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    Eine unübersehbare Fülle an Blüten

    In drei oder vier knappen Formeln wird oft das Programm der Reformation zusammengefasst: „Allein durch Glauben“, „Allein Christus“, „Allein durch Gnade“ und „Allein die Schrift“. Und viele führen diese Sätze auf Luther selbst zurück. Schon das stimmt nicht, denn „allein durch Gnade“, „allein Christus“ und „allein der Glaube“ sind seit dem Zisterzienser Wilhelm v. St. Thierry (gest. 1148), dem Freund des hl. Bernhard v. Clairvaux Inbegriff klösterlicher Auslegung des Römerbriefes. Denn diese Formeln stammen aus dem Geist paulinischer Radikalität (Christus oder Nichts). Aber auch die Formel „allein die Schrift“ hat ihre Vorläufer und Entsprechungen im Hohen und Späten Mittelalter. So betont beispielsweise Johannes Gerson (+1429), gültige Lehre könne nur das sein, was durch die Schrift, das heißt die Bibel, zu belegen ist.

    Neue Ausgaben der Lutherbibel sorgen stets für mediales Interesse. Doch wo liegt die „Mitte der Schrift“, wer kann sie d... Foto: dpa

    In drei oder vier knappen Formeln wird oft das Programm der Reformation zusammengefasst: „Allein durch Glauben“, „Allein Christus“, „Allein durch Gnade“ und „Allein die Schrift“. Und viele führen diese Sätze auf Luther selbst zurück. Schon das stimmt nicht, denn „allein durch Gnade“, „allein Christus“ und „allein der Glaube“ sind seit dem Zisterzienser Wilhelm v. St. Thierry (gest. 1148), dem Freund des hl. Bernhard v. Clairvaux Inbegriff klösterlicher Auslegung des Römerbriefes. Denn diese Formeln stammen aus dem Geist paulinischer Radikalität (Christus oder Nichts). Aber auch die Formel „allein die Schrift“ hat ihre Vorläufer und Entsprechungen im Hohen und Späten Mittelalter. So betont beispielsweise Johannes Gerson (+1429), gültige Lehre könne nur das sein, was durch die Schrift, das heißt die Bibel, zu belegen ist.

    In der Schule haben wir gelernt, „Schrift und Tradition“ sei nach dem Konzil von Trient die Beschreibung der Glaubensquellen bei den Katholiken, „die Schrift allein“ bei den Protestanten. Doch wie immer kommt es auf das Kleingedruckte an: So ist es, besonders im Zeichen der liberalen Exegese (die seit 250 Jahren allein herrschende „Schule“ in der Theologenausbildung) dazu gekommen, dass „die Schrift allein“ der verlogenste und am meisten missbrauchte Satz in jeder ökumenischen Diskussion geworden ist. Denn da es bei den evangelischen Freunden de facto kein kirchliches Lehramt gibt, liefert man mit dieser Formel die Heilige Schrift der Willkür des einzelnen Professors aus. Luther hätte das wissen können, denn er war selbst Professor für Neues Testament. Auch schon zu seiner Zeit hatte die Auslegung der Bibel eine unübersehbare Fülle an Blüten erbracht.

    Die einen, Vertreter der strengen Auffassung, vertraten die Meinung, kein menschlicher Lehrer oder Kommentator sei notwendig, um das Wort Gottes in der Seele zu entfalten; so ist heute noch die Position der Quäker. Die etwas „liberaleren“ meinten, Glaube, Predigt und Lehre der Kirche müsse jedenfalls ein Fundament in der Schrift haben. Hier entstand die Meinung, die Schrift müsse und könne „sich selbst“ auslegen, und das heißt praktisch: Wenn der Sinn einer Stelle unklar zu sein scheint, muss man andere Bibelstellen suchen, die eine Klärung erleichtern. Man nannte das „scriptura sui ipsius interpres“ (die Schrift ist ihre eigene Deutungsinstanz). In der heute gepflegten „kanonischen Exegese“ ist diese Tradition auch auf katholischer Seite beliebt. Man baute sodann eine weitere Krücke, die man freilich nur mit sehr gutem Willen akzeptieren kann, nämlich den Grundsatz von der „Mitte der Schrift“. Diese Mitte wird dann allerdings je nach der eigenen Lehre formuliert. Sie ist entweder „Christus“ oder „die Dreifaltigkeit“ oder „die Liebe“ oder „die Auferstehung“. Alles das sind Ersatzkonstruktionen für ein fehlendes Lehramt. Denn mehr oder weniger willkürlich sucht man ein Zentraldogma, in das man dann alles andere einordnet, das man dabei „oben und unten und an der Seite“ so beschneidet, bis jeder einzelne Text hineinpasst.

    Eine katholische Lösung dieses Problems ist nicht dogmatisch festgelegt, sie könnte aber so aussehen: Die Exegeten finden heraus, was sie können. Das Lehramt sortiert und wählt aus.

    Die Lösung in der liberalen protestantischen Volkskirche der Gegenwart sieht dagegen so aus: Jegliche Orientierung an der Schrift liegt in weiter Ferne. Denn, wie es vor allem die Theologin Margot Käßmann formuliert: Jeder darf glauben, was er will.

    Und wenn man ihm Bibelstellen vor die Nase hält, in denen das Gegenteil zu lesen steht, wird flugs erklärt: Der biblische Glaube sei eben zum großen Teil „veraltet“. Denn die Situation der Menschen sei eben anders als vor 2 000 Jahren. Dabei ist nichts leichter als bei jeder biblischen Aussage, die einem nicht passt, zu sagen: Das ist veraltet. Und christlicher Gaube blicke in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit des Buchstabens. Ein Beispiel ist die Bewertung homosexueller Praxis. Nach Römerbrief Kapitel 1 ist sie der Inbegriff der Sünde. Wer das nicht hören mag, erklärt, die Anschauung des Paulus sei eben veraltet, denn homosexueller Verkehr sei nicht Sünde, sondern unausweichliche und untherapierbare Veranlagung. Daher sei Trauung von Homosexuellen, die sich doch liebten, ein Gebot der Stunde. Ebenso Gottesdienste bei einer Ehescheidung. Es gibt kein Handeln, das im Neuen Testament öfter verurteilt wird als Wiederheirat nach Scheidung. Ehescheidung ist nicht aus irgendwelchen Gründen verboten, sondern weil dadurch das Gottesbild verletzt wird. Aber das wahrzunehmen, dazu kommt es gar nicht mehr, denn des Menschen Wille ist sein Himmelreich – oder eben nicht.

    Gleiches gilt für die modernen Frauen-Themen (Priesterweihe für Frauen, Predigen im Mess-Gottesdienst), die man der Kirche um die Ohren schlägt, weil ihr Standpunkt biblisch und nicht modern ist. Es käme mithin darauf an, als erstes einzugestehen, dass es in wichtigen Fragen einen Unterschied zwischen Bibel und Zeitgeist gibt. Nach meiner Erfahrung gilt jedenfalls: Wo die Bibel Nein sagt, gilt das Nein unverbrüchlich. Alles andere wäre Untreue. Und außer Nein gibt es viele Freiräume, die mit Hilfe anderer Maßstäbe zu klären wären: darunter Sachverstand, die notwendige Klarheit in der Darstellung, die regionale Tradition (s.u.).

    Der Grundsatz „Allein die Schrift“ hindert zunächst daran, diesen Abstand überhaupt einzugestehen. Denn woher könnte man sonst die Glaubensinhalte beziehen?

    Die Reformatoren verbanden mit dem „Sola Scriptura“ die Meinung, die Schrift sei der kritische Maßstab für alles in der Geschichte der Kirche, für ihre Lehren, ihre Liturgie und ihre Gebräuche sowie ihr Verhalten. Und bis auf den heutigen Tag findet man bei bibeltreuen Christen oft die reflexartige Gegenfrage: Wo steht denn das in der Bibel? Doch das Christentum ist keine Buchstabenreligion und das ewige Wiederkäuen nur der Bibel würde daraus eine langweilige und frustrierende Religion ohne Gegenwartsbezug werden lassen. So kann also die Existenz der Bibel in der Kirche nicht gemeint sein, und so war es auch nie.

    Denn die Kirche hat die Bibel zusammengestellt, sie hat sie gewissermaßen hervorgebracht. Der Einwand der katholischen Seite gegen die Verfechter des Prinzips „Sola Scriptura“ war: Die Kirche ist doch die Mutter der Schrift, und deshalb kann niemand anderes die Auslegungshoheit über ihr eigenes „Tagebuch“ für sich beanspruchen. Doch das wäre auch wiederum zu einfach gedacht. Denn spätestens um das Jahr 200 n. Chr. hat die Kirche das Neue Testament neben das Alte gestellt. Damit aber hat sie diese Schrift(en) zum Wort Gottes erklärt und gewissermaßen nachträglich ihrer eigenen Verfügung entzogen; „eigene Verfügung“ wäre hier zu verstehen als willkürliche Abänderung nach Bedarf. Und gleichzeitig wurden damit die neutestamentlichen Schriften abgegrenzt von und herausgehoben aus einer großen Anzahl anderer schriftlicher Produkte des Urchristentums. Diese Landschaft wurde, soweit die Texte noch erhalten sind, gesammelt und ins Deutsche übersetzt (vgl. K. Berger, C. Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt 1999). Immerhin lassen sich an diesem Material noch die Kriterien erkennen, mit deren Hilfe die Kirche die „Spreu“ vom „Weizen“ trennte. Das heißt: Dass die Schrift zu einer Norm wurde, hängt mit der Kanonbildung zusammen und damit, dass dieser Kanon ähnlich gegliedert und inhaltlich geordnet war wie das Alte Testament. Dadurch, dass die Kirche die Schrift des Neuen Testaments (aus einer großen Menge konkurrierender Schriften (zum Beispiel dem Barnabasbrief) aussonderte und für „kanonisch“ erklärte, hat sie das „Wort Gottes“ jeder künftigen Willkür entzogen. Doch über die Weise, in der man die Schrift auslegen soll, hat man dann jahrhundertelang diskutiert. So gab es beispielsweise zur Zeit der Reformation die Lehre und Praxis vom vierfachen Schriftsinn. Im Laufe der Zeit kamen dann weitere subtile Methoden dazu wie etwa Textkritik, Formgeschichte und Textlinguistik.

    Um die Auslegung vor der Wildheit, dem Unglauben und dem Ungehorsam der Schriftausleger und ihrer Anfälligkeit für Ideologien zu bewahren, muss also ihre Fähigkeit, mit der Kirche zu denken, gestärkt werden.

    Die Meinung der Schrift ist auch nach katholischer Überzeugung bei der Frage nach der Wahrheit im Christentum der wichtigste Punkt. Oft genügt das aber nicht, weil die Schrift zu vielen späteren Themen nichts sagt. Zuständig ist vor allem nicht der „bibelgelehrte Professor“, sondern das Lehramt der Kirche, das ist ein wichtiger Unterschied zu jeder Art Protestantismus. Und über die Schrift hinaus sind wohl drei weitere „Instanzen“ nötig: der Sachverstand, die kirchliche Tradition (besonders: die Kirchenväter) und nicht zuletzt didaktisches Geschick, also verantwortliche Überlegungen zum Fassungsvermögen der Adressaten und zur Praktikabilität des als Norm Dargestellten, also die Frage nach der Zumutbarkeit der als Wahrheit gefundenen Meinung.

    Diese vier Punkte zur Wahrheitsfindung hat die Kirche freilich nie festgelegt oder gar dogmatisch fixiert. Da ich aber seit Beginn meines Theologiestudiums praktisch jeden Tag über diese Fragen nachzudenken geneigt und gezwungen war, handelt es sich um mein eigenes Resumée aus 57 Jahren Forschung und Lehre, um nicht mehr und nicht weniger also als um einen Vorschlag, der darauf zielt, die geläufige Theologenregel vom „sentire cum ecclesia“ (kirchlich Denken mit der Kirche) zu übersetzen. Einen wichtigen Anteil an der Formung meiner Position hatten auch die Diskussionen mit meiner Frau, die Hochschulprofessorin für das Fach „Übersetzen“ ist. Von ihr vor allem habe ich gelernt, dass die Frage nach der Wahrheit angesichts der Schrift immer auch ein Übersetzungsvorgang ist, bei dem man sensibel und behutsam darauf achten muss, dass man dem Autor des Textes gegenüber loyal ist. Gegenüber dieser Achtsamkeit wirkt das zumeist unreflektierte „sola scriptura“ wie eine Holzkeule oder wie eine Falle oder wie etwas, das leicht zum „Mogeln“ missbraucht werden kann.

    Das Schlimmste: Wenn man die Kirche im Höchstmaß, wie es die Reformatoren tun, auf das Wort der Schrift gründet, dann muss es für die Kirche notwendigerweise katastrophal und zerstörerisch sein, wenn die Bibel so zerlegt und zu Boden gerissen wird, wie es in der radikalen Bibelkritik der letzten 200 Jahre geschah. Man sollte die Hypothesen der Exegese daher in die Hände verantwortungsbewusster Menschen legen, die eine Ausbildung im Brandschutz haben und sich nicht nur auf das Zündeln verstehen.

    Der Autor ist katholischer Theologe. Er war Professor für Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg.