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    Die Auferstehung des Leibes

    Wir Menschen sind Wesen, in welchen ein Leib und eine Seele miteinander verbunden sind. Wir sind geschlechtliche Wesen. Leib und Seele erleben wir in einem gewissen Widerstreit und gegensätzlich. Wie können wir leben mit den schmerzlichen und angstvollen Erfahrungen, die damit verbunden sind? Wir könnten vorwurfsvoll fragen: Warum hat Gott uns nicht als reine Geister oder einfach nur als Tiere erschaffen? Der heilige Apostel Paulus scheint eine ähnliche Erfahrung gemacht zu haben, wenn er schreibt: „Denn in meinem Innern freue ich mich am Gesetz Gottes, ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das mit dem Gesetz meiner Vernunft im Streit liegt und mich gefangen hält im Gesetz der Sünde, von dem meine Glieder beherrscht werden. Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten?“ (Röm 7,22–24).

    Christen glauben nicht nur an die Unsterblichkeit der Seele, sondern auch an die Auferstehung des Leibes. Foto: IN

    Wir Menschen sind Wesen, in welchen ein Leib und eine Seele miteinander verbunden sind. Wir sind geschlechtliche Wesen. Leib und Seele erleben wir in einem gewissen Widerstreit und gegensätzlich. Wie können wir leben mit den schmerzlichen und angstvollen Erfahrungen, die damit verbunden sind? Wir könnten vorwurfsvoll fragen: Warum hat Gott uns nicht als reine Geister oder einfach nur als Tiere erschaffen? Der heilige Apostel Paulus scheint eine ähnliche Erfahrung gemacht zu haben, wenn er schreibt: „Denn in meinem Innern freue ich mich am Gesetz Gottes, ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das mit dem Gesetz meiner Vernunft im Streit liegt und mich gefangen hält im Gesetz der Sünde, von dem meine Glieder beherrscht werden. Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten?“ (Röm 7,22–24).

    Das Christentum ist jedoch zunächst und vor allem eine Religion des Leibes. Denn es beruht auf dem Glauben der Fleischwerdung des Wortes Gottes. „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“, heißt es im Prolog des Johannesevangeliums. Und wir glauben nach der Auferstehung unseres Herrn auch an unsere leibliche Auferstehung. Wir haben Mühe zu begreifen, dass Gott uns kennt und liebt bis in unseren Leib hinein. Die Ablehnung des Leibes, die Ablehnung der Inkarnation und die Ablehnung eines Gottes, der sich uns in der heiligen Kommunion als Speise schenkt, hängen innerlich zusammen. Es ist leicht, den Leib anzuklagen und abzulehnen. Das wahre Problem des menschlichen Gleichgewichtes liegt jedoch im Herzen des Menschen, das sich missbrauchen lässt.

    Es ist die Absicht Johannes Pauls II., uns die Schlüssel zu geben, damit wir unsere Leiblichkeit verstehen lernen. Wir sollen sie verstehen im Licht des Planes Gottes, der von den Menschen abgelehnt, von Jesus Christus jedoch wiederhergestellt und von der Kirche verkündet wird. Die Kirche hat sich immer gegen Häresien gewehrt, welche den Leib abwerteten. Das war gar nicht anders möglich für eine Religion der Inkarnation, der Fleischwerdung. Paulus sagt: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib“ (1 Kor 6,19–20). Und der heilige Franz von Sales ergänzt: „Der Christ muss seinen Leib lieben wie ein lebendiges Abbild seines fleischgewordenen Erlösers.“

    Dennoch gibt es in der christlichen Tradition als Folge von häretischen Einflüssen und dem zwiespältigen Verhältnis, das wir Menschen gegenüber unserem Leib haben, immer wieder auch leibfeindliche Tendenzen. Der Körper wird als Grab der Seele gesehen, die Sexualität als etwas Schmutziges empfunden, Sünden gegen das sechste Gebot als besonders schwerwiegend. Das war und ist nicht die Lehre der Kirche. Dennoch haben sich solche Tendenzen nicht selten auch auf die Seelsorge ausgewirkt. Wir haben leicht den Eindruck, dass das Übel im menschlichen Leben vom Leib stammt. Die Theologie des Leibes ist eine Pädagogik, welche uns helfen möchte, den Sinn unseres Leibes zu verstehen.

    Wozu haben wir einen Leib? Nur der Leib ist fähig, das Unsichtbare, das Geistliche und Göttliche sichtbar werden zu lassen. Er wurde dazu erschaffen, um das seit Ewigkeit in Gott verborgene Geheimnis der Liebe in die sichtbare Wirklichkeit der Welt zu übertragen und das sichtbare Zeichen davon zu sein. Die Berufung des Leibes ist die gleiche, in welchem Stand auch immer man lebt. Sie kann sich ausdrücken in der Ehe. Aber sie kann sich auch verkörpern und gelebt werden in der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, ohne dass der Leib von seiner bräutlichen Bedeutung und seiner hochzeitlichen Berufung etwas verneint. Letztlich gibt es nur eine einzige Berufung, diejenige zur Hingabe seiner selbst als Person. Ehe und Jungfräulichkeit sind zwei Arten, diese eine Berufung der Liebe zu leben.

    Die Ursünde oder die Erbsünde ist ein Schlüssel zum Verständnis der Theologie des Leibes, ja des ganzen Glaubensbekenntnisses. Wieso will der Mensch das Rechte und das Gute tun und kann es doch nicht? Wir können diese Frage ohne den Blick auf die Ursünde nicht beantworten. Es bräuchte keinen Erlöser, wenn nicht die ganze Menschheit angesteckt wäre von der Sünde unserer Stammeltern. Das Heil, von dem die göttliche Offenbarung spricht, ist vor allem die Befreiung vom Übel der Sünde. Im Licht der Erlösung wird die Realität der Sünde zur Gelegenheit, das Geheimnis Gottes tiefer zu verstehen; dieses Gottes, der Liebe ist (1 Joh 4,16). Der Einbruch der Sünde in die Schöpfung hat sich auch ausgewirkt auf das Verhältnis des Menschen zu seinem Leib. Vor dem Sündenfall war der Bezugspunkt der menschlichen Sexualität die Gemeinschaft der göttlichen Personen. Deren sichtbares Abbild zu sein, war sie berufen. Nach dem Sündenfall ist der Bezugspunkt der menschlichen Sexualität die triebhafte animalische Sexualität. Für Johannes Paul II. ist die ursprüngliche Scham ein Hinweis darauf, dass der Mann und die Frau in ihrem Gewissen spüren, dass sie, von der Begierde geleitet, füreinander zu einem bloßen Objekt werden können. Das Herz ruft zur Gemeinschaft der Personen und der Blick versucht, den anderen zu benutzen, zur Sache zu machen. Wir sind für die Gemeinschaft geschaffen. Der geschichtliche, sündige Mensch braucht dazu die Haltung der Keuschheit aus der Reinigung des Herzens. Diese wiederum bedarf der Gnade der Erlösung. Jesus hat uns durch sein leib-seelisches Leiden erlöst. Seine Erlösung heiligt uns als ganze Menschen, mit Leib und Seele.

    Im Brief an die Römer kommt Paulus auch auf die ,Erlösung des Leibes‘ zu sprechen. „Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden“ (Röm 8, 23). Er tut es im Blick auf die Schöpfung und ihre Vergänglichkeit. Die Auswirkungen der Sünde des Menschen haben eine kosmische Dimension. „Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“ (Röm 8, 22). Und gleichzeitig „wartet die ganze Schöpfung sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes“ und „hegt die Hoffnung, dass auch sie von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden soll zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8, 19. 20–21). Mit Paulus dürfen wir auf die Erlösung des Leibes hoffen. Es geht um die Erlösung des ganzen Menschen mit Leib und Seele. Und dadurch geht es um die Erlösung der Welt, ja des Kosmos. In seinem täglichen Leben muss der Mensch aus dem Geheimnis der Erlösung des Leibes die Inspiration und Kraft für die Überwindung des Bösen schöpfen, das in Gestalt der Begierde in ihm schlummert.

    Christus erfüllt diese Hoffnung nicht nur durch die Worte seiner Lehre, sondern vor allem durch das Zeugnis seines Todes und seiner Auferstehung. So hat sich also die Erlösung des Leibes in Christus bereits erfüllt. In ihm hat sich jene Hoffnung bestätigt, in der ,wir gerettet sind‘. ,Die Erlösung des Leibes‘ ist nach dem Apostel schließlich das, worauf wir ,warten‘. So warten wir auf den Endsieg über den Tod, von dem Christus vor allem in seiner Auferstehung Zeugnis gegeben hat. Sowohl Christus wie später Paulus von Tarsus haben den Aufruf zur Ehelosigkeit ,um des Himmelreiches willen‘ gerade im Namen dieser endzeitlichen Wirklichkeit verkündet.

    Jesus Christus ist leiblich von den Toten auferstanden und verheißt uns am Ende die leibliche Aufnahme in den Himmel. Wir dürfen uns die Auferstehung nicht als eine einfache Wiederbelebung vorstellen. Sie ist viel mehr als eine Reanimation. Wir werden auch nicht in Engel verwandelt. Die Auferstehung bedeutet vielmehr eine neue Unterordnung des Leibes unter den Geist. Der Geist wird den Leib und seine Kräfte in einer totalen Harmonie völlig durchdringen. Alles Leibliche wird teilhaben am Geistlichen im Menschen. Sein ganzes Personsein wird der Mensch vollkommen verwirklichen. Auch nach der Auferstehung bleiben wir Mann und Frau. Aber wir werden, wie Jesus den Sadduzäern geantwortet hat, nicht mehr heiraten: „Denn nach der Auferstehung werden die Menschen nicht mehr heiraten, sondern sein wie die Engel im Himmel“ (Mt 22,16). In der anderen Welt wird sich unser Mann- beziehungsweise Frausein nicht mehr durch die Ehe und die leibliche Fruchtbarkeit ausdrücken. Mit dem Ende der Geschichte hören das Wachstum der Menschheit und die Weitergabe des Lebens auf. Das, worum wir geschaffen wurden, nämlich Wesen der Gemeinschaft zu sein, das wird auf einer anderen Ebene vollkommen verwirklicht: Gott selber schenkt sich jeder Person. Die Gemeinschaft der Heiligen wird nur dann vollendet sein, wenn sie sich in der Gemeinschaft Gottes vollendet. Nach der Auferstehung werden wir nicht mehr nur ein Bild sein der göttlichen Gemeinschaft. Wir werden vielmehr die göttliche Liebesgemeinschaft in uns verwirklichen und so auch die bräutliche Bedeutung unseres Leibes.

    Die Menschen heiraten in der anderen Welt nicht, weil dort Gott alles in allem sein wird (vgl. 1 Kor 15,28). Die Jungfräulichkeit ist Zeichen dafür, dass der Leib, dessen Ende nicht der Tod ist, nach Verherrlichung strebt und schon deshalb für die Menschen ein Zeugnis ist, das die zukünftige Auferstehung vorwegnimmt. Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen ist eine besondere Ausnahme. Sie ist ein Zeichen übernatürlicher Fruchtbarkeit im Heiligen Geist. Sie ist etwas absolut Neues gegenüber der Tradition des Alten Testamentes. Ehe und Ehelosigkeit erklären und ergänzen sich gegenseitig. Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen nimmt die Auferstehungswirklichkeit vorweg. Liebe ist die Bereitschaft zur Ganzhingabe. Die Ehelosigkeit ist eine besondere Antwort auf die bräutliche Liebe des Erlösers. Diese wiederum ist bräutliche Liebe zur Kirche. Für Paulus beruht die freiwillige Ehelosigkeit nicht auf einem Gebot. Sie ist ein Rat aus der Sorge, Gott zu gefallen. Jeder Mensch hat seine Gnadengabe von Gott. Der Leib ist für jeden Gläubigen, ob er verheiratet ist oder jungfräulich lebt, ein Tempel des Heiligen Geistes. Die Erlösung des Leibes im Tod und in der Auferstehung Jesu hat eine kosmische Dimension.

    Mit Johannes Paul II. wird einsichtig, was man kaum zu denken wagt: Diese beiden Dimensionen des menschlichen und christlichen Lebens, Sexualität und Heiligkeit, gehören zusammen. Die Sexualität ist von Gott. Sie ist nicht ein Rest unserer Tierhaftigkeit. Vielleicht liegt hier das, was man das Revolutionäre der Sicht Wojtyla's nennen könnte. Es ist gleichsam eine kopernikanische Wende, eine völlige Umkehr der Perspektive.

    Mit der Offenbarung des Planes Gottes zur menschlichen Sexualität sind alle Versuchungen des Manichäismus, welcher zwar nicht die Lehre, aber die Seelsorge der Kirche immer wieder beeinflusste, besiegt. Unser Glaube ist nicht leibfeindlich, sondern ausdrücklich leibfreundlich. Die Sexualität muss nicht vom Menschen je neu erfunden werden, sie ist geoffenbart. Die Gemeinschaft der göttlichen Personen ist die Quelle und das Modell der Sexualität, nicht die Bestimmung durch den Instinkt oder den Trieb. Damit müssen die ewigen Kritiken an der Kirche ein Ende haben: die Kirche sei leibfeindlich, sie sei gegen die Sexualität, gegen die Lust. Nein, die Kirche ist radikal, von der Schöpfung her dafür. Nur sie ist wirklich dafür. Denn nur sie kennt die ganze Wahrheit über den menschlichen Leib und die Sexualität. Diese Wahrheit ermöglicht Mann und Frau, zur Erfüllung zu gelangen in der aufrichtigen Hingabe ihrer selbst.

    Wir Christen dürfen uns aufrichten. Wir brauchen uns nicht lähmen zu lassen durch lügnerische Behauptungen. Wir haben der Welt eine lichtvolle Botschaft zu verkünden über den Leib und das Geschlecht; eine Botschaft, wonach die Welt im Grunde sich sehnt. Unsere Generation, die Generation von Johannes Paul II., trägt hier eine große Verantwortung. Denn diese Botschaft der Wahrheit und der Freiheit, diese wahrhaft gute Nachricht wäre imstande, das Angesicht der Welt zu erneuern.

    Die Theologie des Leibes scheint mir eine Hilfe zu sein, auch die Berufung zur Jungfräulichkeit und zum Zölibat tiefer zu verstehen und überzeugender zu leben. Es geht dabei nicht darum, die Männlichkeit oder Weiblichkeit zu verleugnen. Auch wer um des Himmelreiches willen auf die Ehe verzichtet, bleibt Frau oder Mann. Er bleibt ,ergänzungsbedürftig‘. Unser Geschlecht ist eine Einladung, uns auf das Du des oder der Anderen hin zu übersteigen. Der jungfräuliche Mensch lebt die Hingabe seiner selbst zuerst auf Jesus hin, den Bräutigam der Seele und der Kirche. Der Akzent liegt auf der Gottesliebe. Dabei ist er in Gefahr, dass seine Nächstenliebe abstrakt bleibt. Die Eheleute erinnern daran, dass die Liebe immer konkret sein muss. In der Ehe liegt der Akzent mehr auf der Nächstenliebe. Dabei besteht die Gefahr, dass die größere Perspektive der geistlichen Berufung der Ehe vernachlässigt wird. Die Ehelosen um des Himmelreiches willen erinnern die Verheirateten daran, dass Gott allein genügt, dass nur ER uns ganz glücklich, ja selig machen kann – in der Auferstehung mit Seele und Leib. Gilbert Keith Chesterton, der geistreiche englische Schriftsteller, hat sinngemäß einmal gesagt: Alle Menschen sind verheiratet: die einen mit einem Mann oder einer Frau, die anderen mit Gott, wieder andere mit sich selbst. Nur die ersten beiden Möglichkeiten sind gut.