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    „Die Form der Belehrung von oben nach unten geht heute nicht mehr“

    Befremdet es Sie, wenn in den Diskussionen über die Mission der katholischen Kirche vor dem Konzil Stichworte wie Zwangstaufen, Kolonialismus oder Gesinnungsterror fallen?

    Befremdet es Sie, wenn in den Diskussionen über die Mission der katholischen Kirche vor dem Konzil Stichworte wie Zwangstaufen, Kolonialismus oder Gesinnungsterror fallen?

    Das sind eingefahrene Reflexe, in denen wenig Vernunft zu finden ist. Es erinnert mich ein wenig an das Problem der Pius-Bruderschaft mit den Menschenrechten. Warum? Weil im Namen der Menschenrechte am Anfang in Europa die Guillotine aufgestellt wurde und in der Vendée ein regelrechter Völkermord stattgefunden hat, sollen wir gegen die Menschenrechte sein, obwohl deren Proklamation ein wichtiger Fortschritt in der Geschichte der Menschheit war? Zwangstaufen hat die Kirche immer streng verboten, sie fanden trotzdem statt. Soll man wirklich, weil es Zwangstaufen gab, nun auch gegen freiwillige Taufen sein? Was ist das für eine kranke Logik? Und was den Kolonialismus betrifft, so sind in der Tat christliche Missionare vielfach mit Kolonialmächten ins Land gekommen. Charles de Foucauld hat viele Jahre bei den Tuareg verbracht, ohne zu missionieren. Er wollte dort nur die Präsenz Christi repräsentieren. Aus seinen Schriften geht aber hervor, dass er sich nur als Vorläufer späterer katholischer Missionare verstand, für die er den Boden bereiten wollte. Und denken Sie bitte an Martin Luther King. Die Tatsache, dass seine Vorfahren durch weiße Mitbürger ihrer Sklavenhalter missioniert wurden, hinderte ihn nicht daran, Christ zu sein und als Schüler Christi den Rassismus zu bekämpfen. Ob Jesus der Messias und der Sohn Gottes ist, hängt nicht davon ab, ob später nominelle Christen seine Lehre befolgen oder verraten. Ein Medikament ist nicht deshalb schlecht, weil irgendwann einmal Menschen zu seiner Einnahme gezwungen wurden. Martin Luther King war kein Teenager, sondern ein erwachsener, reifer Mensch.

    Ist Mission dem bürgerlichen Frieden und der friedlichen Koexistenz der Religionen und Konfessionen abträglich?

    Nein, überhaupt nicht. Wo Konflikte auftreten zwischen Konfessionen und Religionen, liefert nicht die Mission den Anlass dazu, sondern territoriale Ansprüche von Religionen, die anderen die Mission verbieten. Der Islam ist nicht deshalb dem Konfessionsfrieden abträglich, weil er missioniert. Alle universalistischen Religionen sind ihrem Wesen nach missionarisch. Wenn Sie glauben, eine für alle Menschen heilsame Wahrheit gefunden zu haben, ist es ein Gebot der Liebe, anderen dies mitzuteilen und dafür zu werben. Wer darauf verzichtet, hat im Grunde schon auf seinen eigenen Glauben verzichtet. Oder die Seelen seiner Mitmenschen sind ihm gleichgültig. Der Islam ist nicht deshalb dem Konfessionsfrieden abträglich, weil er missioniert, sondern weil er den Christen das Missionieren verwehrt und in islamischen Ländern die Konversion zum Christentum unter Strafe stellt. Im übrigen: die aufdringliche Missionstätigkeit der Zeugen Jehovas hat noch nirgendwo den öffentlichen Frieden gefährdet.

    Betrachten Sie Mission als eine Identitätsfrage für Christen?

    Absolut: Ein Christentum, das auf Mission verzichtet, hat sich selbst aufgegeben. Mission ist der Auftrag des Herrn an seine Jünger. Heute ist die vordringlichste Aufgabe der Mission in Europa die Bekehrung der europäischen Ungläubigen, die zum Teil noch nominell Christen sind. Die zweite Aufgabe ist der Kirche Christi gestellt durch die Präsenz vieler Moslems in unseren Ländern. Christliche Mission in islamischen Ländern hat sich in der Vergangenheit nicht als sehr erfolgreich erwiesen. Die Situation ist jetzt anders. Es geht nicht in erster Linie darum, gläubigen Moslems den christlichen Glauben nahezubringen. Aber unter den vielen Ungläubigen in Europa sind auch viele, vor allem jüngere Moslems, die auch nur noch noch nominell Moslems sind und sich aus verschiedenen Gründen von ihrer Herkunftswelt emanzipieren. Wohin gehen sie? Fallen sie dem westlichen Unglauben zum Opfer oder werden sie aufgefangen von der Freiheit, die Christus bringt? Ich habe den Eindruck, dass die Kirche die Aufgabe und die Chance noch nicht sieht, die hier liegt. Und gläubige Moslems sollten es nicht übelnehmen, wenn Christen den Menschen, die dem Islam den Rücken kehren, im Christentum eine Alternative zum atheistischen Hedonismus und Nihilismus bieten. Mir wäre es auch lieber, wenn ein Kind von mir Moslem statt Atheist würde.

    Verdient eine Gesellschaft, die Stellungnahmen des Heiligen Vaters als gefährlichen Fundamentalismus betrachtet, noch Attribute wie liberal oder tolerant?

    Nein, sie ist weder liberal noch tolerant, es sei denn, man versteht unter Liberalismus die Überzeugung, dass es keine Überzeugungen geben darf. Ursprünglich heißt Toleranz Respekt vor den Überzeugungen anderer. Das ist im Augenblick bei uns im Schwinden begriffen. Toleranz heißt jetzt nicht mehr Respekt vor Überzeugungen anderer, sondern Ablehnung jeder Überzeugung. Was dem Papst vorgeworfen wird ist ganz schlicht, dass er das verkündet, was die katholische Kirche immer verkündet hat. Er tut es auf eine besonders vernünftige und menschliche Weise. Aber er verzichtet nicht darauf, den christlichen Lebensweg zu lehren.

    Wie beurteilen Sie die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch unter getauften Eltern zunehmend verbreitete Auffassung, Kinder sollten sich selbst für oder gegen die Taufe entscheiden, sobald sie zur Vernunft gelangt sind?

    Hier liegen ein paar tiefsitzende Irrtümer zugrunde. Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern Ich habe euch erwählt.“ Das heißt: Gott hat mich gefunden, nicht ich habe Gott gefunden. Die Kindertaufe drückt das sehr gut aus: Zunächst empfangen wir. Dass das Kind in Freiheit den Glauben annehmen muss ist klar; aber um den Glauben überhaupt annehmen zu können, muss man ihn von innen kennengelernt haben. Wer glaubt, dass Jesus Christus sein Erlöser ist, der wird doch seinen Kindern das nicht vorenthalten. Alfred Grosser, der selbst ungläubig war, schickte seine Kinder in ein katholisches Internat damit sie, wie er es ausdrückte, sich einmal frei entscheiden können. Um sich frei entscheiden zu können, sollten sie erst einmal die gelebte Praxis des Glaubens kennenlernen. „Verlieren“, sagte er mir einmal „kann man den Glauben sehr schnell. Viel schwerer ist es, ihn zu erwerben.“. Im Übrigen ist die Firmung das Sakrament, im Zusammenhang mit dem die eigenständige Übernahme des Glaubens erfolgt. Die Orthodoxen firmen die Kinder zusammen mit der Taufe. Das kann man auch machen – im Vertrauen auf die Kraft des Sakramentes. Wenn man es aber nicht mit der Taufe zusammenlegt, dann sollte man nicht zu früh firmen. Ich persönlich würde dafür plädieren, dass die Kinder überhaupt nicht gruppenweise oder klassenweise zur Firmung geführt werden, sondern dass sie sich erst firmen lassen, wenn sie in das Alter der Selbstbestimmung eintreten, also vielleicht mit 17 oder 18. Dann werden vielleicht sehr viel weniger Jugendliche gefirmt werden, aber das Firmsakrament wird heute vielfach missbraucht: Es werden Kinder gefirmt, die weder vorher noch nachher in die Kirche gehen. Das ist ein unmöglicher Zustand. Das gilt übrigens auch für die Taufe. Nur solche Eltern sollten ihre Kinder taufen lassen, die selber willens sind, die Kinder in einem Leben aus dem Glauben zu erziehen. Wenn sie das gar nicht wollen oder nicht können, dann spricht das auch gegen die Kindertaufe. Das ist ein Sakramentalismus, der meiner Ansicht nach nicht gerechtfertigt ist.

    Krankt der ökumenische Dialog zwischen Katholiken und Protestanten hierzulande an dem ungeschrieben praktizierten Gesetz, Konversionen zur jeweils anderen Seite zu ächten?

    Das ist etwas, was Leute schmerzhaft erleben müssen, die katholisch werden wollen und denen der katholische Priester dann sagt: „Aber warum denn, bleiben Sie doch da, wo Sie sind. Sie können als Protestant doch genausogut Christ sein. Konversionen sind nicht mehr zeitgemäß“. Das Zweite Vatikanische Konzil schreibt: „Nur durch die katholische Kirche Christi, die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben.“ Wer einem evangelischen Christen abrät, katholisch zu werden, glaubt entweder nicht, was das Konzil – in Übereinstimmung mit der gesamten Tradition – lehrt, oder er will den Mitchristen von dieser Fülle ausschließen.

    Das Missionsdekret „Ad gentes“ weist mit darauf hin, dass die Kirche „Anfänge und Stufen ihrer Tätigkeit kennt, mit der sie den Plan Gottes zu verwirklichen sucht“. Halten Sie es für ein Zeichen pastoraler Klugheit, wenn die Kirche zumindest in unseren Breiten heute nur zurückhaltend zur Taufe auffordert und in Predigten kaum noch von Beichte, Hölle und Verdammnis die Rede ist?

    Das ist ganz ambivalent. Einerseits ist es richtig, dass in säkularisierten Gesellschaften man nicht einfach werben soll für eine Taufpraxis, die an der Realität inzwischen vorbeigeht, hinter der gar keine christliche Familie steht, gar nicht der Wille, die Kinder christlich zu erziehen. Werbung für den Glauben wäre konsequenter als Werbung für die Taufe. Zum Glauben allerdings gehört auch der Glaube, dass die Freiheit des Menschen soweit geht, dass er den Sinn seines Lebens auch verpassen kann. Es hieße das Evangelium verraten, wenn dieser Teil der Lehre einfach unterdrückt würde. Man tut heute oft so, als wäre es die Kirche, in deren Macht es stünde zu entscheiden, ob es eine Hölle gibt oder nicht, und die nicht darauf verzichten will, mit der Predigt von der Hölle Angst zu machen. Dabei kann sie doch nur die Warnungen Jesu weitergeben und würde sich schwer schuldig machen, wenn sie die Gefahr verschwiege, in der wir alle stehen, die Gefahr, den Sinn unseres Daseins zu verpassen und ewig verloren zu gehen. „Rette uns vor dem ewigen Verderben“, so betet die Kirche in jeder heiligen Messe. Und wir gehen ewig verloren, wenn wir unseren eigenen Willen dem Willen Gottes vorziehen. So einfach ist das. Auf diesem Hintergrund erst wird uns das überwältigende Geschenk der Umkehr und der Vergebung erfahrbar. Und das heißt auch: das überwältigende Geschenk des Bußsakramentes, in dem wir uns der Vergebung durch das Kreuz Christi und der Möglichkeit des immer neuen Anfangs vergewissern dürfen. Es ist unverantwortlich, den Menschen diese Wohltat zu verheimlichen und sie nicht dringlich dazu anzuhalten, diese Wohltat anzunehmen. Gar nicht zu reden davon, dass die heutige Verkündigung fast überall verschweigt, dass der Empfang der heiligen Kommunion ohne vorherige Beichte aller schweren Sünden ein Sakrileg ist, auf das das Wort des Apostels Paulus zutrifft: „Wer unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt sich das Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht unterscheidet“. Wer schuld daran ist, dass dieser Satz in der „neuen Messe“ sowohl am Gründonnerstag als auch an Fronleichnam aus der Lesung gestrichen wurde, hat eine schwere Verantwortung auf sich geladen.

    Weiter heißt es in „Ad gentes“: „Außerdem sind die Verhältnisse manchmal von der Art, dass für bestimmte Zeit die Möglichkeit fehlt, die Botschaft des Evangeliums direkt und sofort vorzulegen.“ Die Missionare werden dann ermutigt, klug und geduldig vorzugehen und Zeugnis abzulegen. Halten Sie es für konsequent, wenn in diesem Sinne zum Beispiel der Apostolische Vikar von Arabien den Einheimischen dringend von der Konversion abrät, weil Konvertiten ihren christlichen Glauben nicht ausüben können?

    Was das Konzil sagt, scheint mir vollkommen richtig zu sein. Man kann nicht überall Menschen direkt mit dem Evangelium konfrontieren, wenn dazu überhaupt kein Boden bereitet ist. Da gibt es Vorstadien: siehe das Beispiel des heiligen Charles de Foucauld. Aber das Ziel muss klar sein: Das Ziel ist, die Menschen zu Christus zu führen. Mit Blick auf Saudi Arabien haben wir in Europa natürlich leicht reden. Dennoch finde ich, dass ein christlicher Bischof so etwas nicht sagen kann, denn dann hätten die Apostel und alle Bischöfe der ersten drei Jahrhunderte den Menschen von der Taufe abraten müssen, weil Christsein lebensgefährlich war und mit dem Tode bedroht wurde. Das Christentum wäre schon ganz am Anfang am Ende gewesen. Natürlich müssen die Christen klug sein, und meiner Ansicht nach ist es so, dass wenn heute ein Bürger von Saudi-Arabien Christ wird, ihm wohl keine andere Möglichkeit bleibt als auszuwandern. Aber zu sagen, bleibt da, lasst euch nicht taufen, bekehrt euch nicht zum christlichen Glauben, denn das ist lebensgefährlich – das ist unvereinbar mit der Weise, wie das Christentum überhaupt sich in der Welt verbreitet hat.

    Der Heilige Vater hat das Ziel des interreligiösen Dialogs kürzlich folgendermaßen definiert: Gott fürchten und tun, was recht ist. Dies zu lernen und die Welt so für das Reich Gottes zu öffnen.“ Können sich Christen, die den interreligiösen Dialog mit Gläubigen anderer Religionen auf keinen Fall als Mission, sondern als „ergebnisoffenen Prozess“ verstanden wissen wollen, durch diese Formulierung zumindest teilweise bestätigt sehen?

    Es stimmt, dass der Stil der Glaubensverkündigung im Bereich anderer Religionen heute ein anderer sein muss als er es früher war. Diese Form der Belehrung von oben nach unten geht nicht mehr, wenn das zivilisatoriche Gefälle sich abbaut und wenn Menschen in anderen Kulturen zu einem größeren Selbstbewusstsein gelangt sind. Deswegen muss die Mission heute die Form des Dialoges annehmen. Aber das kann nicht heißen, dass dieser Dialog an die Stelle der Mission tritt, sondern dass er eine neue Form der Mission ist. Der Dialog ist nur in dem Sinne ergebnisoffen, als es ungewiss ist, ob sich der andere letzten Endes überzeugen lässt oder nicht. Aber er ist nicht in dem Sinne ergebnisoffen, dass ich selber gewissermaßen neutral bin: Ich weiß, dass der Glaube an Christus das Leben des anderen rettet. Wenn dieses Bewusstsein hinter dem Dialog steht, ist der Dialog eine Form von Mission. Der Dialog ist echt, wenn ich höre, was der andere sagt, wenn ich versuche, ihn zu verstehen und auch von ihm zu lernen. In seinen religiösen Traditionen ist auch Weisheit enthalten Die Weisen aus dem Morgenland waren wirklich Weise. Sonst wären sie nicht imstande gewesen, aus einer Sternenkonstellation auf die Geburt des Messiaskönigs in Israel zu schließen. Aber das Ziel ihrer Weisheit ist, Christus zu finden. Der Dialog findet heute „auf gleicher Augenhöhe“ statt. Aber Jesus Christus ist und bleibt der Ort, in dem alle Weisheit aufgehoben ist.

    Von Regina Einig