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    „Es ist notwendig, sich zu bekehren!“

    Herr Vikar, warum haben Sie sich in diesem Jahr gerade für eine Reise ins Heilige Land entschieden? Wir bereiten uns auf das Jubiläum zum 100. Jahrestag der Marienerscheinungen in Fátima 2017 vor. In jedem Jahr machen wir eine große Wallfahrt.

    „Sühne hat etwas mit unserer Taufe zu tun“: Vikar Christian Stadtmüller. Foto: Archiv

    Herr Vikar, warum haben Sie sich in diesem Jahr gerade für eine Reise ins Heilige Land entschieden?

    Wir bereiten uns auf das Jubiläum zum 100. Jahrestag der Marienerscheinungen in Fátima 2017 vor. In jedem Jahr machen wir eine große Wallfahrt. 2014 waren wir auf den Spuren von Johannes Paul II. in Polen. Und in diesem Jahr wollen wir ins Heilige Land fahren. Die Reise steht unter dem Leitwort „Dorthin, wo alles begann…“. Zwar liegen Fátima und das Heilige Land weit auseinander, aber die Muttergottes verbindet beide Länder. Ohne das Heilige Land, in dem Maria aufgewachsen und die Mutter Jesu geworden ist, gäbe es keine Marienverehrung und auch kein Fátima-Apostolat. Im nächsten Jahr geht es nach Lourdes, wo Maria 1858 erschienen ist. Zum 100-jährigen Jubiläum 2017 ist natürlich eine Pilgerreise nach Fátima geplant.

    Setzen Sie im Programm der Heilig-Land-Fahrt besondere marianische Akzente?

    Natürlich werden wir in Nazareth die Verkündigungsbasilika aufsuchen, wo Maria ihr Ja gesagt hat zum Werk der Erlösung. Und wir pilgern nach Bethlehem, wo Maria Jesus zur Welt gebracht hat. In Jerusalem werden wir in der Grabeskirche an dem Ort stehen, wo Jesus Maria den Lieblingsjünger als Sohn anvertraute. Natürlich werden wir auch den Abendmahlssaal besuchen, wo Maria mit den Aposteln um den Heiligen Geist gebetet hat. Ein Besuch der Dormitio-Abtei, die als Ort der Entschlafung Mariens gilt, steht auch auf unserem Programm. Die Verbindung zwischen Jesus und Maria ist allen klar, die in das Heilige Land fahren. Und so hat jeder Ort auf seine Weise mit der Muttergottes zu tun.

    Verstärkt die Situation der Christen im Heiligen Land die Botschaft von Fátima?

    Die im Heiligen Land herrschende prekäre Situation der Menschen und der Christen im Speziellen ist den Menschen hier bewusst. Für mich ist das genau der Grund, dorthin zu fahren. Der Lateinische Patriarch hat die Christen der ganzen Welt aufgefordert: „Kommt ins Heilige Land, lasst uns nicht im Stich!“. Diesem Aufruf wollen wir gerne nachkommen. Die Botschaft von Fátima ermutigt zum Gebet, zur Buße und Sühne für den Frieden der Welt, vor allen Dingen in Russland. Die Welt ist aber größer als Russland, es geht um den Frieden überhaupt. Und Friede ist immer auch ein Geschenk Gottes, weil er mehr bedeutet als das Schweigen von Waffen. Von daher ist jeder Krisenherd und jeder Terrorakt auf der Welt wieder ein Ansporn zum Gebet und dazu, sich in die Botschaft der Muttergottes zu vertiefen.

    Unter Buße und Sühne können sich heute nicht mehr alle etwas vorstellen. Wie übersetzen Sie diesen Aufruf von Fátima von 1917 in unsere Zeit?

    Diejenigen, die diese Frage stellen, lade ich zu den Veranstaltungen in diesem Jahr ein, das unter dem Thema steht: „Es ist notwendig, sich zu bekehren!“ Es orientiert sich am Ausspruch der Muttergottes am 13. Oktober 1917 in Fátima: „Die Menschen müssen sich bessern und um Vergebung ihrer Sünden bitten“ (zitiert nach: Schwester Lucia spricht über Fátima, Fátima 20048). Unter Buße verstehen wir das Bestreben, heilig zu sein, Gott im Leben die erste Stelle zu geben und den Willen Gottes zu erfüllen.

    Sühne ist ein etwas schwierigerer Begriff. Sühne hat etwas mit unserer Taufe und mit unserer Teilhabe am Priestertum Jesu zu tun. Die Botschaft von Fátima betont diese Zusage für jeden Getauften: Er ist in der Lage, etwas für andere zu tun. Pius XII., den man zu Recht als großen Fátima-Papst bezeichnen kann, hat in seiner Enzyklika Mystici corporis 1943 geschrieben: „Es ist ein wahrhaft schaudererregendes Geheimnis, das man niemals genug betrachten kann: dass nämlich das Heil vieler abhängig ist von den Gebeten und freiwilligen Bußübungen der Glieder des geheimnisvollen Leibes Jesu Christi, die sie zu diesem Zwecke auf sich nehmen […].“ Das bedeutet, dass mein Gebet, mein Opfer – und dazu gehören auch körperliche Leiden – für den andere nicht vergebens ist, sondern einen großen, ja unschätzbaren Wert vor Gott hat. Was das Zweite Vatikanische Konzil uns über die Würde des Getauften und das allgemeine Priestertum der Laien ins Stammbuch schreibt, ist schon Jahrzehnte zuvor das Thema in Fátima schlechthin. Dort wird den Seherkindern gesagt: Betet, und durch euer Gebet wird sich etwas ändern. Sühne bedeutet: die Macht des Gebets einsetzen für andere, sogar um anderer willen, die wir nicht kennen.

    Welche biblischen Vorbilder gibt es dafür?

    In puncto Sühne sagt der heilige Paulus: „Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben, was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1,24). Natürlich glauben wir daran, dass Jesus alle Schuld der Welt auf das Holz des Kreuzes geheftet hat. Aber Gott lässt gleichsam einen Spalt in dieser Türe offen, sodass der Mensch auch etwas zur eigenen Rettung beitragen kann und sogar zur Rettung der Mitmenschen. Der hl. Johannes Paul II. hat es einmal – besonders im Blick auf das sühnende Leiden – so ausgedrückt: „Der Erlöser hat an Stelle des Menschen und für den Menschen gelitten. Jeder Mensch hat auf seine Weise teil an der Erlösung. Jeder ist auch zur Teilhabe an jenem Leiden aufgerufen, durch das die Erlösung vollzogen wurde. Er ist zur Teilhabe an jenem Leiden gerufen, durch das zugleich jedes menschliche Leiden erlöst worden ist. Indem er die Erlösung durch das Leiden bewirkte, hat Christus gleichzeitig das menschliche Leiden auf die Ebene der Erlösung gehoben. Darum kann auch jeder Mensch durch sein Leiden am erlösenden Leiden Christi teilhaben.“ (Salvifici doloris, 1984)

    2015 feiert die Kirche das Jahr der Orden. Schwester Lucia, eine der Seherinnen von Fátima, gehörte dem Karmel an, dessen Ursprünge im Heiligen Land liegen. Welche Rolle spielt das für Ihre Pilgerfahrt?

    Es gibt gerade unter den neueren Gemeinschaften eine Vielzahl, die den Aufruf von Fátima zu Gebet, Buße und Sühne besonders ernst nehmen. Wenn ich mit Ordensleuten ins Gespräch komme, erlebe ich oft, wie präsent die Botschaft von Fátima ist. Der Heilige Vater spricht am 17. Mai in Rom die selige Mirjam von Abellin heilig. Diese Karmelitin gehört ins Heilige Land: Sie ist als Kind einer arabischen Familie in Bethlehem geboren und dort auch in dem von ihr gegründeten Karmel gestorben. Außer dem Kloster in Bethlehem hat sie auch den Karmel in Nazareth gegründet. Unsere Pilgergruppe möchte den Karmel in Bethlehem besuchen.

    Die Päpste und Fátima sind ein schier unerschöpfliches Thema. Gibt es so etwas wie eine Kontinuität in den Pontifikaten des 20. und 21. Jahrhundert, was Fátima betrifft? Und was ist für die Gläubigen unserer Zeit davon heute richtungweisend?

    Die Bedeutung des Papstes kommt wohl in keiner Privatoffenbarung der Kirche so deutlich zum Tragen wie in Fátima. Und die Päpste nahmen von Anfang an Fátima ernst. Der am 13. Mai 1917 zum Bischof geweihte Papst Pius XII. beispielsweise bekam im Dezember 1940 einen Brief von Lucia, indem sie ihn bat, die Menschheit dem Unbefleckten Herzen Mariens zu weihen, um größeres Unheil zu verhindern, das der Krieg mit sich bringen würde. Am 31. Oktober 1942 schließlich weihte Pius XII. die ganze Menschheit dem Unbefleckten Herzen Mariens in der Radioansprache „Regina del Santissimo Rosario“. Dass der Kriegsverlauf sich gerade in dieser Zeit änderte, dürfte einen gläubigen Menschen nicht unbedingt wundern. Auch sein Nachfolger beschäftigte sich mit den Geschehnissen in Fátima. Johannes XXIII. las das dritte Geheimnis, bat um eine Zeit des Gebets und beschloss, es nicht veröffentlichen zu lassen. Papst Paul VI. besuchte Fátima und veröffentlichte zum 50. Jahrestag der Erscheinungen von Fátima ein Apostolisches Schreiben mit dem Titel „Signum magnum“ (Großes Zeichen), in dem er die Bedeutung der Marienverehrung in der katholischen Kirche unterstreicht. Ein bis heute lesenswertes Schreiben des seligen Papstes. Der heilige Johannes Paul II. hatte eine besondere Beziehung zu Fátima. Am 13. Mai 1981 ereilte ihn das lebensbedrohliche Attentat. Wie selbstverständlich schrieb er seine Rettung der Muttergottes von Fátima zu und ließ zum Dank die Kugel, die seinen Leib durchbohrte, in die Krone der Muttergottesstatue einfügen. Er ließ im Heiligen Jahr 2000 das dritte Geheimnis veröffentlichen. Er stand in regem Kontakt zu Lucia und sprach im Heiligen Jahr Jacinta und Francisco selig. Übrigens besuchte er im Heiligen Jahr nur das Heilige Land, den Sinai und eigens für die Seligsprechung Fátima. Als Papst Franziskus an einem Fátimatag, 13. März 2013, gewählt wurde, bat er die portugiesischen Bischöfe, sein Pontifikat der Muttergottes von Fátima zu weihen. Am 13. Mai 2013 vollzogen die Bischöfe diese Weihe im Auftrag des Papstes. Am 13. Oktober schließlich empfahl der Heilige Vater in einem Akt des Anvertrauens die Welt der Muttergottes von Fátima. Was wir von den Päpsten lernen können? Dass wir Maria vertrauen dürfen und dass wir immer damit rechnen können, dass die Menschheit und die Erde dem Himmel nicht gleichgültig sind, dass wir nicht nebeneinander her, sondern miteinander leben. Die Botschaft von Fátima ist nicht düster und abschreckend, sondern eine Zusage des Himmels an uns Menschen. Eine Zusage, aus der man sein Leben heraus gestalten kann.