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    Ein Dialog verwandter Seelen

    Es gibt Namen, die funkeln, auch wenn sie quasi erst aus verborgenen Schatullen ans Licht gehoben werden müssen: Die von Leo Strauss und Eric Voegelin gehören dazu. Die beiden in Deutschland geborenen und in den Vereinigten Staaten gestorbenen Wissenschaftler, der eine mehr Philosoph als Politikwissenschaftler, der andere mehr Politologe als Philosoph, stehen für eine fundierte Kritik am modernen liberalen Denken und ebenso für den Versuch, klassisches philosophisches Denken für unsere Zeit fruchtbar zu machen. Der über drei Jahrzehnte aufrechterhaltene Briefwechsel zwischen ihnen ist jetzt in einer mustergültig edierten Ausgabe herausgekommen. Er legt eindrucksvoll Zeugnis für das Phänomen ab, dass man sich intellektuell in vielen Sachfragen verständigen und sogar gemeinsame Ziele anvisieren, dabei aber in den allem unterliegenden Fundamentalfragen völlig anderer Meinung sein kann.

    Das platonische Höhlengleichnis, hier im Bild, war einer der Streitpunkte zwischen Leo Strauss und Eric Voegelin. Foto: IN

    Es gibt Namen, die funkeln, auch wenn sie quasi erst aus verborgenen Schatullen ans Licht gehoben werden müssen: Die von Leo Strauss und Eric Voegelin gehören dazu. Die beiden in Deutschland geborenen und in den Vereinigten Staaten gestorbenen Wissenschaftler, der eine mehr Philosoph als Politikwissenschaftler, der andere mehr Politologe als Philosoph, stehen für eine fundierte Kritik am modernen liberalen Denken und ebenso für den Versuch, klassisches philosophisches Denken für unsere Zeit fruchtbar zu machen. Der über drei Jahrzehnte aufrechterhaltene Briefwechsel zwischen ihnen ist jetzt in einer mustergültig edierten Ausgabe herausgekommen. Er legt eindrucksvoll Zeugnis für das Phänomen ab, dass man sich intellektuell in vielen Sachfragen verständigen und sogar gemeinsame Ziele anvisieren, dabei aber in den allem unterliegenden Fundamentalfragen völlig anderer Meinung sein kann.

    Der jüdische Hesse Strauss, aus einem nicht frommen, aber konservativen Elternhaus stammend, stand dem Konzept der Offenbarungsreligion ablehnend gegenüber und sah Philosophie oder Theologie, Athen oder Jerusalem als klare Alternativen, zwischen denen man sich entscheiden müsse: Gibt es die göttliche Offenbarung, enthält sie eben die volle Wahrheit, sodass alles menschliches Mühen um Einsicht, wie es die Philosophie versucht, sekundär, ja sinnlos wird, war sein Ausgangsgedanke. Der in Köln geborene und in Wien aufgewachsene Voegelin dagegen begreift eine Vereinigung der griechischen Lehre vom guten Leben mit der erlösenden Wahrheit des Christentums als die dem Menschen angemessene Ordnung. Er sieht die von ihm als adventlich bezeichnete Geistesbewegung der alten Philosophen in der Inkarnation des Logos als erfüllt an.

    Doch wenn zwei von den Nationalsozialisten aus der Heimat vertriebene Wissenschaftler im US-amerikanischen Exil aufeinander aufmerksam werden und einen vorsichtig-sondierenden Austausch miteinander beginnen, überwiegt zunächst das Gemeinsame. Im Mittelpunkt des Werkes beider, so Herausgeber Peter Opitz in seinen klug abwägenden Anmerkungen, stehe die Ordnungsproblematik, bei Strauss, auf den sich die amerikanischen Neokonservativen während der Bush-Regierung beriefen, die „Ordnung der Ordnung“, bei Voegelin die „Ordnung der Geschichte und die Geschichte der Ordnung“. Beide, so Opitz, haben dabei einen ganzheitlichen Ansatz, „der religiöse, geistige und metaphysische Elemente ebenso umfasst wie ethische und politische“. Beide ständen auf Seiten der griechischen Philosophen und beriefen sich auf Platon und Aristoteles, beiden gemein sei auch das Bemühen, die sokratische Frage nach dem guten und gelingenden Leben und der menschlichen Tugend wieder in den Mittelpunkt der politischen Theorie zurückzuführen, aus der sie seit dem 16. Jahrhundert durch Machiavelli, Hobbes, Locke, Rousseau und andere vertrieben worden sei. Schließlich beklagten die zwei Exilanten unisono den neuzeitlichen Verlust der Offenheit zur Transzendenz, zu dem die diversen Ismen, insbesondere Liberalismus und Relativismus, beigetragen hätten. Spannend nun ist zu lesen, wie man bei so vielen und wichtigen Gemeinsamkeiten und trotz eines gleichen Schicksals in den wirklich wichtigen Dingen weit auseinander lag. Strauss bringt seine Prämissen in einem Brief an Voegelin vom Mai 1950 klar zum Ausdruck: „Sie sind sehr simpel: philosophari necesse est, und Philosophie ist radikal unabhängig vom Glauben“. Aus den bisher ausgetauschten Briefen ahnt Strauss schon: „Die Wurzel unseres disagreement liegt wohl in der 2. These“. In seiner Replik stimmt Voegelin dem inhaltlich zu, wenn er festhält: „Vorläufig sehe ich nicht, wie Sie um das historische Faktum des Ansatzes der Philosophie in den Glaubenshaltungen des Xenophanes, Heraklitus und Parmenides herumkommen“. Was wiederum von Strauss zurückgewiesen wird.

    Über den englischen Philosophen John Locke bemerkt Voegelin, unter lebhaftem Beifall des Briefpartners: „Die bewusste Zerstörung der geistigen Substanz zieht sich durch das gesamte politische Werk Locke's“. Das beziehe sich auf die Ratio und den Charakter des Menschen als imago Dei, was Locke zur Idee vom Menschen als „Eigentümer der eigenen Person“ bringe. Eric Voegelin: „Diese Bestimmung des Menschenwesens als Eigentum an sich selbst schien mir immer eine der schauerlichsten Atrozitäten in der (...) Geschichte der Philosophie zu sein – und vielleicht noch nicht genügend beachtet“. Am Ende zweifelt Voegelin, ob man Locke überhaupt noch zu den Philosophen zählen könne, ob er nicht Camouflage betreibt, um dahinter eine rücksichtslose Parteinahme für die englische Oberklasse, der er selber verbunden war, zu verbergen. Kurz und gut, Locke ist „für mich eine der widerlichsten, unsaubersten, moralisch korruptesten Erscheinungen in der Geschichte der Menschheit“. Auch der gerade erst im Aufstieg begriffene Karl Popper bekommt eine Breitseite ab, diesmal von Leo Strauss, „der ausgelaugteste, lebloseste Positivismus..., verbunden mit völliger Unfähigkeit, „rational“ zu denken, dabei sich als „Rationalismus“ ausgebend – es war ganz schlimm“. Das Gegenüber sekundiert – man redet immerhin über das Hauptwerk des Österreichers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ – und hält fest: „Jeder einzelne Satz ist ein Skandal“. Voegelin wirft Popper im besonderen vor, dass er die Ausdrücke „geschlossene“ und „offene Gesellschaft“ von Henri Bergson übernommen habe, aber so willkürlich und platt, dass deren ursprünglich religiöse Konnotation verloren gegangen sei. Voegelin finde nicht, „dass ansehnliche Philosophen wie Bergson ihre Begriffe zu dem einzigen Zweck entwickeln, dass die Kaffeehauslausbuben was zum Verhunzen haben“. Popper sei philosophisch ungebildet, habe Platon offenbar nicht gelesen und könne auch Hegel nicht korrekt wiedergeben, in summa sei sein Buch „das typische Produkt eines verkrachten Intellektuellen“. Die Erregung der beiden hatte ein handfestes Ergebnis: Eine amerikanische Berufung Poppers wurde verhindert. So sehr man sich in der Ablehnung gemeinsam identifizierter Gegner einig war, so sehr aber zweifelten und litten beide aneinander.

    Strauss kann eine religiöse Fundierung der klassischen griechischen Philosophie schon deswegen nicht anerkennen, weil er keine passende griechische Entsprechung für den Terminus Religion kennt. Jedenfalls hätten die Philosophen unter dem Göttlichen und dem Begriff Gott sicher etwas anderes verstanden als das Volk. Auch hätten Plato und Aristoteles Beweise für das Dasein von Göttern nicht aus unmittelbaren Erfahrungen, sondern aus der Analyse der Bewegungen gewonnen. Strauss an Voegelin: „Sie scheinen ganz sicher zu sein, dass die Platonischen Mythen (also etwa das Höhlengleichnis, der Verf.) nur aufgrund der Postulierung einer ihnen zugrundeliegenden ,religiösen Erfahrung‘ verständlich sind. Ich bin mir dessen nicht so sicher. Ich bekenne meine Unwissenheit.“ Voegelin aber behauptet, auf festem Grund zu stehen, wenn er dem Briefpartner schreibt: „Das Problem der Offenbarung scheint mir (...) unabtrennbar zu sein vom Problem des Erkennens der Offenbarung als solcher, und in weiterer Konsequenz vom Problem der Interpretation. Geoffenbarte Wahrheit gibt es nur, insoferne sie menschlich rezipiert und kommunikabel ist. Alles Wissen, auch das Offenbarungswissen, ist menschlich, insoferne es Wissen konkreter Menschen ist. Aber manches Wissen wird von den Menschen, die es ,befällt‘ als aus göttlicher Quelle stammend verstanden. Diese Formulierung ist nicht psychologisierend gemeint, denn sie bestreitet nicht, dass die Quelle richtig diagnostiziert ist.“

    Hier schieden sich in der Tat die Wege, in der Wertung von Herausgeber Opitz: Es war „vor allem Strauss, der immer wieder Anstoß nimmt, auf Divergenzen hinweist und Widerspruch anmeldet. Das betrifft das Begründungsproblem der Platonischen Philosophie und deren Geltung als Grundlage für eine allgemeine Theorie der politischen Wissenschaft. Und es betrifft ebenso das Verhältnis von Wissen und Glauben, Philosophie und Offenbarung.“ Strauss gab schließlich Signale, dass er an einer vertieften Diskussion dieser Probleme nicht mehr interessiert war, zu unüberwindlich erschien ihm der Graben. Peter Opitz: „Zwar stimmen beide, Strauss wie Voegelin, in der Suche nach ,Wahrheit‘ als dem Ziel des menschlichen Lebens überein, doch über das Verständnis von ,Wahrheit‘ bestehen zwischen beiden ebenso tiefgreifende Unterschiede wie über die Möglichkeit ihres Erfassens.“ Für Voegelin deutet der Begriff Wahrheit letztlich auf eine transzendente Wirklichkeit hin oder ist diese selbst, wenngleich er in einem 1949 – zum Zeitpunkt dieser Kontroverse – veröffentlichten zentralen Text bewusst offenlässt, um was es sich dabei handeln könnte. Strauss konnte seinem Zeitgenossen in der neuen überseeischen Heimat nicht mehr folgen; die Wahrheit auf eine transzendente Wirklichkeit hin zu beziehen oder sie von dort herzuleiten, war für ihn nur noch so etwas wie „politische Theologie“.

    Zwar tauschte man noch bis in die Mitte der 60er Jahre Briefe miteinander aus, sie wurden aber immer kürzer und inhaltlich belangloser. Zu Rezensionen von neuen Büchern, die man sich wechselseitig schickte, kam es nicht mehr – aus Klugheit vielleicht und in der Sorge, den anderen zu verletzen. Der vergleichsweise „bodenständige“ Strauss (Opitz) gründet sein Denken auf Aristoteles und will die „menschlichen Dinge“ ergründen, während Voegelin in seinem Hauptwerk „Order and History“ die Philosophie als die „Liebe zum Sein durch die Liebe zum göttlichen SEIN als der Quelle seiner Ordnung“ bestimmt sieht und formulieren kann: „Der Logos des Seins ist der eigentliche Gegenstand philosophischer Untersuchung.“

    An einem faszinierenden, in seiner intellektuellen Redlichkeit beeindruckenden und den Beobachter durchaus herausfordernden Zwiegespräch hat teil, wer diesen Austausch zwischen Leo Strauss und Eric Voegelin liest. Um am Ende mit dem Her-ausgeber in einer gewissen Wehmut festzustellen: „Betrachtet man den Briefwechsel vor dem Horizont und im Lichte dieser Grundüberzeugungen, Ziele und Selbsteinschätzungen, so wird deutlich, dass auch ein Dialog ,verwandter Seelen‘ Grenzen hat, die sich nur schwer überschreiten lassen“.

    Eric Voegelin/Leo Strauss: Glaube und Wissen, Briefwechsel zwischen 1934 und 1964; hrsg. von Peter J. Opitz.

    Wilhelm Fink-Verlag, München 2010, 208 Seiten, ISBN: 978-3-7705-4967-2,

    EUR 29,90