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    Das Jesuskind als geistliche Mitte

    Eine Hauptverkehrsader führt den Besucher ins Kloster Oberzell am Rand der Stadt Würzburg. Doch der Autoverkehr täuscht nicht darüber hinweg, dass sich hinter den Klostermauern eine spirituelle Oase mit bewegter Geschichte befindet: Bis zur Säkularisation im Jahr 1803 war Oberzell das einzige Prämonstratenser-Kloster Frankens im Rang einer Abtei, seit 1901 leben hier die Franziskanerinnen von Oberzell, die sich Dienerinnen der Kindheit Jesu nennen und sich um Frauen in Not kümmern. Und 84 Jahre lang war Oberzell sogar ,,High-Tech-Standort". Hier produzierten Friedrich König und Andreas Bauer Europas erste Druckmaschinen.

    Eine Hauptverkehrsader führt den Besucher ins Kloster Oberzell am Rand der Stadt Würzburg. Doch der Autoverkehr täuscht nicht darüber hinweg, dass sich hinter den Klostermauern eine spirituelle Oase mit bewegter Geschichte befindet: Bis zur Säkularisation im Jahr 1803 war Oberzell das einzige Prämonstratenser-Kloster Frankens im Rang einer Abtei, seit 1901 leben hier die Franziskanerinnen von Oberzell, die sich Dienerinnen der Kindheit Jesu nennen und sich um Frauen in Not kümmern. Und 84 Jahre lang war Oberzell sogar ,,High-Tech-Standort". Hier produzierten Friedrich König und Andreas Bauer Europas erste Druckmaschinen.

    Die „fränkische Tochter von Prémontré“ verdankt ihre Entstehung dem Besuch des heiligen Norbert von Xanten, des Gründers des Prämonstratenserordens. Auf der Rückkehr aus Rom machte er in Würzburg 1126 Halt und feierte das Osterfest. Während des Gottesdienstes im Dom heilte Norbert eine blinde Frau. Das Wunder bewegte Bischof, Domklerus und Laien zu Stiftungen für ein neues Kloster.

    Der Bau der Klosterkirche begann 1128, als Norbert Würzburg zum zweiten Mal besuchte. 1133 bestätigte Papst Innozenz II. das Stift Zell; um 1150 dürfte Zell zur Abtei erhoben worden sein. Typisch für die frühen Prämonstratenser war die Anlage von Zell als Doppelkloster. Um 1230 baute man für die Chorfrauen eine eigene Klosteranlage. Das Frauenkloster Unterzell blieb in geistlicher Beziehung zum Männerkloster Oberzell. Die 1609–1611 erbaute Kirche ist heute evangelische Kirche der Gemeinde Zell. Oberzells Wohlstand scheint beachtlich gewesen zu sein: 1354 wählte Kaiser Karl IV. die Abtei als Sitz seines Hoflagers. Später erlebte Oberzell schwierige Zeiten: Im Bauernkrieg diente das Kloster 1525 den Belagerern der Festung Marienberg als Hauptquartier und wurde geplündert. In der Reformation schmolz der Konvent auf sechs Chorherren zusammen. Im Dreißigjährigen Krieg besetzten die Schweden das Kloster, erst 1635 kehrten die Prämonstratenser zurück. Doch das Kloster erholte sich und fand zu neuer Blüte.

    1744 bis 1760 gaben Balthasar und Franz Ignaz Michael Neumann mit der Errichtung des Konventtrakts und der Prälatur der Klosteranlage ein neues Gesicht. Am Vorabend der Säkularisation wirkten in Oberzell 57 Patres und zwei Laienbrüder.

    „Eine Spiritualität,

    mit der Antonia Werr speziell

    Frauen ansprach“

    Am 4. Dezember 1802 wurde Kloster Oberzell säkularisiert – wie achtzig Abteien und zweihundert weitere Klöster in Bayern. In der folgenden Zeit diente die Klosteranlage als Lazarett, als Anstalt für Epileptiker und psychisch Kranke. Schließlich, 1817, erwarben Friedrich König und sein Freund Andreas Bauer die Klosteranlage: Die Kirche wurde zur Lagerhalle, im Chorraum ratterte seit 1838 eine Dampfmaschine, die Kirchtürme fielen dem Schlot des Kesselhauses zum Opfer: Sechstausend Druckmaschinen wurden in Oberzell gebaut, bis die Firma sich 1901 neue Werkshallen auf der anderen Seite des Mains schuf.

    Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zeichnete sich für das säkularisierte Kloster eine Wende zum Ursprung ab. In der Nähe lebte die Gemeinschaft der ,,Dienerinnen der heiligen Kindheit Jesu“. Ihre Gründerin Antonia Werr (1813–1868) plante eine ,,Besserungsanstalt für verwahrloste und gefährdete Mädchen“ und Oberzell bot sich als idealer Standort an: 1854 mietete Antonia Werr mit vier gleichgesinnten Frauen das sogenannte Schlösschen, ein Jahr später konnte sie ihre Anstalt eröffnen. 1856 kaufte sie das Wirtshaus ,,Zu den zwei guten Greiffen“ am Fuße der Hettstadter Steige, 1863 schloss sich die Gemeinschaft dem Regulierten Dritten Orden des Heiligen Franziskus an. 1901 übernahmen die Schwestern das Kloster Oberzell. 1936 wurde die Kongregation zu einer Gemeinschaft päpstlichen Rechts erhoben.

    Bald 160 Jahre gibt es die ,,Oberzeller Schwestern“ mittlerweile, wie die Gemeinschaft gemeinhin genannt wird. Aber ihre Aufgabe, die Resozialisierung strafentlassener und verwahrloster Mädchen und Frauen, haben die Schwestern bis heute weitergeführt und den Nöten der Zeit entsprechend aktualisiert.

    Freilich: Auch in Oberzell wurden in den fünfziger und sechziger Jahren Erziehungsmethoden angewandt, die Heimkinder traumatisierten. Im Auftrag der Gemeinschaft begleitete Schwester Irmlind Rehberger betroffene Frauen, die diese leidvolle Vergangenheit aufarbeiten wollen. Die Vorsitzende des Vereins ehemaliger Heimkinder, Monika Tschapek-Güntner, dankte den Schwestern. Sie habe noch nirgendwo erlebt, dass eine Gemeinschaft in dieser Form zu ihrer Schuld stehe, ohne zu versuchen, sich herauszureden oder die Erziehungsmethoden der damaligen Zeit herunterzuspielen.

    Zumal die Spiritualität Antonia Werrs darauf ausgerichtet war, die Frauen aufzurichten und deshalb beim Kind in der Krippe ansetzte: ,,Ein Kind ist bedürftig, nackt, hilflos, hat Hunger, muss gewickelt werden. Und Jesus hat sich in diese menschliche Verletzbarkeit hineinbegeben und das durchgehalten bis zum Tod am Kreuz.“ Dieses Geheimnis habe Antonia Werr zum Ausgangspunkt für die Kongregation und für ihre Frauenarbeit machen wollen, berichtet die heutige Generaloberin Schwester Katharina Ganz. ,,Wir sind ja gegründet worden, um für Frauen da zu sein, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden waren: aus der Haft entlassene Frauen, Prostituierte, Landstreicherinnen.“ Diesen Frauen habe Antonia Werr mit dem Blick auf das Kind einen neuen Anfang ermöglichen wollen: „Wenn Gott so klein in die Welt gekommen ist und mit uns Menschen neu angefangen hat, dann könnt auch Ihr neu anfangen, in aller Armut, in aller Einfachheit, in aller Demut wieder neu beginnen.“

    Tatsächlich pflegt man in Oberzell das ganze Jahr eine „weihnachtliche Spiritualität“. An jedem 25. des Monats stellen die Schwestern die Krippe mit dem Jesuskind auf, singen Weihnachtslieder und beten das Stundengebet von Weihnachten – sogar im Sommer. „Außerdem haben wir in unserer Gemeinschaft eine neunwöchige Vorbereitungszeit auf Weihnachten, also Ende Oktober geht es schon los“, berichtet Schwester Katharina Ganz. „Neun Wochen in Anlehnung an die neunmonatige Schwangerschaft. Eine Spiritualität, mit der Antonia Werr speziell Frauen ansprach.“ So helfen die Franziskanerinnen denen, die auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind, die Begleitung, Hoffnung und Zuwendung brauchen und geben Oberzell jeden Tag neue Ausstrahlung.