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    Federführend waren fast immer die Franzosen

    De Gaulle hatte Großes vor. Er sah früh die sowjetische Gefahr aus dem Osten, kannte aus eigenem Erleben die Dominanz der Angelsachsen bei den Alliierten und wollte dennoch ein unabhängiges Europa. Die einzige Alternative war ein enges Bündnis der karolingischen Kernstaaten Frankreich und Deutschland. Seinen misstrauischen Landsleuten sagte der General: „Die Deutschen werden immer in Europa bleiben, die Amerikaner nur vielleicht.“ Den weltpolitisch mutlosen Nachbarn rief er vom Balkon des Bonner Rathauses zu: „Ihr seid ein großes Volk, jawohl, ein großes Volk!“ Mit Robert Schumann und Jean Monnet hatte der Visionär Mitstreiter, die sich auch auf das Tagesgeschäft verstanden, mit Konrad Adenauer einen kongenialen Freund und Partner. Der Kanzler sprach inhaltsschwer von der „Schicksalsgemeinschaft“. Sie habe die jahrhundertealte Erbfeindschaft zwischen den beiden Völkern abgelöst und sei grundlegend für Europas Zukunft. So kam es zu dem für Europa wichtigsten Versöhnungsvertrag des vergangenen Jahrhunderts: Dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag vom 23. Januar 1963.

    De Gaulle hatte Großes vor. Er sah früh die sowjetische Gefahr aus dem Osten, kannte aus eigenem Erleben die Dominanz der Angelsachsen bei den Alliierten und wollte dennoch ein unabhängiges Europa. Die einzige Alternative war ein enges Bündnis der karolingischen Kernstaaten Frankreich und Deutschland. Seinen misstrauischen Landsleuten sagte der General: „Die Deutschen werden immer in Europa bleiben, die Amerikaner nur vielleicht.“ Den weltpolitisch mutlosen Nachbarn rief er vom Balkon des Bonner Rathauses zu: „Ihr seid ein großes Volk, jawohl, ein großes Volk!“ Mit Robert Schumann und Jean Monnet hatte der Visionär Mitstreiter, die sich auch auf das Tagesgeschäft verstanden, mit Konrad Adenauer einen kongenialen Freund und Partner. Der Kanzler sprach inhaltsschwer von der „Schicksalsgemeinschaft“. Sie habe die jahrhundertealte Erbfeindschaft zwischen den beiden Völkern abgelöst und sei grundlegend für Europas Zukunft. So kam es zu dem für Europa wichtigsten Versöhnungsvertrag des vergangenen Jahrhunderts: Dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag vom 23. Januar 1963.

    Helmut Kohl verstand seinen politischen Freund Mitterrand

    Es ist bezeichnend, dass in dem Vertrag keine Klausel zu finden ist für seine Auflösung. Die vor fast 46 Jahren feierlich im Elysee-Palast besiegelte Freundschaft soll kein Ende haben. Es ist auch bezeichnend, dass der Vertrag so weit und umfassend gestaltet ist, dass das vergangene halbe Jahrhundert ihn keineswegs ausgeschöpft hat. Die Nachfolger de Gaulles und Adenauers fanden immer neue Möglichkeiten, im kulturellen, im sozialen, im sicherheitspolitischen Bereich. Er war und ist die Quelle von Jugendaustausch, von Kommissionen, Ministergremien, regelmäßigen gemeinsamen Kabinettsrunden. Er ist Vorbild für andere Völkerverständigungen, etwa die deutsch-polnische Freundschaft.

    De Gaulle sah noch weiter. Der Visionär von Colombey-les-deux-Eglises erwog mit Adenauer sogar die Idee einer Konföderation von Deutschland und Frankreich. Aber Adenauers Kräfte reichten nicht mehr. Er trat noch im Herbst desselben Jahres der Unterschrift unter den Vertrag als Kanzler zurück. Sein Nachfolger Ludwig Erhard konnte mit dem Angebot des Generals, auch die Verfügungsgewalt über die Force de Frappe zu teilen, mithin Deutschland gekoppelt an Frankreich sozusagen in die Tafelrunde der Atommächte aufzunehmen, nichts anfangen. Er fürchtete die amerikanische Reaktion – schon die Reaktion Kennedys auf den Elysee-Vertrag war ungehalten, der Unmut in den Reihen der Atlantiker zuhause längst nicht abgeebbt – und lehnte das mündlich offerierte und von seinem Berater und Biograph Osterheld beschriebene Angebot ab. Seither geht es mit dem Vertrag voran im Stil der Echternacher Prozession. Unter Willy Brandt und Pompidou fällt das Werk trotz Lobesworte (entente elementaire, Kernbündnis für Europa) in einen Tiefschlaf, Männer wie Giscard d'Estaing und Helmut Schmidt nutzen die wirtschaftspolitischen Komponenten des Vertrags, sie schufen die Währungsschlange, den Vorläufer des Euro, Kohl und Mitterrand beleben den Vertrag, indem sie die sicherheitspolitischen Komponenten ausbauen und noch einmal vor dem Knochenhaus bei Verdun Hand in Hand grenzübergreifend historische Emotionen bewegen. Die Wiedervereinigung bringt eine ernsthafte Zerreißprobe. Das alte Misstrauen vor Deutschland als „imperiale Demokratie“, wie der einflussreiche Historiker und Publizist Alain Minc es höflich umschrieb, erwachte. Mitterrand versuchte die Einheit sogar zu verhindern. Aber der Vertrag hatte schon tiefe Wurzeln geschlagen, die deutsch-französische Freundschaft war den Völkern schon so zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass das Misstrauen in der classe politique von Paris fremd anmutete. Sämtliche Umfragen ergaben ein deutliches „Oui“ für die Wiedervereinigung der Deutschen. Kohl verstand seinen Freund Mitterrand. Er beherzigte wohl auch, was Stendhal in seinem historischen Roman „Die Kartause von Parma“ in einem Kapitel über die Schlacht von Waterloo über seine Landsleute schrieb: „Zu den Franzosen darf man, sobald es ihre Eitelkeit verletzt, nicht mehr die Wahrheit sagen.“ Kohl pries die Vorzüge für Europa und für die Freiheit des alten Kontinents. Er übernahm unbemerkt die Federführung der europäischen Akte. Mitterrand willigte ein. Die Wiedervereinigung wurde nicht zum modernen Waterloo der Franzosen, aber die neue Lage zwang auch sie zum Um- und Weiterdenken des Vertrags.

    Chirac gelang es dann, dieses Denken in Worte zu fassen und damit wieder den Tambourstab zu schwingen. Er tat es bezeichnenderweise in Berlin, im neuen Reichstag. Chiracs Rede war für Frankreich eine Zäsur. Wer die Subsidiarität als Gestaltungsprinzip des künftigen Europa ansieht, der nimmt Abschied von einem anderen Prinzip, dem des Zentralismus – man hat in Paris erkannt, dass auch auf europäischer Ebene die Souveränität der Europäer nicht mehr allein den jeweiligen Nationalstaaten gehört und dass man den Rest an Souveränität am besten im Lande bewahrt, wenn man die Zuständigkeiten zwischen Brüssel, den Hauptstädten und den Regionen genauer regelt. Zum Beispiel mit einer Verfassung, die den Staaten ein Mitspracherecht in europäischen Dingen garantiert. „Es kann kein anderes Europa geben, als das Europa der Staaten“, sagte de Gaulle im Mai 1962 auf einer Pressekonferenz. Die Staaten seien die „einzigen gültigen, legitimen und fähigen Elemente, auf denen man Europa bauen kann.“ Der Nachfolger des Generals, Jacques Chirac, blieb in dieser Linie. Der Traum des ehemaligen deutschen Außenministers Fischer von einem mit qualifizierter Mehrheit gewählten Präsidenten Europas war eine Illusion. Diese Planstelle wird es nicht geben. Es sei denn, sie wird mit einem Franzosen besetzt, zum Beispiel Nicolas Sarkozy.

    Heute zeigt Frankreich mehr Esprit im Namen Europas

    Das Gesicht des künftigen Europa, das de Gaulle und Adenauer mit dem Elysee-Vertrag im Sinn hatten, gewinnt Konturen. Zu erkennen ist aber heute auch die deutlichere Handschrift Frankreichs. Denn Europa ist einem Staatenbund näher als einem Bundesstaat, wie immer die Macht innerhalb der Staaten verteilt ist und was immer aus dem Lissabon-Vertrag werden mag. Dass auch in der heutigen Krise Frankreich mehr Führung zeigt als Deutschland, dass der geopolitische Faktor Demographie in Frankreich unendlich viel erfolgreicher gemanagt wird – schon seit Jahren werden mehr Franzosen geboren als Deutsche – und dass der berühmte deutsch-französische Motor in Europa mehr stottert als schiebt und zieht, das hat zu tun mit der politischen Qualität des Führungspersonals an der Spitze des Kernbündnisses in Europa. Davon aber ist bei den diversen Treffen und Feierlichkeiten nicht die Rede. Man ist schließlich unter Freunden, auch wenn man sich nicht immer versteht und bisweilen etwas entfremdet. Bleibend ist: Es wird auch heute um Macht gerungen, aber nur noch mit diplomatischen Mitteln. Das ist das größte und schönste Erbe der Versöhnung.

    Von Jürgen Liminski