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    Aufwachen, ehe die Seele am Galgen baumelt

    Gäbe es eine Favoritenliste der unzeitgemäßen Disziplinen, so stünde die Apologetik vermutlich auf einer Spitzenposition. Um die Fähigkeit, den Glauben mit wissenschaftlichen Argumenten zu verteidigen, ist es selbst an den theologischen Fakultäten schlecht bestellt und gilt oft auch nicht als erstrebenswert. Allein der Dialog scheint noch anschlussfähig zu sein. Wer sich hier am Zeitgeist versündigt, sollte wissenschaftliche Ambitionen schleunigst begraben. Rolf Bauerdick wagt sich mit seiner Verteidigung des Glaubens „Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch“ auf dünnes Eis und bleibt dabei doch unbeschwert-unangreifbar. Eine spirituelle Zeitreise, quirlig erzählt und gespickt mit kurzweiligen Anekdoten und persönlichen Erlebnissen. Uneitel in den autobiografischen Passagen, beleuchtet der Theologe und Fotograf den religiösen Markt der Möglichkeiten. Viele seiner Analysen treffen ins Schwarze. Bauerdick entlarvt den oft sinnentleerten Jargon des etablierten Theologen- und Pastoralbetriebs und geht sowohl auf den fehlgeleiteten geistlichen Erlebnishunger ein als auch auf die Überheblichkeit einer Zeit, die meint, Gott als Wahn abtun zu können und damit dem Relativismus die Türen öffnet: „Der säkulare Mensch macht sich selbst und erfindet sich selbst, ohne allerdings dem höchsten Anspruch an sich je zu genügen.“

    Gäbe es eine Favoritenliste der unzeitgemäßen Disziplinen, so stünde die Apologetik vermutlich auf einer Spitzenposition. Um die Fähigkeit, den Glauben mit wissenschaftlichen Argumenten zu verteidigen, ist es selbst an den theologischen Fakultäten schlecht bestellt und gilt oft auch nicht als erstrebenswert. Allein der Dialog scheint noch anschlussfähig zu sein. Wer sich hier am Zeitgeist versündigt, sollte wissenschaftliche Ambitionen schleunigst begraben. Rolf Bauerdick wagt sich mit seiner Verteidigung des Glaubens „Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch“ auf dünnes Eis und bleibt dabei doch unbeschwert-unangreifbar. Eine spirituelle Zeitreise, quirlig erzählt und gespickt mit kurzweiligen Anekdoten und persönlichen Erlebnissen. Uneitel in den autobiografischen Passagen, beleuchtet der Theologe und Fotograf den religiösen Markt der Möglichkeiten. Viele seiner Analysen treffen ins Schwarze. Bauerdick entlarvt den oft sinnentleerten Jargon des etablierten Theologen- und Pastoralbetriebs und geht sowohl auf den fehlgeleiteten geistlichen Erlebnishunger ein als auch auf die Überheblichkeit einer Zeit, die meint, Gott als Wahn abtun zu können und damit dem Relativismus die Türen öffnet: „Der säkulare Mensch macht sich selbst und erfindet sich selbst, ohne allerdings dem höchsten Anspruch an sich je zu genügen.“

    Als Kardinal Ratzinger die entscheidende Frage stellte

    In einer Zeit des religiösen Analphabetentums beginnt die zeitgemäße Verteidigung des Glaubens aus Bauerdicks Sicht mit den richtigen Fragen: „Unsere Freiheit hat uns erlaubt, uns von Gott zu verabschieden. Aber nie waren wir freier, in der Erfahrung des Verlustes nach Gott zu fragen.“ Ort und Zeitpunkt, sich mit der Gottesfrage zu befassen, mögen je nach Lebenslauf verschieden sein. Bei den meisten Menschen fräst der Tod eine Schneise in die innere Gedankenwelt. Der Autor erinnert an die Predigt des Kardinaldekans Ratzinger zu Beginn des Konklaves 2005, die „wie ein Eiland im Ozean der Banalitäten“ aufgetaucht sei. Dem noch unter dem Eindruck des Todes von Johannes Paul II. stehenden Kardinalskollegium stellte der spätere Papst Benedikt XVI. schlicht die Frage „Was bleibt?“, um an die für die Ewigkeit geschaffene menschliche Seele zu erinnern. In dieser Form stellt sich die Wahrheitsfrage im 21. Jahrhundert aber auch jenen, die keine Glaubenswahrheiten mehr im Kopf haben und das Vaterunser nicht beten können. „Mit schien, als halte diese Frage den Strom der Zeit an“, erinnert sich der Autor und lässt das zeitgenössische Miniaturtheater der Kirchenkritiker und Gottesleugner vor dem Leser vorüberziehen, deren argumentative Munition angesichts der Frage nach der Ewigkeit nicht schlagkräftig ist, aber geistliche Verwüstungen hinterlässt. Bauerdick erkennt die tückische Gefahr hinter sinnentleerten Begriffen – Gott, Seele, Ewigkeit, Erkenntnis oder Liebe sagen vielen Zeitgenossen nichts mehr – und als ein Opfer dieses Bedeutungsverlustes die Kirche: „Nun hat sie es mit einem Feind zu tun ungleich gefährlicher als alle Gegner der Vergangenheit. Dieser Feind greift nicht mehr von außen an. Er heftet sich an die Begriffe, dockt sich an wie ein Virus, der die Hüllen der Worte durchstößt und zu ihrem inneren Kern vordringt. Zu der Idee des Bleibenden.“

    Nie hatte die Menschheit mehr Möglichkeiten, sich von ihrer inneren Leere abzulenken als heute. Wenn die Seele in ein Nichts taumelt, tritt die Spaßgesellschaft auf den Plan. „Die Seele hängt tatsächlich nur noch an einem dünnen Faden, baumelnd am Galgen der Banalität“, beschreibt Bauerdick den Istzustand vieler Zeitgenossen. Andererseits konnten sich die Menschen noch nie freier begegnen als heute. Wie der Glaube über persönliche Begegnungen in Menschen wachsen und Fragen nach dem Ewigkeitswert der Dinge wecken kann, schildert der Autor anschaulich durch seine Reiseberichte. Wegweisend sind nicht nur leuchtende Vorbilder wie der selbstlose Seelsorger unter mexikanischen Müllsammlern. In Zeiten geistlicher Orientierungslosigkeit bedeutet es oft schon viel, zu wissen, was man nicht braucht. Reisen an die Ränder haben den Autor von exzentrischen freien Christengemeinden in den Appalachen zu spektakulären Teufelsaustreibungen in Osteuropa geführt. Ironisch, aber nicht herabsetzend schildert das Buch, wie Karikaturen des Religiösen auftauchen, wenn sich ungezähmter geistlicher Erlebnishunger und persönliche Trostbedürftigkeit paaren. Dabei taugt manchmal schon ein stiller Friedhofsbesuch als Anregung zum Nachdenken.

    Die Denkfehler der Gottesverächter entlarvt

    Selten paart sich moderne Apologetik mit einem solchen Rerchercheaufwand wie bei Bauerdick. Von einer literarischen Ikone wertkonservativer Christen wie Chesterton spannt er den Bogen über John Lennon und Joseph Beuys bis zu eifernden Atheisten. So entsteht vor den Augen des Lesers ein buntes Geflecht aus Argumenten und Beobachtungen – unsystematisch, aber anregend zu lesen. Und auch hier überzeugt der Ansatz, Argumente auf ihre Ewigkeitstauglichkeit hin zu durchleuchten, um kurzsichtiges Geschwätz, vermeintliche Widersprüche und die Schlachten von gestern vom zeitlos Beständigen und der Wahrheit zu unterscheiden. Wie Bauerdick die Denkfehler der Gottesverächter entlarvt, hat Stil und Logik. Schwerer tut sich der Rahnerschüler mit einer volkstümlichen Heiligen wie Bernadette Soubirous. Diese innerlich aufrechte und selbstständig denkende Frau kommt in dem Buch zu schlecht weg. Zwischen dem Gehorsamsverständnis der akademischen Theologie unserer Zeit und einer einfachen Ordensfrau des 19. Jahrhunderts klafft eine Lücke, die sich kaum mit Urteilen wie „eine Frau mit zerstörtem Willen“ überspielen lassen.

    Doch davon abgesehen regt die Lektüre an. Ein geistliches Sittengemälde wirft farbige Lichter auf ziellose Wanderer und „Pilger auf Königsweg“ und kommt immer wieder auf das Kernthema des Glaubens zurück – die Frage, „was die Menschwerdung Gottes in der Gestalt Jesu Christi für den Menschen bedeutet“. Aussagen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses und der biblischen Geschichte inklusive. Für Gottsucher ist das Buch voller Leuchtspuren.

    Rolf Bauerdick: Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch. Eine Verteidigung des Glaubens. DVA, München 2016, 334 Seiten, EUR 19,99