeinde gegenüber steht. Der Priester spricht und handelt „in persona Christi“, nämlich aus dem Sakrament heraus. Er verbürgt, dass es Christus ist, der redet und handelt. Er ist ein Zeichen für Christus.

    Der Priester macht den Herrn sakramental zugänglich

    Der Kern seines Dienstes besteht dabei nicht in der Stellvertretung eines Abwesenden, er hat eine „ikonographische“ Funktion: Er hat die Aufgabe, für seine Schwestern und Brüder den unsichtbar gegenwärtigen und hohepriesterlich wirkenden Herrn abzubilden, ihn sakramental, den Sinnen zugänglich zu machen. Dabei ist Voraussetzung, dass er nicht bloß eigene Gedanken vorträgt, sondern das Evangelium, so wie es von der Kirche vermittelt werden muss, und dass er die liturgische Handlung in der Haltung und in der Form vollzieht, wie es der Absicht und dem Willen der Kirche beziehungsweise der Absicht und dem Willen Christi entspricht.

    Papst Benedikt hat diese komplexen Zusammenhänge so zusammengefasst: „Weder der Priester für sich noch die Gemeinde für sich ist Träger der Liturgie, sondern der ganze Christus ist es, Haupt und Glieder; der Priester, die Gemeinde, die Einzelnen sind es, insoweit sie mit Christus geeint sind und insofern sie ihn in der Gemeinschaft von Haupt und Gliedern darstellen. In jeder liturgischen Feier ist die ganze Kirche, sind Himmel und Erde, Gott und Mensch beteiligt, nicht nur theoretisch, sondern ganz real“ (Joseph Ratzinger, „Im Angesicht der Engel will ich dir singen“).

    Welche Folgerungen können wir aus diesen Erwägungen ziehen? Worin besteht die Reform der Reform, die Papst Benedikt anstrebt?

    Es gibt zwei Fehlhaltungen, die von Anfang an im Blick behalten werden müssen: Die eine sieht im Zweiten Vatikanischen Konzil das Übel aller Übel, meint, darin die Ursache aller Fehlentwicklungen in den letzten Jahrzehnten zu erkennen. In Wirklichkeit war das Konzil ein prophetisches Wort am Ende des 20. Jahrhunderts und an der Schwelle einer neuen Epoche.

    Es gibt aber auch eine zweite Fehlhaltung, die zu überwinden ist: Für sie ist schon die Bulle „Summorum Pontificum“ „eine nicht verzeihbare Todsünde“ (Kardinal Koch) und sie betrachtet die bis jetzt vollzogene Liturgiereform als wäre sie das „non plus ultra“, als gäbe es keine Weiterentwicklungs- und Vertiefungsmöglichkeit. Das stimmt so auch nicht.

    Notwendig ist als Ansatz das gläubige Erkennen und das anbetende Tun in Liturgie und Alltag. Die Wiederentdeckung der mancherorts neu auflebenden eucharistischen Anbetung außerhalb der Eucharistiefeier ist – sofern sie die Beziehung zur Eucharistiefeier wahrt – eine positive Entwicklung. Die Haltung der Anbetung ist aber bei der Eucharistiefeier selber von größter Bedeutung, denn das Hochgebet selbst ist Anbetung schlechthin – der Kirche und der ganzen Menschheit.

    Die Beziehung zwischen Eucharistie und Umkehr

    Sicherlich ist eine erneuerte, am Glauben der Kirche orientierte Katechese über die Eucharistie unerlässlich. Das Zweite Vatikanische Konzil hat diesen Glauben dargelegt, ein vertieftes Verständnis der kirchlichen Sendung vermittelt, die Mitwirkung der Gläubigen verdeutlicht und die Eucharistiefeier als Höhepunkt und Quelle allen kirchlichen Tuns und Lebens neu bewusst gemacht. Ganz besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem, was das Konzil mit „voller, tätiger Teilnahme am liturgischen Leben“ gemeint hat. Und diese Erneuerung der Katechese über die Eucharistie muss vor allem auch in einer angemessenen theologischen Bildung der Priester, Religionslehrer und aller, die einen Verkündigungsauftrag wahrnehmen, ansetzen.

    Es gibt meines Erachtens noch einen weiteren Punkt, der bisher nicht bearbeitet wurde und in den liturgischen Dokumenten bezüglich Eucharistie vielleicht noch zu wenig Beachtung findet: Sehr wichtig ist der Aspekt des aktiven Hinhörens auf Gott und auf sein Wort sowie die Antwort darauf im Sinne der Bereitschaft zu Umkehr, wo immer eine solche erforderlich ist, zumindest das ehrliche Verlangen danach.

    In diesem Zusammenhang kommen dem regelmäßigen Empfang des Bußsakramentes und der persönlichen geistlichen Begleitung eine sehr große Bedeutung zu. Es besteht eine beobachtbare Beziehung zwischen dem Glauben an die reale Gegenwart des Herrn in der Eucharistie – und in der Kirche – und der Bereitschaft zu Umkehr. Wer nicht zu Umkehr bereit ist, wird entweder den Glauben an die reale Gegenwart des Herrn in der Eucharistie und der Kirche beiseite schieben, verdrängen, oder vielleicht sogar verlieren oder seine Haltung revidieren. Zumindest langfristig gibt es kein Drittes.

    Zur Reform der Reform gehört schließlich die Pflege all jener Punkte, die im Zusammenhang mit den dargelegten Haltungen das Wesentliche deutlicher hervortreten lassen und Fehlentwicklungen entgegenwirken. Wer darüber nachdenkt, beginnt zu verstehen, warum Benedikt XVI. manchmal sagt, dass die dringende Reform der Kirche in der Liturgie beginnt. Das hängt damit zusammen, dass sie der Höhepunkt ist, dem alles kirchliche Tun zustrebt, und die Quelle, aus der das kirchliche Tun entspringt.

    Vielleicht vermuten Sie, dass die Frage des Priestermangels hierher gehört. Das ist ohne Zweifel eine große und brennende Frage. Die Not, die wir durch sie erfahren, muss uns wachrütteln, zum Nachdenken führen, vor allem zu Gebet und Umkehr; auch zum Überlegen, welches die geeigneten Lösungsansätze sind. Denn die Eucharistie ist durch nichts anderes ersetzbar.

    Der Autor ist Diözesanbischof

    von Sankt Pölten.