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    „Dantabel muss etwas sein, damit es wirklich klingt“

    Auf jeder Seite muss ein Buch beginnen können, in jeder geschilderten Begebenheit die ganze Geschichte enthalten“, dies schreibt Botho Strauß in seinem neuen Buch „Oniritti Höhlenbilder“. Und der im Dezember 72 Jahre alt werdende Schriftsteller, der sich zuletzt mit dem autobiographischen Werk „Herkunft“ und dem Essay „Der letzte Deutsche“ öffentlich zu Wort meldete, mag wissen, dass ihm ein solches „kugelrundes Buch“ einmal mehr gelungen ist, denn „eine Lektüre in verschiedenen Richtungen“, die er ersehnt, lässt das Buch zweifellos zu. Man muss nur ein wenig hinabsteigen in die Schächte und Stollen, dunklen Gänge und Gewinde der Strauß'schen Denk- und Traumwelt.

    Auf jeder Seite muss ein Buch beginnen können, in jeder geschilderten Begebenheit die ganze Geschichte enthalten“, dies schreibt Botho Strauß in seinem neuen Buch „Oniritti Höhlenbilder“. Und der im Dezember 72 Jahre alt werdende Schriftsteller, der sich zuletzt mit dem autobiographischen Werk „Herkunft“ und dem Essay „Der letzte Deutsche“ öffentlich zu Wort meldete, mag wissen, dass ihm ein solches „kugelrundes Buch“ einmal mehr gelungen ist, denn „eine Lektüre in verschiedenen Richtungen“, die er ersehnt, lässt das Buch zweifellos zu. Man muss nur ein wenig hinabsteigen in die Schächte und Stollen, dunklen Gänge und Gewinde der Strauß'schen Denk- und Traumwelt.

    Denn darum geht es in diesem Werk – den Abstieg in die verborgenen Sphären und Schichten des Seins, die Reiche der Verstorbenen und der Lebenden, „Idle City“, das „Märchenreich der gebrechlichen Seelen“, die „Kultstätte der Sichabkehrenden, Schönheitskult ohne Massen-, daher ohne Missionsdrang“. Ein Weg, der in all seiner esoterischen Dunkelheit an den Gang Dantes durch den Läuterungsberg der „Göttlichen Komödie“ erinnert, was Strauß auch gar nicht verheimlicht. „Außer Dante kein Weltbild, das wirklich zum Menschen passt“ oder „Dantabel muss etwas sein, damit es wirklich klingt – auf irgendeiner Saite Dantes muss es widerhallen“.

    Was dem Erzähler, dem „kleinere bewegliche Erzählformen genügen“, auf dieser Reise zusammen mit seinem „Betreuer“ begegnet, ist denn auch durchaus vielschichtig. Zahlreiche schrullige, für Strauß' Werk durchaus typische Individuen wie die „Rückwärtsfahrerin“ gehören genauso dazu wie rätselhafte religiöse Erfahrungen: „Wir gingen zu einem Gottesdienst, und ich erwartete eine Versammlung von nur wenigen Menschen. Stattdessen wurden wir in eine gewaltige Menge von Zuströmenden hineingezogen, einbeschlossen und kamen, als nach kurzer Zeit das Strömen stockte, bald nur noch Kleinstschritt für Kleinstschritt voran.“ Doch das eigentliche Ziel dieser Herde ist nicht durch einen Hirten zu gewährleisten, es ist „ein übersaalgroßer, jeden zu seinem Einzelmenschentum befreiender unbegrenzter Raum“. Der kluge Rat des Anselm von Canterbury („Geh in deine Geist-Höhle, schließ alles aus außer Gott“) scheint sich zu bestätigen. Doch Fragen bleiben: „Zwei Formen der extremen Andacht, zwischen denen der Eremit und der Wüstenheilige sich entscheiden konnten: Bin ich Gott näher in der Verborgenheit oder im erhöhten und offenen Ausgesetztsein? Werde ich ein Höhlen- oder ein Säulenbewohner? Gehe ich hinaus oder umschließe ich mich?“

    Zumal man auf diesem Weg auch dem Bösen und Dämonischen begegnen kann, das oft im Menschen einen Widerhall sucht. Eine Frau mit Strickjacke behauptet: „Ich bin die Grotte, die von Flüchen widerhallt. Ich bin die Höhle, in die sie ihre Schmähung brüllen. Der Schmähstein bin ich. Jeder zweite aus der Liebeszeit tritt her an meinen Rand und brüllt den Fluch in mein Gewölbe.“

    Geradezu poetisch sanft wird Strauß, wenn das Thema auf die Erste Liebe („Ich sah dich vom ersten Augenblick an voraus, …“) fällt, die bei dieser Dantablen Reise auch eine Rolle spielt. „Sie war die Frau, die nicht alles sagte, die sich nie ganz zu erkennen gab.“ Oder: „Er sah sie niemals, ohne die Musik zu hören, die ihren ersten Auftritt begleitete und die, sobald sie tatsächlich irgendwo erklang, ihn im Nu zu ihrer beider Anfang entrückte.“ Lässt sich diese Begegnung wiederholen? „Sind wir nicht einfach wie noch einmal?“ Botho Strauß findet trotz des „totum digitale“, all der defizitären Oberflächenstrukturen der Gegenwart, offenbar einen Halt in diesen Erinnerungsbildern. „Es ist wie mit dem Leuchten erloschener Sterne. Erst Jahrhunderte nachdem der Himmelskörper verglühte, erreicht uns sein Explosionslicht. So ist, was wir sehen, vielleicht vor Lichtjahren geschehen, ist nur ein Nachscheinen längst aufgelassener Szenen. Und wie das Nachscheinen alles ist, was uns zu Augen kommt, besteht auch jedes Wort aus fernem Widerhall, und jeder heutige Tag ist nur ein Effekt aus umfassender Vergangenheit. Alles, was du siehst, war. Du lebst gelebt.“

    „Oniritti Höhlenbilder“ von Botho Strauß ist trotz der angenehm präzisen Sprache kein Buch, das leicht zugänglich ist; es ist ein Buch, das dem Leser viele überraschende und subtile Einblicke gewährt – gerade, was das zuweilen unheilvolle Verhältnis zwischen Mann und Frau betrifft. Botho Strauß zwingt den Leser auch in diesem Buch dazu, tiefer hinabzusteigen, sich nicht mit der Display-Wirklichkeit der Gegenwart zufriedenzugeben. Eine souveräne Expedition auf Dantes Spuren. Ein „kugelrundes Buch“ eben.

    Botho Strauß: Oniritti Höhlenbilder. Hanser Verlag, München 2016, 228 Seiten, ISBN 978-3-446-25402-2, EUR 22,–