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    Die Welt aus der Ordnung des Herzens gesehen

    Dem außergewöhnlichen Buch gelingt es, dem Leser die Stärke katholischer Literatur nahezubringen. Im Mittelpunkt steht dabei das „Tagebuch eines Landpfarrer“ von Bernanos, das Veit Neumann im vergangenen Jahr aus dem Französischen neu übersetzt hat. Jetzt hat der Professor für Pastoraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in St. Pölten zusammen mit Josef Kreiml, Professor für Fundamentaltheologie in St. Pölten, das Buch „George Bernanos und der Renouveau catholique – Das ,Tagebuch eines Landpfarrers‘ als herausragender Priesterroman“ herausgegeben. Dass in dem Band auch drei Untersuchungen des früheren Kardinals Leo Scheffczyk über den Priesterroman enthalten sind, einer davon erstmals veröffentlicht, gehört zu den Besonderheiten des Buches.

    Kann er seinem Dorf noch helfen? Szene aus dem Film „Tagebuch eines Landpfarrers“ (1951) von Robert Bresson. Foto: IN

    Dem außergewöhnlichen Buch gelingt es, dem Leser die Stärke katholischer Literatur nahezubringen. Im Mittelpunkt steht dabei das „Tagebuch eines Landpfarrer“ von Bernanos, das Veit Neumann im vergangenen Jahr aus dem Französischen neu übersetzt hat. Jetzt hat der Professor für Pastoraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in St. Pölten zusammen mit Josef Kreiml, Professor für Fundamentaltheologie in St. Pölten, das Buch „George Bernanos und der Renouveau catholique – Das ,Tagebuch eines Landpfarrers‘ als herausragender Priesterroman“ herausgegeben. Dass in dem Band auch drei Untersuchungen des früheren Kardinals Leo Scheffczyk über den Priesterroman enthalten sind, einer davon erstmals veröffentlicht, gehört zu den Besonderheiten des Buches.

    Die Herausgeber haben sich ein hohes Ziel gesteckt, sie möchten dem Leser helfen, die „Tiefen der Existenz auszuloten“: „Wir möchten außerdem neue Zugänge zum Renouveau catholique eröffnen, der auf eine einmalige Weise vor Augen führt, wie der Katholizismus als kulturelle Sphäre der Kirche vermittelnd wirksam zu sein vermag, ohne die Grundlagen des Glaubens zu verlassen.“ Und sie möchten auch die unbekannten geistlichen und praktischen Seiten der Theologie zeigen, die heute keinen leichten Stand habe und wie sie in die Wirklichkeit des Lebens führen kann.

    In seinem Beitrag „Ordnungen des Herzens“ macht Harald Seubert, Professor für Philosophie und Religionswissenschaft an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel, eine besondere Charakteristik des „Tagesbuchs eines Landpfarrers“ aus, die es mit der Lehre Pascals verbindet. Es ist die Langeweile des Menschen ohne Gott. Pascal wie Bernanos haben sehr genau den Geisteszustand beschrieben, der in künstlichen Paradiesen zur Verhärtung der Herzen führt. Der Curé, der Landpfarrer, wie er im Buch immer wieder genannt wird, „sieht aus der Ordnung des Herzens auf diesen Zustand, der sich wie ein Geschwür ausbreitet, und erleidet ihn gleichsam mit. Dass er an einem Krebsleiden, einer andersartigen Geschwulst, stirbt, ist alles andere als zufällig.“ Das Dorf, in dem der Landpfarrer lebt, sei völlig vom Bösen durchdrungen und steht symbolisch für die Zeit bis zur eschatologischen Enthüllung der Herrlichkeit Gottes. Der einsame Priester nimmt schließlich die „Schuld des Dorfes“ auf sich, wie Seubert schreibt und bewirkt damit den Durchbruch der Gnade.

    Über die Gnade bei Bernanos, aber auch im katholischen Roman, hat Kardinal Leo Scheffczyk ausführlich geschrieben. Über das Werk Bernanos', zu dem auch „Die Sonne Satans“ gehört, „Der Betrug“, „Ein Verbrechen“, „Die rote Gemeinde“ oder „Die Freude“, sagt Scheffczyk: „Äußerlich betrachtet, steht nicht viel Hoffnungsvolles und Sieghaftes in den Romanen Bernanos'… Die einzige Hoffnung für Bernanos ist die, dass diese mystische Armut Christi die Welt noch überwinden kann. Und diese Hoffnung blitzt als tröstliche Gewissheit immer wieder aus den Romanen hervor.“ Entscheidend sei es, dass der katholische Dichter die Welt von der Ewigkeit her versteht und das er das Leben als Geheimnis der Gnade und der göttlichen Führung begreift. Wobei sich Scheffczyk fragt, ob es überhaupt möglich ist, das „Geheimnis des Kampfes zwischen Gnade und Bosheit in einem Menschen oder in der Welt überhaupt“ literarisch darzustellen und ob es gelingt, dass ein Dichter dies glaubwürdig machen kann. Um dies zu klären, zeichnet der Kardinal in einigen „biographischen Strichen“ eine Skizze des Lebens Bernanos' nach.

    Der am 20. Februar 1888 in Paris geborene Bernanos hatte väterlicherseits spanische Vorfahren. Im Pariser Jesuitenkolleg von Vaugirad verbrachte er seine Gymnasialzeit. „Wofür er brannte, sagt er uns in einer nach seinem Tode veröffentlichten Selbstbiographie: Für sein ruhmreiches Land, dem er immer eine besondere Aufgabe im Reich Gottes auf dieser Welt zuerkannte und für die heilige Religion.“ Aus der Zeit des Ersten Weltkriegs rührte seine Vorliebe für das „einfache und derbe Volk“, wie Scheffczyk zeigt, woraus sich Misstrauen und auch „Hass“ gegen das Bürgertum entwickelt habe, unter anderem auch gegen Maritain und Paul Claudel. Bernanos war alles Geistreiche zuwider, er hielt es für überflüssig. Stattdessen schätzte er die Elite der Arbeiter und Bauern. Seine Frau stammte in direkter Linie von Jeanne d'Arc ab, was ihn wohl noch kompromissloser gemacht hat, wie Scheffczyk vermutet. Bernanos hatte ein tiefes Gespür für den Nihilismus seiner Zeit und lehnte besonders auch die Beamtenmentalität und den Opportunismus unter Teilen des Klerus ab, der sich mit dem Totalitarismus verbündete. Diese Mentalität hatte er in Spanien angetroffen– 1934 war er nach Mallorca ausgewandert und schrieb da seine reifsten Werke. In seinem bewegten Leben kehrte er 1937 nach Frankreich zurück, ging dann aber bald als Farmer nach Brasilien. Nach weiteren Umzügen nach Frankreich und Tunis starb er 1948 in Paris.

    Das Mittelalter war für Bernanos die Epoche des Christentums; seiner eigenen Zeit bescheinigte er: „Die Christenheit ist tot“. Im Ersten Weltkrieg sah Bernanos den „letzten verzweifelten Versuch der europäischen Christenheit, sich durch das Opfer ihrer Besten vor dem Untergang zu retten“, schreibt Scheffczyk. Nachdem dies misslungen sei, gebe es nur noch „einzelne überlebende Christen“. Großartig sind auch die vergleichenden Analysen zu Werner Bergengruen, Gertrud von le Fort oder Graham Greene.

    Der äußerst lesenswerte Band enthält noch weitere elf Beiträge mit Interpretationen zum „Landpfarrer“, über dessen Spiritualität, sein Verhältnis zum Mönchtum oder zur Eucharistie. Dass das „Tagebuch eines Landpfarrers“ auch heute noch gültig ist, hat Professor em. Ludwig Mödl, heute Spiritual am herzoglichen Georgianum München und Universitätsprediger an der Ludwigskirche München, gezeigt. Zwar sei das Richtbild nicht mehr der arme Landpfarrer, aber das „Gnadenwirken der Kirche durch ihre Repräsentanten“, die Spiritualität, Theologie und Kultur verkörpern, wie es Bernanos dargestellt hat. Den Kern dieser Botschaft hat der sterbende Landpfarrer selbst ausgesprochen: „Alles ist Gnade.“

    Veit Neumann/Josef Kreiml (Hrsg.): George Bernanos und der Renouveau catholique – Das „Tagebuch eines Landpfarrers“ als herausragender Priesterroman. Friedrich Pustet Verlag 2016, 344 Seiten, ISBN-13: 978-342903-694-2, EUR 24,90