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    Antikes neu entdeckt

    Gott mache unablässig das Werden, endet ein Buch von Aristoteles, das man geradezu als neu bezeichnen könnte. Denn seit hundert Jahren ist es in Deutschland nicht mehr zur Kenntnis genommen worden, die Forschung hat es ignoriert. Grund genug, es neu zu entdecken. Es handelt sich um die kleine Schrift „Über Werden und Vergehen“, die der Felix Meiner Verlag jetzt dankenswerterweise herausgegeben hat, zweisprachig auf deutsch und griechisch.

    Gott mache unablässig das Werden, endet ein Buch von Aristoteles, das man geradezu als neu bezeichnen könnte. Denn seit hundert Jahren ist es in Deutschland nicht mehr zur Kenntnis genommen worden, die Forschung hat es ignoriert. Grund genug, es neu zu entdecken. Es handelt sich um die kleine Schrift „Über Werden und Vergehen“, die der Felix Meiner Verlag jetzt dankenswerterweise herausgegeben hat, zweisprachig auf deutsch und griechisch.

    Werden und Vergehen war schon einige Male in der Geistesgeschichte ein Thema, so etwa in Nietzsches „Unschuld des Werdens“ oder in Hölderlins Abhandlung „Werden im Vergehen“. Aristoteles aber beansprucht für sich, das Thema als erster behandelt zu haben und grenzt sich damit ausdrücklich von Platon und den Vorsokratikern ab, besonders von Empedokles, Demokrit und Leukipp. Denn Aristoteles' Vorgänger hätten nur die Veränderung untersucht, die sich an etwas vollzieht und in Teilen ineinander übergeht, nicht aber das Werden und Vergehen, wobei ein Ganzes entsteht oder vergeht und wobei es auch letztlich um die Ursachen für das Entstehen und Vergehen von Lebendigem geht. Allerdings stießen diesen Fragen auf wenig Interesse, und noch 1966 schrieb Ingemar Düring in seinem Standardwerk zu Aristoteles über das Werden aus Nichtseiendem: „Über die Primitivität dieser Lehre braucht man kein Wort zu verlieren.“ In England, Frankreich und Holland sieht man das ganz anders, und bei so viel unterschiedlicher Meinung sollte man einfach zur Lektüre greifen. Fest steht, dass „Über Werden und Vergehen“ in Anknüpfung an „Über den Himmel“ („De Caelo“) geschrieben ist. In der früheren Schrift geht es auch schon um Bewegung, um die Rotation des Himmels etwa oder um die Geschwindigkeit oder Achse der Gestirne, aber nicht um die Bewegung des Werdens und Vergehens. Aber jetzt geht es um mehr. Was bis heute in der Esoterik von der frühen griechischen Philosophie überlebt hat, das Gerede über die vier Elemente als Grundqualitäten des Daseins, hat Aristoteles schon in „Über Werden und Vergehen“ als Nonsens zurückgewiesen. Auch die Theorien über das All-Eine oder über die Leere nennt er „Wahnsinn“.

    Für Aristoteles ist klar, dass alles, was „aus Notwendigkeit schlechthin“ entsteht und vergeht, eine Bewegung im Kreis sein muss, und er nennt als Beispiel die Bewegung des Himmels, die mit der Sonne die Jahreszeiten entstehen und vergehen lässt. Nicht im notwendigen Kreislauf ist hingegen, dass ein Vater wieder Vater wird. Aristoteles hätte hier auch sein Verständnis von Gott anführen können, den göttlichen Nus als das sich selbst denkende Denken, um die notwendigen Verhältnisse des Seins zu klären, als das, was sich selbst voraussetzend entfaltet und vollendet. So gelingt dem antiken Denker hier die Verbindung naturphilosophischer Gedanken mit Andeutungen seiner Lehre vom unbewegten Beweger und lässt an die theologischen Bezüge denken. Ein Buch also, das auch heute seine Leser finden muss.

    Aristoteles: Über Werden und Vergehen – De generatione et corruptione. Griechisch-deutsch, übersetzt und kommentiert von Thomas Buchheim. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2011, 160 Seiten, ISBN-13 978-3787321407, EUR 18,90